Wien

Mörder in Freiheit I

Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2014

Wie Österreich mit nationalsozialistischen Verbrechern nach dem Staatsvertrag umging - ein Beispiel

Franz Murer wurde 1912 in der Stei­er­mark ge­bo­ren. Be­kannt­heit er­lang­te unter dem Bei­na­men "der Schläch­ter von Vil­ni­us". 1994 starb er, we­ni­ge Ki­lo­me­ter von sei­nem Ge­burts­ort ent­fernt. 

Die Verbrechen

Inzwischen trat er der NSDAP bei und wurde 1941 zu­stän­dig für "jü­di­sche An­ge­le­gen­hei­ten" in Vil­ni­us. Wäh­rend sei­ner Amts­zeit, die bis 1943 an­dau­er­te, sank die Zahl der jü­di­schen Be­völ­ke­rung von 80.000 auf 600. Er hatte einen grau­sa­men Ruf als Sa­dist. Ein bestechlicher Sadist - mit Schmuck und Gold konn­te man sein Ur­teil mil­dern.

Simon Wie­sen­thal be­rich­tet wie man unter sei­nem Be­fehl zwei Grup­pen zu­sam­men kom­men ließ. Ein Ar­beits­kom­man­do, das die Be­tei­lig­ten der an­de­ren Grup­pe im na­he­lie­gen­den Wald hin­rich­ten soll­te. Beim Ar­beits­kom­man­do be­fand sich der Vater eines 17-Jäh­ri­gen, der Sohn war in der an­de­ren Grup­pe. Der Junge ver­such­te sich zu sei­nem Vater zu schlei­chen. Murer er­wisch­te ihn und er­schoss ihn vor den Augen des Va­ters.

Ein an­de­rer Zeuge be­rich­tet von dem Ver­bot im Ghetto Kin­der zu be­kom­men. Murer nahm einer Mut­ter das Kind ab, ver­gif­te­te es und warf es ihr mit einem La­chen zu­rück ins Bett. Wiederum ein anderer berichtet von einem Mädchen mit krummen Rücken, das im Ghetto die Straße entlang lief und an Murer vorbeikam. Er soll zu einem Deutschen gesagt haben "Schauen Sie bloß, was es für Mist in diesem Ghetto gibt!", zückte seine Pistole und erschoss die etwa 10-Jährige. 

Die Folgen

1947 hält sich Simon Wiesenthal in Gaishorn auf und stößt dort zufällig auf Murer. Er wird den Alliierten übergeben und landet im Zentralgefängnis Graz. 1948 reichen ihn die Briten, die bisher die Verantwortung trugen, weiter an die Sowjetunion. Viele sagen gegen seine grausamen Verbrechen aus, ein Jahr später wird er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 

1955 ​- jeder Österreicher kennt die Jahreszahl, der Staatsvertrag. Mit der Freiheit Österreichs übergibt die Sowjetunion alle Kriegsgefangenen und Kriegsverbrecher an die junge Republik. Die Übergabe war im ursprünglichen Sinne nicht mit einer Freilassung gleichzusetzen. Doch 1960 stößt Wiesenthal wiederum auf Murer. So rief er im Zuge der Murer-Akte bei dem Posten in Gaishorn an, um nach Details der Verhaftung zu fragen. Der Polizist meint, er wisse zwar nichts, zeigt sich aber hilfsbereit.  Er würde sich später noch einmal melden und in der Zwischenzeit Murer befragen. Wiesenthal zeigt sich entsetzt. Murer war also frei. Er rief wiederum beim Justizministerium an. Dort erklärt man, es sei wohl ein bürokratischer Fehler unterlaufen. 

Dank dem bürokratischen Fehler hatte es Murer inzwischen zum Mitglied der ÖVP geschafft und war zum Mitglied der Bezirkslandwirtschaftskammer gewählt worden. Als Wiesenthal 1962 mit internationaler Unterstützung eine neuerliche Festnahme gelingt, protestieren die Kollegen Murers gegen die Festnahme. Bei der folgenden Gerichtsverhandlung sagen wiederum Zeugen aus, unter anderem auch der Vater, dessen Sohn erschossen wurde. Der Urteilsspruch lautet: "Nicht schuldig." Murer ist endgültig frei.