Zeit.Gerecht

Hipster, Hippies und die Freiheit

Artikel veröffentlicht am 17. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 17. Oktober 2013

Ein unzufriedenes Herumgelaber über die Schlafwandler unserer Generation, denen der Mut sich zu engagieren fehlt. Nützen wir doch unsere Möglichkeiten

Drei mehr oder weniger undefinierbare Begriffe- da stellt man sich die Frage, wo man überhaupt beginnen soll. Was haben die denn miteinander zu tun? 

Das medial zuletzt meistdiskutierte ist bestimmt der Hipster. Der Hipster existiert genausowenig wie der Hippie oder die Freiheit. Hört oder liest man den Begriff, würgt man schon, dabei war es durchaus mal cool ein Hipster zu sein (und schon wieder ein Schauer beim Niederschreiben dieses Wortes). Niemand will einer sein, wer es behauptet ist sowieso keiner. Wir werfen mit dem Begriff um uns, wiederkäuen die Diskussionen, verwenden ihn als Schimpfwort und werden selbst so bezeichnet. Über einen erkennbaren Stil einer solchen Kreatur lässt sich streiten, denn er ist ja eigentlich anders als die anderen. Ob er jetzt ein Nokia 3310 oder ein Iphone mit Instagram hat, sei ebenso dahingestellt. Wohnt er in Neukölln, Kreuzberg, Wedding oder gar Moabit? 

Hippies und der unaussprechliche -nennen wir ihn- H haben etwas gemeinsam. Subkulturen, die sich vor allem im Hier und Jetzt großer (Beliebtheit ist übertrieben, darf man ja nicht zugeben) Aufmerksamkeit erfreuen. Der schweizer Soziologe Walter Hollstein fasste die Bewegung der Hippies folgendermaßen zusammen: „Das Ziel der Hippies war eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung, Grausamkeit und Kriege.“  Uschi Obermaier fällt einem sofort als Gegenbeispiel ein, ansonsten kann man den Satz durchaus stehen lassen. 

Hollstein fährt fort: "Der Gesellschaft der Angst, wo ein jeder sich vor dem Vorgesetzten, dem Nachbarn, der Polizei, dem Schicksal und dem Anonymen fürchtet, boten die Hippies mit einer Gemeinschaft Paroli, in der die Freiheit die Autorität, Zusammenarbeit den Wettbewerb, Gleichheit die Hierarchie, Kreation die Produktivität, Ehrlichkeit die Heuchelei, Einfachheit den Besitz, Individualität den Konformismus und Glück den platten Materialismus dominieren sollten"

Hat eben nicht ganz geklappt, widerspricht der Natur des Menschen. Doch er erwähnt dieses eine Wort Die Freiheit. Eine der vielen Definitionen lautet: Freiheit bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, aus eigenem Willen Entscheidungen zu treffen. Niemand vermag diese Utopie Freiheit allerdings in Worte zu fassen. Seit Jahrhunderten feilen Philosophen, Politiker und allerhand intelligente Menschen daran herum, formulieren Thesen und widersprechen ihnen wieder.  Je ungenauer und abstrakter die Umschreibung, desto besser scheint sie zu passen. So bleibt ein großer Spielraum für jeden einzelnen sich das Wort in seinem Sinne zusammen zu reimen. 

Mit dem H(ipster), sind auch die Hippies wieder in Mode gekommen. Ob ehemaliger Krocha oder Übersnob, Peace-Zeichen sind von Primark bis Chanel überall zu finden. Damals wurde für die Freiheit gekifft, demonstriert, wurden Songs geschrieben und Reden gehalten. Heute spielt sich das alles online ab. Noch nicht mal wirklich für die Freiheit, sondern eher für das einzelne Individuum. Ein Sharen auf Facebook, eine Unterschrift bei einer Online-Petition, ein Shitstorm gegen einen Politiker- das höchste der Gefühle ist ein Flashmob. 

Ich allen voran, bin megafasziniert von der Hippie-Mode, der Musik, dem ganzen Drumherum. Zumindest oberflächlich. Freiheit- wollte ich mir sogar in einem schwachen Moment auf arabisch tättowieren lassen und habe mir eingebildet, dass das die Nichtexistenz meiner Religion ersetzen würde. Dann irgendwann im Laufe meiner späten Pubertät die Eingebung, dass Freiheit ebenso unrealistisch wie Gott ist. Vielleicht kann sie partiell existieren, aber man wird sie nie vollständig erleben. Es ist und bleibt eine schöne Vorstellung frei zu sein, wie es ein amerikanischer Journalist formulierte: Freiheit - eines der kostbarsten Güter der Einbildungskraft. Das kann einem auch keiner wegnehmen. 

Utopisch war die Freiheit immer schon, aber man kämpfte dennoch mit vollster Überzeugung für sie. Es existierte ein Protest, der hip war. Es war cool, sich zu engagieren. Wer engagiert sich heute? Alle, die sich engagieren sind die Linkslinken, die Ökomenschen, die Hippies, die Veganer, ... Wahrscheinlich wurden die Hippies von der älteren Generation schon so genannt. Von den Konservativen. Aber die Mitstudenten? Die Jungen? War von denen so wenig Verständnis da? 

Ich erwarte nicht von meinen Mitbürgern, dass sie obenrum entblößt, mit Joints in der Linken und in der Rechten einem Schild mit dem Aufdruck Bombing for freedom, is like fucking for virginity die Straßen bevölkern. Das würde ja à la Regenbogenparade wieder viele gegen die Meinung, für die eigentlich demonstriert wird, richten. Aber das ist wieder ein anderes Thema. 

Ich muss zu einem Ende kommen. Weiß, dass ich wegen den paar Online-Petitionen, Bio-Produkten, Kaum-Fleisch-Essen, dem bisschen sozialen Engagement, dem Geschwafel über die Freiheit und der Second-Hand-Mode gerne mal als Linkslinker-Öko-Gutmensch bezeichnet werde. Das stört mich. Nicht, weil ich es nicht sein will. Sondern es einfach nicht bin. Das was ich tue und vertrete ist nicht einmal so links und sollte eigentlich ein Minimum an Standard sein.