Wien

IS, Dschihad und der Islam - alles dasselbe?

Artikel veröffentlicht am 15. November 2014
Artikel veröffentlicht am 15. November 2014

Nachrichten vom IS und radikalen Muslimen aus Österreich, die in den Irak und nach Syrien in den Dschihad  ziehen, überfluten seit Monaten die Medien. Der Alltagsrassismus gegen Muslime in Wien scheint seitdem zugenommen zu haben. Was bedeutet das für Muslime, die in Wien leben? Nermin Ismail, Journalistin und Politologin, erzählt, wie sie die Situation erlebt.

CB: Du hast in letzter Zeit auf Facebook über Vorfälle von Rassismus im Alltag gegen Muslime gepostet. Hast du das Gefühl, dass der Rassismus gegen Muslime in Österreich momentan zunimmt?

Nermin Ismail: Ja. Leider ist das nicht nur ein Gefühl, es sind Tatsachen. Diese Woche erst wurden drei Mädchen in Wien angegriffen und als „Terroristen“ beschimpft. Es gibt also Frauen, die auf den Straßen angegriffen werden, weil sie als Muslime erkannt werden, es gibt zahlreiche Beschmierungen und Hetzeaufrufe. Ein Grund dafür ist die Vermischung von zwei unterschiedlichen Sachen. Einerseits das, was im Ausland passiert - die momentane Lage in Syrien und im Irak. Menschen, die im Namen des Islams Gräueltaten verüben. Andererseits Muslime, die in Österreich leben und mit dem überhaupt nichts zu tun haben. Muslime, die hier leben, hier geboren sind, haben genauso wenig mit Syrien zu tun, wie andere Österreicher. Das sind zwei Ebenen die grundsätzlich vermischt werden. So ist die Berichterstattung auch nicht sehr differenziert und das führt zu Verwirrungen. Diesen Gräueltaten fallen ja dort vor allem Muslime zum Opfer – das geht in der Diskussion total unter. Also ja, ich habe schon das Gefühl, dass der Rassismus zunimmt. Ich war in der Zeit nach dem 11. September noch zu jung, aber ich habe gehört und gelesen, dass Muslime nach dem 11. September Änderungen im Umgang gespürt haben. Dass Menschen begonnen haben, sie komisch anzuschauen und, dass es mehr Übergriffe gab. Gute Freunde und Bekannte, meinen, dass ihnen die Spannungen jetzt noch schlimmer vorkommen, als nach dem 11. September. Momentan hört man ständig von Enthauptungen, Drohungen, Krieg. Das hat aber mit der Religion an sich nichts zu tun. Hinter der IS stehen Menschen, die kriminell sind und die Religion für die Durchsetzung ihrer politischen Machtinteressen missbrauchen.

Könnte der Grund dafür sein, dass man in den Medien ständig von jungen Österreichern und Österreicherinnen hört, die in den Dschihad ziehen? Vermittelt wird, dass der Konflikt sehr nahe bei uns ist. Das macht vielen Angst.

Für viele Medien gilt „bad news are good news.“ Nähe ist ebenso wichtig.  Das heißt, es muss Nähe erzeugt werden, um über solche „bad news“ täglich berichten zu können. Sicher gibt es junge Menschen die sich radikalisieren, aber das sind nicht so viele, wie es in den Medien dargestellt wird. Ich glaube die Zahl liegt momentan bei 150 Jugendlichen. Das ist eigentlich sehr wenig bei 500.000 Muslimen in Österreich. Natürlich ist es sehr schlimm, aber es wird übertrieben aufgebauscht. Die Darstellungen enden schnell in einem Generalverdacht. Alle werden in denselben Topf geworfen und das ist einfach nicht fair. Wenn man sich dann auch näher ansieht, warum sich diese Menschen radikalisieren, ist laut Studien wie die MI5-Studie, weil sie das Gefühl haben, dass sie in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden, weil sie Zugehörigkeit suchen.

 Ihnen wird vermittelt, dass sie anders sind, nur weil sie Muslime sind. Auch die Arbeiten von Marc Sageman zeigen, dass Muslime, die sich radikalisieren religiös ungebildet sind. Es ist also ein Gefühl der Ablehnung gepaart mit einer sozial prekären Situation, wenig Chancen am Arbeitsmarkt und Bildungsferne.

Heute hast du gepostet, dass du, als du in Malaysien warst, immer zuerst auf der Landessprache angesprochen wurdest und die Leute zuerst davon ausgegangen sind, dass du dort lebst. Dann bist du nach Wien zurückgekommen – dein eigentliches Zuhause – und ein Mann in der Straßenbahn schimpft, dass du dahin zurückgehen sollst, von wo du herkommst. Passiert dir Ähnliches öfter in Wien?

Mir persönlich macht das nichts aus. Ich weiß mittlerweile, wie manche Menschen in Österreich ticken. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die denken, der Grund für alles Übel sind Ausländer, Menschen, die mich als Ausländerin wahrnehmen. Aber ich persönlich sehe mich einfach nicht aus Ausländerin. Das hier ist mein Zuhause. Ich brauch keine Menschen die mich fremdverorten und mir sagen, wo ich Zuhause bin. Das weiß ich schon selbst. Ich mache mir keine Sorgen um mich selbst, sondern um jüngere Menschen, die orientierungslos sind und für die die Fremdverortung ein richtiges Problem wird, die täglich mit Vorurteile konfrontiert sind. Es gibt eben leider Menschen, die an ein typisches Bild einer Österreicherin denken und niemand sonst darf sich Österreicher/in nennen. Aber was macht einen Österreicher aus? Muss ich jetzt jeden Tag ein Dirndl tragen, damit ich mich Österreicherin nennen darf? Für mich ist es selbstverständlich, dass ich Österreicherin bin.

Das Fremdverorten gibt aber den Menschen irgendwo Sicherheit. Jedes Problem hat eine Erklärung für sie. Immer sind es die Ausländer oder die bösen Asylanten und Flüchtlinge: Die nehmen uns die Arbeit und den Wohlstand weg. Und das ist eigentlich extrem traurig, wenn man sich anschaut, wie gut es uns in Österreicher insgesamt geht. In Malaysien, in den USA oder auch in anderen Ländern, in denen ich längere Zeit war, herrscht eine andere Kultur. Eine Kultur der Akzeptanz und der Zugehörigkeit. Jeder, der dazu gehören will, gehört auch dazu.

In Österreich wird momentan über den Entwurf für das Islamgesetz gestritten. Da herrscht auch unter Muslimen alles andere als Einigkeit. Wie stehst du dazu?

Der Zeitpunkt ist sehr schlecht gewählt. Genau zu einer Zeit, in der die ganze Zeit von Radikalen und Dschihadisten berichtet wird, kommt die Regierung mit einem Gesetz, das sehr viele Verschärfungen vorsieht und viele Einschränkungen für Muslime. Das will die Regierung natürlich nicht so sehen, sondern spricht von den vielen Rechten für Muslime in dem Entwurf. Zum Teil stimmt das natürlich ebenso. Wenn man den Entwurf aber liest, findet man sehr viele Passagen, die nach Generalverdacht klingen. Wenn man eine positive Grundhaltung von Muslimen dem Staat gegenüber will, verstehe ich das nicht. Der Entwurf suggeriert, dass Muslime eine negative Haltung gegenüber dem Staat hätten. Das haben auch zahlreiche Verfassungsjuristen bestätigt. Spannend finde ich, dass bereits über 11.000 Menschen in Österreich eine Bürgerinitiative gegen das Gesetz unterzeichnet haben und, dass so viele Juristen, Experten und Wissenschaftler ihre Bedenken geäußert haben. Es bleibt weiterhin spannend, wie die Regierung dazu stehen wird und ob sie diesem Widerstand auf demokratischer Basis Gehör leisten wird. Jetzt hat es aus dem Kultusministerium geheißen, Veränderungen seien möglich.

Ein kontrovers diskutierter Teil des Entwurfes ist das Verbot der Auslandsfinanzierungen. Dieses soll islamische Einrichtungen in Österreich unabhängig von der Türkei, Saudi Arabien und anderen machen. Wie siehst du das?

Viele Moscheen und Vereine sind ausschließlich auf Auslandsfinanzierung angewiesen. Es gibt im Islam kein Pendant zur Institution Kirche, also gibt es auch keine Kirchensteuer. Ich frage mich immer wieder: Warum will man das neue Islamgesetz? Was genau hat bisher nicht funktioniert? Wenn man mit Auslandsfinanzierung nicht zufrieden ist, könnte man etwa versuchen, diese Zahlungen transparenter zu machen oder bestimmte Vorgaben zu geben. Aber dazu ein gesamtes Gesetz? Aber es geht nicht nur um die Auslandsfinanzierung, sondern um ein Grundton des Misstrauens und des Generalverdachts, das sich im Gesetz bzw. eigentlich im Geiste des Gesetzes wiederfinden lässt. Verfassungsrechtler sagen, dass dieses verfassungswidrig ist, weil es gegen das Gleichheitsprinzip verstößt. Warum hält die Regierung so hartnäckig daran fest? Die Begutachtungsphase ist genau deswegen vorgesehen, damit Interessensvertretungen ihre Meinungen dazu äußern. Wenn so viele Menschen für eine Neubearbeitung sind, dann muss sich die Regierung ihre Bedenken anhören und sich Zeit lassen.                                                                                                                                                                             Wie wird das Gesetz unter Muslimen diskutiert? Man hat das Gefühl, über das Thema wird recht lebhaft diskutiert.                                                                                                           Muslime sind ein ganz normaler Teil der Gesellschaft. Auch sie möchten ihre Meinung äußern und in demokratischen Prozessen beteiligt sein. Insgesamt kann man sagen, dass es viele unterschiedliche Stimmungen gibt. Die Regierung sagt, die Islamische Glaubensgemeinschaft war beim Zustandekommen des Textes dabei. Die Glaubensgemeinschaft lehnt nun aber offiziell den angeblich „gemeinsam“ erarbeiteten Entwurf ab. Bemerkenswert ist, dass die Glaubensgemeinschaft  den Prozess zu Beginn befürwortet hat. Dann haben sie einen Rückzieher gemacht, weil sie den Gegenwind aus der muslimischen Community bemerkt haben. Es ist sehr intransparent, wie dieser Entwurf zustande gekommen ist.

Hat die Glaubensgemeinschaft Gründe genannt, warum sie das Gesetz begrüßt hat?

Sie hat es eben nur zu Beginn begrüßt und später kamen dann nur ablehnende Aussagen. Die muslimische Jugend Österreichs hat mehrere Pressekonferenzen organisiert und vermehrt Kritik geäußert. Sie haben sogar ein Alternativgesetz gemeinsam mit Juristen ausgearbeitet und ein Maßnahmenpaket gegen Radikalisierung verfasst. Sie sagen dezidiert, dass sie mit der Regierung arbeiten wollen. Aber anscheinend hat es bisher kaum einen Dialog gegeben. Außerdem haben sich weitere,  wie z.B. die Aleviten, das Netzwerk muslimischer Zivilgesellschaft, die Initiative Österreicherischer KonvertitInnen zu Wort gemeldet. Das zeigt auch, dass Muslime in Österreich ein aktiver Teil der Gesellschaft sind und sich beteiligen. Und genau so vielfältig wie jede andere Religionsgesellschaft, sind auch die Muslime auch vielfältig.

Ein Islamgesetz bringt aber eben Wählerstimmen. Meinst du an diesem Vorwurf ist etwas dran?

Aus politikwissenschaftlicher Sicht, kann man sagen, dass das ein Versuch des Stimmenfangs darstellen könnte. Die ÖVP hat bei den letzten Wahlen viele Stimmen an die FPÖ verloren. Möglicherweise sehen die Schwarzen, dass dieser islamfeindliche, xenophobe, diskriminierende Diskurs funktioniert. Kann natürlich sein, dass die Regierung wegen den Wählerstimmen am Islamgesetz festhält. Aber ich glaube nicht, dass so ein Entwurf beim Verfassungsgerichtshof durchgehen wird. Experten wie Theo Öhlinger und Heinz Mayer und viele andere Verfassungsjuristen sagen, dass es mit der Verfassung in Widerspruch steht. An die Verfassung muss sich schließlich auch die Regierung halten.

Erschwert es für dich manchmal die Arbeit als Journalistin, dass du ein Kopftuch trägst? Beziehungsweise hast du das Gefühl, dass andere Frauen, die das Kopftuch tragen, in der Arbeitswelt ein Problem haben?

Ich habe schon von vielen Fällen gehört, dass Frauen verunsichert sind. Ich habe zum Beispiel mit einer Pharmazeutin gesprochen, die gemeint hat, dass die Kunden manchmal sehr unangenehm werden. Ich denke, es kommt sehr stark darauf an, wie man damit umgeht. Es ist nicht in Ordnung und man muss etwas dagegen machen, wenn man aufgrund der Religion diskriminiert wird. Aber was? Letztens habe ich im Donauzentrum gesehen, wie einer Frau das Kopftuch weggerissen wurde und war danach bei der Polizei. Dort hat man mir gesagt, dass man da nichts machen kann. Aber es kann doch nicht sein, dass Menschen, die sich erlauben über solche Grenzen zu gehen, keine Konsequenzen zu befürchten haben. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Leute, die mit solchen Problemen konfrontiert sind, wissen, an wen man sich wenden kann. Da gibt es ZARA, die Gleichbehandlungs-Anwaltschaft und auch beim Verfassungsschutz kann man bestimmte Vorfälle einreichen, damit sie dokumentiert werden. Wenn man solche Sachen nicht meldet, wird das weiterhin passieren. Rechtsextreme werden sich immer mehr trauen. Das darf nicht sein.

Das Kopftuch hindert keine Frau an der Arbeit, eher sind es Bilder im Kopf, die man von der kopftuchtragenden Frau hat, die Menschen hindert Arbeitgeber ihnen Zugang zum Arbeitsmarkt zu bieten. Es ist also weder die Religion noch die Kleidung, sondern die Gesellschaft. Das heißt, dass Frauen, die ihre Haare aus religiösen Gründen bedecken oft deswegen abgelehnt werden, auch wenn sie für den Job qualifiziert sind. Ich habe letztens über eine Kärntner Studentin berichtet, die abgelehnt wurde, weil sie Muslimin ist. Sie trägt nicht einmal Kopftuch, doch die Arbeitgeberin hätte ihre Kunden damit überfordert, wie sie meinte. Viele Musliminnen, die sichtbar als solche auftreten, werden erst gar nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen geschweige denn angestellt oder für einen Probemonat genommen. Scheinbar gibt es eine Norm für eine „normale“ Arbeiterin, die trägt in den Köpfen vieler Menschen eben keine Kopfbedeckung.

Kennst du Frauen, die sich aus diesem Grund dazu entscheiden, kein Kopftuch zu tragen?

Ich kenne zwei Fälle. Und das ist verständlich, wenn man sich denkt, dass man nur auf seine Religion reduziert wird, aber doch zeigen will, dass man mehr ist: Österreicherin, Studentin, Aktivistin oder sonst auch was. Dann geben sie das Kopftuch hinunter, obwohl sie es tragen wollen. Das ist dann für mich Fremdbestimmung und Zwang.

Was ist das Motiv der meisten Frauen, du kennst, ein Kopftuch zu tragen?

Da hat jede ihre eigenen Motive. Für die meisten ist es einfach eine religiöse Sache, die sie für sich entscheiden und das ist ihr Recht.

Zur Person:

Nermin Ismail ist freie Journalistin in Wien. Sie schreibt für diverse Tageszeitungen und gestaltet Beiträge für den ORF. Ismail ist studierte Politologin und hat das Studium der Religionspädagogik abgeschlossen. 2013 hat sie das Kuratorium für Journalistenausbildung erfolgreich absolviert. Zuletzt hat sie bei ServusTV in Salzburg gearbeitet.