Wien

Belarus, die Unbekannte

Artikel veröffentlicht am 13. November 2014
Artikel veröffentlicht am 13. November 2014

Als ich vor zwei Jahren das erste und bisher leider einzige Mal nach Belarus' reiste, war es mir noch etwas unheimlich. Als „Jurassic Park des Sozialismus“ bezeichnete es ein Professor. Doch am Ende entstanden Freundschaften und ich konnte einen Blick hinter eine immer noch allgegenwärtige Grenze werfen.

Belarus', in mitteleuropäischen Gefilden besser bekannt als Weißrussland, liegt eingebettet zwischen der Ukraine, Polen, Litauen, Lettland und der Russischen Föderation im Osten Europas. Im Zentrum der Republik liegt die Hauptstadt Minsk, ihr kulturelles, wirtschaftliches und politisches Zentrum. Dort liegt neben dem größten Platz Europas, dem Platz der Unabhängigkeit (7 ha groß), auch eine der größten Bibliotheken Europas, die 72m hohe, architektonisch durchaus interessante Nationalbibliothek. Die Stadt ist reich an Museen, kulturellen Einrichtungen und einzigartiger Architektur. Nachdem der Großteil nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört war, wurde die Stadt in der Nachkriegszeit auf dem Reißbrett neu entworfen: kilometerlange, breite, schnurgerade Straßen, sorgfältig geplante Plätze, sowjetische Denkmäler und massive Prestigebauten und Wohnblöcke. Alle Klischees über die Sowjetunion, die in Russland nicht mehr aktuell sind, scheinen in Belarus' nach wie vor zur Realität zu gehören.

Studieren in Belarus'

Bedingt ist dies auch durch die – teils politisch gewollte – Isolation des Landes: 2012 schloss die Europäische Union Belarus' wiederholt aus dem Bologna-Prozess aus. Begründung: Es fehle an Möglichkeiten der studentischen Partizipation und vor allem an wissenschaftlicher Freiheit. „Belarus' ist [damit] das einzige größere europäische Land, das nicht am Bologna-Prozess teilnimmt“, schreibt Felix Ackermann schon 2012 in einer Ausgabe der Belarus'-Studien. Dabei kann sich die Belarussische Staatliche Universität beispielsweise im linguistischen Bereich qualitativ durchaus mit europäischen Institutionen messen – auch wenn die Lehrenden maßlos unterbezahlt sind.

Sascha studiert Radioinformatik an der BGU, der Belarusskij gosudarstvennyj universitet. „Ich möchte als Programmierer arbeiten“, berichtet er. „Am besten irgendwo in Europa.“ Ein Wunsch, den viele seiner Altersgenossen teilen, denn die Löhne in Belarus' sind im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten extrem niedrig. Ohne Stipendium vom Staat zu studieren ist kaum möglich – und wer ein Stipendium erhält, muss im Anschluss an das Studium zwei Jahre in einem vom Staat bestimmten Betrieb arbeiten. „Das Lebensniveau in Europa ist besser, und es gibt auch mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten“, sagt Sascha dazu nur. Viele junge Menschen verließen Belarus' deshalb. „Alle die klug sind, wollen in Europa studieren und arbeiten!“

Als Gegenpol zur BGU gibt es seit 1992 die Europäische Humanistische Universität (EHU), die bereits seit ihrer Gründung neue Formen der Partizipation und freien Forschung in die angebotenen geistes- und kulturwissenschaftlichen Studien implementierte. Die EHU war zunächst ein Versuch, sich an das Bologna-System anzunähern, der aber 2005 abgebrochen wurde – begleitet von zahlreichen Schikanen gegen die Universität. Seit 2006 hat die EHU ihren Sitz nun in Vilnius und ist als litauische Privathochschule akkreditiert. Sie stellt für junge Belarussen aber nach wie vor die einzige Möglichkeit dar, ein Bologna-kompatibles Studium in belarussischer, russischer und englischer Sprache zu absolvieren.

Krieg und Zerstörung

Die Geschichte der Republik Belarus' ist eine lange und schmerzhafte. Nach einer wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit unter dem Königreich Polen-Litauen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kam das belarussische Gebiet durch die ersten beiden Teilungen Polens zur Gänze unter die Herrschaft des russischen Imperiums. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es geteilt und blieb zwischen Polen und der jungen Sowjetunion umkämpft. Aus dem sowjetischen Teil entstand die Sozialistische Sowjetrepublik Belarus', welcher die Rote Armee nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den polnischen Teil einverleibte.

Der Zweite Weltkrieg verursachte in Belarus' unglaublich große Schäden. Es gab einen massiven Widerstand gegen die NS-Besatzung, es gab wochenlange Kämpfe mit schwerstem Gerät gegen die Partisan/innen, die sich in den zahlreichen Wäldern und Mooren des Landes versteckt hielten. Besonders bekannt ist das Beispiel von Chatyn (nicht zu verwechseln mit Katyn!), wo die SS auf der Verfolgung einer Partisan/innentruppe sämtliche Bewohner/innen in einer Scheune zusammentrieb, diese in Brand setzte und alle erschoss, die aus dem brennenden Gebäude zu fliehen versuchten. Der Legende nach überlebte ein einziger Mann, der sich gerade im Wald aufgehalten hatte. Als er zurückkehrte fand er das Dorf niedergebrannt und die Leichen der Bewohner/innen in den Resten der Scheune. Er fand darin auch seinen Sohn – der wundersamerweise noch lebte und letztendlich in den Armen des Vaters starb. In Chatyn gibt es heute eine Gedenkstätte für die über 5000 belarussischen Dörfer, die von der deutschen Wehrmacht zerstört wurden – natürlich auch um die Gräueltaten der Roten Armee zu relativieren.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung starb allein in den drei Jahren der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944. Vor dem Krieg lebten in Belarus' etwa 10 Millionen Menschen. Diese Einwohnerzahl erreichte das Land erst wieder in den 1980er Jahren. 

Gegenwart und Zukunft

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde auch die Republik Belarus' ein eigener Staat. Im Unterschied zu allen anderen Mitgliedsstaaten der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) griff Belarus' aber nicht auf die vorsowjetische Fahne zurück, sondern griff 1995 wieder auf die Fahne aus Sowjetzeiten zurück. Zum Staatsoberhaupt wurde bereits vor der Wende im Jahr 1991 Stanislav Šuškevič, preisgekrönter Wissenschaftler und Erfinder, gewählt.

Drei Jahre später wurde ihm von Aleksandr Lukašenko Korruption vorgeworfen. Šuškevič verlor die entscheidende Vertrauensabstimmung und wurde von Lukašenko abgelöst. Später stellte sich heraus, dass die Vorwürfe falsch waren. 

Heute gehört Belarus' zu den vielleicht am isoliertesten Staaten der Welt. Internationale Beobachter/innen werfen Präsident Lukašenko Willkür und Korruption vor. Es gibt beispielsweise nach wie vor keine Versammlungsfreiheit.

Das Belarussische wurde in den vergangenen Jahren vollständig aus dem Alltag verdrängt – mit Ausnahme vielleicht der U-Bahn-Stationen, in denen immer noch die belarussischen Namen stehen. Fragt man aber nach dem Weg, verwenden die Menschen die russischen Begrifflichkeiten, was unter Ortsunkundigen zu Verwirrungen führen kann. Am Land gibt es da schon mehrere Möglichkeiten, allerdings ist dort eine belarussisch-russische Mischsprache vorherrschend, die Trasjanka, deren Sprecher/innen oftmals weder der einen noch der anderen Sprache angemessen mächtig sind.

Über Lukašenko selbst wurde lange gemutmaßt, dass er des Belarussischen vielleicht gar nicht mächtig sei – immerhin blieb seine Antrittsrede lange Zeit die einzige, die er jemals in dieser Sprache gehalten hatte. 2014 schließlich, vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise, hielt er anlässlich des belarussischen Unabhängigkeitstags eine zweite und sorgte damit für Polemik und Mutmaßungen, ob er vielleicht angesichts der russischen Aggressionspolitik in der Ukraine um die Unabhängigkeit der Republik fürchte.

„Erleuchte das Land“

Nein, Lukašenkos Herrschaft wird auch in Belarus' nicht ohne Widerstand hingenommen, vor allem seit der kontinuierlichen Zuspitzung der wirtschaftlichen Notlage. Die letzten großen Demonstrationen, die in Westeuropa angemessen rezipiert wurden, liegen inzwischen wieder über vier Jahre zurück.

2010 gingen Menschen nach den von internationalen Beobachter/innen vielfach kritisierten Präsidentschaftswahlen auf die Straße und demonstrierten für faire Wahlen. „Als die ersten Resultate der Auszählung bekannt wurden, wurde auch offensichtlich, dass die Machthaber ihr Volk erneut im Stich ließen. Dann begann die Polizei uns alle zu verprügeln und willkürlich Leute festzunehmen“, beschreibt eine Augenzeugin die Geschehnisse von 2010.

Zwei Jahre später, 2012, erschien der polnische Film „Viva Belarus“ von Krysztof Lukaszewicz und Franak Viacorka, der sich unter anderem mit den Ereignissen der Plošča 2010 beschäftigte. Plošča heißt so viel wie „Platz“ und meint hier den Platz der Unabhängigkeit, auf dem sich die Demonstrationen abspielten.

Der mehrfach ausgezeichnete Film hatte für seine Macher/innen aber zur Folge, dass sie nicht mehr in Belarus' einreisen dürfen – ihre Kritik an der staatlichen Repression, am System Lukašenko und dessen Folgen ist unübersehbar – in Handlung und Soundtrack.

Ein Song des Films stammt aus der Feder von Lavon Volski, einem Mitglied der belarussischen Band Ljapis Trubeckoj, die sich im gesamten slawischen Raum und darüber hinaus großer Beliebtheit erfreut. Im Songtext heißt es unter anderem (übersetzt von der Autorin) wie folgt:

Für einen General bedeutet Staat Krieg.  Für einen Jugendlichen ist der Staat eine Plage. Für einen Radikalen ist der Staat ein Gefängnis, aber für die Mehrheit gibt es keinen Staat.

[...]

Gib deinem Land das Leben zurück, es stirbt in kaltem Schlaf. Bring deinem Land das Leben zurück, es ist bedeckt mit grauem Schnee. Brenne Brücken nieder und erleuchte das Land. Brenne Brücken nieder und erleuchte das Land.