Zeit.Gerecht

Ach du liebe zeit!

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2013
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2013

25. Juni 2013. Ich sitze im Vorlesungssaal für Orientalisik der Uni Wien. Stühle werden verschoben, Unterlagen noch ein letztes Mal durchblättert, Studentenausweise hervorgekramt. Tuschelnde Stimmen und eine allgemeine Prä-Prüfungsnervosität hängen in der Luft.

Es ist stickig und heiß, trotz der fast winterlichen Bedingungen vor den Türen. Der Klimawandel macht dem Wetter wieder einmal zu schaffen. Nach einer Woche lang 38° Grad und Dauersauna, wird man ohne Vorwarnung in eine triste, verregnete Novemberwoche entlassen.
Während die Prüferin mit den Studenten über die 5-Minuten Regel diskutiert, mache ich mir Gedanken über meine Zukunft. Doch schon wenige Minuten später bekomme ich einen Prüfungsbogen hingeknallt. Spätestens jetzt sollte ich meine Aufmerksamkeit auf die aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt lenken. Ich sehe mir die Gesichter meiner konzentrierten Mitstudenten an. Manche beginnen hastig, als würden sie ihr Wissen ganz schnell los werden wollen, bevor sie es vergessen. Oder angeben, wie gut sie den Stoff gelernt haben. Andere wiederum lassen sich Zeit. Sie kauen an dem Ende ihres Stiftes herum. Verzweiflung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige ziehen Grimassen beim Lesen der Fragen. Abgesehen von vereinzeltem Husten oder Räuspern, ist es nun still. Man hört man lediglich das Kratzen vieler Stifte auf Papier.
Ich lasse mein Blick langsam über die Fragen schweifen. Datum über Datum schreibe ich nieder: 18. Februar 2011 Massenproteste in Benghazi. 22. Feburar 2011 Demonstrationen im Südirak. 5. März 2011 Demonstrationsverbot in Saudi-Arabien. 1. Juli 2011 veränderte Verfassung in Marokko. Eines nach dem anderen hagelt aufs Papier. Und mitten im Schreib-Flow zwischen sich bekriegenden Schiiten und Sunniten wird die Idee eines Blogs geboren.