Wien

Lügen und Vorurteile im Kalten Krieg

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2014

„Die Ge­schich­te wird von Sie­gern ge­schrie­ben“, das ist eine mitt­ler­wei­le all­seits an­er­kann­te Theo­rie in der Wis­sen­schaft. Die Ge­schich­te der Tsche­cho­slo­wa­kei der Zwi­schen­kriegs­zeit und wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs kennt je­doch keine Sie­ger. Es ist die Ge­schich­te der er­mor­de­ten Juden, der un­ter­drück­ten und aus­ge­beu­te­ten Tsche­chen und der ver­trie­be­nen Su­de­ten­deut­schen. Diese ver­schie­de­nen Volks­grup­pen haben - Jahr­zehn­te lang durch den Ei­ser­nen Vor­hang ge­trennt - die ge­mein­sa­me Ge­schich­te ganz un­ter­schied­lich er­zählt und eine Dar­stel­lung voll von ge­gen­sei­ti­gen An­schul­di­gun­gen und Vor­ur­tei­len ge­schaf­fen, die nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges ge­mein­sam kor­ri­giert wer­den muss­te.

Schon bei der Grün­dung der Tsche­cho­slo­wa­kei nach dem Ers­ten Welt­krieg waren Na­tio­na­li­tä­ten­kon­flik­te vor­pro­gram­miert. Die Ge­bie­te in Böh­men und Mäh­ren, die mehr­heit­lich deutsch­spra­chig waren, er­ho­ben An­spruch auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht und woll­ten sich der Re­pu­blik Deutsch-Ös­ter­reich an­schlie­ßen, oder eine au­to­no­me Stel­lung in der Tsche­cho­slo­wa­kei er­hal­ten. Der tsche­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ed­vard Beneš hin­ge­gen be­haup­te­te, die deut­schen Sied­lungs­ge­bie­te wären zur Selbst­ver­wal­tung gar nicht fähig, ein dar­auf fol­gen­der Ge­ne­ral­streik wurde blu­tig nie­der­ge­schla­gen.

Un­ter­drü­ckung und Ras­sen­wahn

Als 1935 die Su­de­ten­deut­sche Par­tei ge­grün­det wurde, deren ideo­lo­gi­sche Wur­zeln zum Teil in der Volks­kamp­fi­deo­lo­gie lagen, wurde diese von 68% der Su­de­ten­deut­schen ge­wählt. Die Par­tei ver­si­cher­te Adolf Hit­ler 1937 ihre Loya­li­tät und er­hielt von ihm die Wei­sung kei­nen tsche­chi­schen Lö­sungs­vor­schlä­gen im Na­tio­na­li­tä­ten­kon­flikt zu­zu­stim­men, dies war einer der Grün­de wes­halb Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en einem An­schluss der deut­schen Sied­lungs­ge­bie­te an das Deut­sche Reich zu­stimm­ten. Der Groß­teil der Su­de­ten­deut­schen be­grüß­te den An­schluss und die Deut­schen wur­den in vie­len Städ­ten ju­belnd emp­fan­gen, wo­durch auf tsche­chi­scher Seite spä­ter die Ver­trei­bung der Su­de­ten­deut­schen le­gi­ti­miert wurde.

Durch den Weg­fall der deut­schen Sied­lungs­ge­bie­te ver­lor die von Hit­ler so­ge­nann­te „Rest-Tsche­chei“ etwa die Hälf­te ihres Staats­ge­bie­tes und auch die meis­ten In­dus­trie­zen­tren. Die Folge waren große wirt­schaft­li­che Pro­ble­me und eine Un­ter­le­gen­heit ge­gen­über dem Deut­schen Reich, die am 15. März 1939 zur Be­set­zung der „Rest Tsche­chei“ führ­te. Im von da an „Pro­tek­to­rat Böh­men und Mäh­ren“ ge­nann­ten Ge­biet waren Deut­sche Staats­bür­ger, Tsche­chen je­doch nicht. Der Plan der deut­schen Be­sat­zer war es, alle Reichs­geg­ner zu li­qui­die­ren und alle „rei­nen“ Sla­wen aus­zu­sie­deln, oder eben­falls „phy­sisch zu ver­nich­ten“. Le­dig­lich ein Drit­tel der tsche­chi­schen Be­völ­ke­rung hiel­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten für ras­sen­mä­ßig wert­voll, die­ser Teil soll­te ein­ge­deutscht wer­den. Auf­grund zahl­rei­cher Hin­rich­tun­gen von Par­ti­sa­nen und An­ge­hö­ri­ger ver­folg­ter Min­der­hei­ten und der Toten aus deut­schen Ge­fäng­nis­sen und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern be­trägt die tsche­chi­sche Op­fer­zahl des NS-Re­gimes 122.000 Per­so­nen. Zu­sätz­lich wur­den meh­re­re tau­send Men­schen zwangs­um­ge­sie­delt und die tsche­chi­sche Be­völ­ke­rung durch hohe Kriegs­steu­ern und Ent­eig­nun­gen wirt­schaft­lich aus­ge­beu­tet.

Ver­trei­bung und Mord als „ge­rech­te Jus­tiz“

Um das Na­tio­na­li­tä­ten­pro­blem nach dem Krieg zu lösen, plan­ten die Al­li­ier­ten schon 1942 eine Aus­sie­de­lung der Deut­schen aus dem Ge­biet der Tsche­cho­slo­wa­kei, also war dies keine rein tsche­chi­sche Idee.

Ob­wohl tsche­chi­sche Par­ti­sa­nen stän­dig ver­folgt wur­den, kam es zu Kriegs­en­de zu einem Auf­stand in Prag, der erst durch die An­kunft Al­li­ier­ter-Trup­pen be­en­det wurde. Die Par­ti­sa­nen Grup­pen, die sich nicht auf­lös­ten, ver­trie­ben in den dar­auf fol­gen­den „herr­schafts­lo­sen“ Wo­chen mehr als eine halbe Mil­li­on Su­de­ten­deut­sche, wobei es mehr­mals zu Miss­hand­lun­gen, Hin­rich­tun­gen und grau­sa­men To­des­mär­schen kam. Die Mit­tä­ter­schaft des Staats­ap­pa­rats an die­ser „wil­den“ Ver­trei­bung, (tsche­chisch: Odsun) wurde lange be­strit­ten, mitt­ler­wei­le wird aber auf tsche­chi­scher Seite ein­ge­räumt, dass auch die Armee daran be­tei­lig war. Nach­dem die Armee das Staats­ge­biet unter Kon­trol­le ge­bracht hatte, be­gann die staat­lich or­ga­ni­sier­te Ver­trei­bung/Aus­sie­de­lung. Dazu wur­den Sam­mel und -Ar­beits­la­ger er­rich­tet, wel­che als Basis zum Trans­fer dien­ten. In die­sen La­gern waren von 1945-1948 auch Kin­der jah­re­lang ein­ge­sperrt und viele lie­ßen dort ihr Leben. Durch die Beneš-De­kre­te ver­lo­ren alle, die 1945 die Staats­bür­ger­schaft des Deut­schen Reichs be­ses­sen hat­ten, die tsche­chi­sche. 1946 war die Tsche­cho­slo­wa­kei ein eth­nisch ho­mo­ge­ner Staat, drei Mil­lio­nen Deut­sche waren ver­trie­ben wor­den und su­de­ten­deut­sche Dör­fer waren dem Erd­bo­den gleich­ge­macht wor­den als hät­ten sie nie exis­tiert.

Ein­deu­ti­ge Sta­tis­ti­ken über die Men­schen­ver­lus­te der Ver­trei­bung zu er­stel­len, er­wies sich in Folge als sehr schwie­rig. Wäh­rend sich in Deutsch­land of­fi­zi­el­le Schät­zun­gen auf 225.600 Per­so­nen be­lie­fen, wurde von tsche­chi­schen For­schern oft eine ver­schwin­dend ge­rin­ge­re Zahl an­ge­nom­men. Erst eine 1997 von einer tsche­chisch-deut­schen Kom­mis­si­on durch­ge­führ­te Un­ter­su­chung ergab eine rea­lis­ti­sche Op­fer­zahl von un­ge­fähr 30.000 Per­so­nen.

Doch nicht nur Sta­tis­ti­ken, auch die all­ge­mei­ne Be­ur­tei­lung der Su­de­ten­ver­trei­bung fiel wäh­rend des Kal­ten Krie­ges in Tsche­chi­en und in Deutsch­land oder Ös­ter­reich völ­lig un­ter­schied­lich aus und be­stand vor allem aus ge­gen­sei­ti­gen An­schul­di­gun­gen und Schuld­zu­wei­sun­gen. Tsche­chi­sche His­to­ri­ker neig­ten dazu die Un­ter­stüt­zung der Su­de­ten­deut­schen Par­tei und des An­schlus­ses durch die Su­de­ten­deut­schen zu be­to­nen und auf die Gräu­el­ta­ten wäh­rend der Be­sat­zung durch das Deut­sche Reich hin­zu­wei­sen. In Deutsch­land hin­ge­gen be­rief man sich auf die Miss­ach­tung des Rechts auf Selbst­be­stim­mung der Völ­ker 1918 und auf die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wäh­rend der Ver­trei­bung. Es gab nur zwei An­schau­un­gen: Ent­we­der wurde die Su­de­ten­ver­trei­bung be­für­wor­tet oder als il­le­ga­le Ver­gel­tung be­zeich­net, ein wei­te­rer Kon­text wurde kaum be­ach­tet.

Die Wende als Chan­ce zur Aus­söh­nung?

Erst in den letz­ten 25 Jah­ren nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­han­ges wurde so­wohl von tsche­chi­schen aus auch von ös­ter­rei­chi­schen und deut­schen His­to­ri­kern be­gon­nen neu zu for­schen. Durch Zu­sam­men­ar­beit wurde ein in­ter­na­tio­na­ler und ob­jek­ti­ver Kon­sens ge­schaf­fen. Die Ver­trei­bung der Su­de­ten­deut­schen wird heute von allen Sei­ten ver­ur­teilt, im Hin­ter­grund des Zwei­ten Welt­kriegs aber als er­klär­bar an­ge­se­hen. Bei einer ge­mein­sa­men Lan­des­aus­stel­lung Ober­ös­ter­reichs und Süd­böh­mens 2013 wurde die Ge­schich­te der Tsche­cho­slo­wa­kei bis 1945 dar­ge­stellt. Auch im re­gio­na­len Be­reich kann durch die Öff­nung der Gren­ze die Ge­schich­te ge­mein­sam auf­ge­ar­bei­tet wer­den. So keh­ren un­zäh­li­ge Ver­trie­be­ne zu­rück an die Orte, in denen sie frü­her ge­lebt haben, und an wel­che heute nur mehr ein­zel­ne Mau­er­res­te er­in­nern. Die Rück­keh­rer brin­gen Haus­num­mern und Na­mens­schil­der an, um an ihre zer­stör­ten Dör­fer zu er­in­nern und vie­ler­orts ar­bei­tet die tsche­chi­sche Be­völ­ke­rung mit ihnen zu­sam­men. In Glö­ckel­berg in Süd­böh­men, wo frü­her ein deut­sches Dorf stand, wird bei­spiels­wei­se ein Mu­se­um zum Ge­den­ken an die Ver­trie­be­nen be­trie­ben. Ös­ter­reich und Tsche­chi­en haben eine lange ge­mein­sa­me Ge­schich­te, die ge­mein­sam er­in­nert wer­den muss, damit sie rich­tig auf­ge­ar­bei­tet und dar­ge­stellt wer­den kann.