Turin

Attentat in Istanbul: "Meine Wut dauerte 5 Minuten"

Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2016

Am 12. Januar sprengte sich ein Selbstmordattentäter im historischen Stadtzentrum Istanbuls in die Luft. Mindestens 10 Menschen starben, 15 weitere wurden verletzt: Es sind die neusten Opfer einer Attentatsserie und eines Klimas der ständig wachsenden Spannung. In der Türkei scheint dies für einige keine Neuigkeit mehr zu sein. Ein Interview.

Dilar*, geboren und aufgewachsen in Istanbul, ist 23 Jahre alt und stammt aus einer alawitischen Familie. Sie arbeitet in einem Architekturbüro und ist Teil jener jungen türkischen Generation, die sich vor allem durch ihren hohen Bildungsgrad auszeichnet. Aufgewachsen ist sie während der Jahre des Wirtschaftsbooms und dabei auch mit der Idee, dass die Türkei sich zu einer ‘echten’ Demokratie wandeln könnte. Genau aus diesem Grund ist sie Mitglied der Jugendorganisation SOYOP – Young Pioneers Society. Auf deren Seite ist zu lesen: “Wir glauben, dass Demokratie und Gerechtigkeit nur von einer Gesellschaft garantiert werden können, in der Diversität als Quelle einer bereichernden Vielfalt verstanden wird.” 

Doch die gewaltsamen ‘staatlichen’ Repressionen scheinen den Enthusiasmus ausgelöscht zu haben, der sich vor zwei Jahren während der Gezi-Park Proteste entwickelt hatte: Die jungen Leute ziehen sich wieder in den Individualismus zurück. Es herrschen Gleichgültigkeit, Enttäuschung, Angst. Die Worte Dilars haben keine statistische Relevanz. Ihre Stimme ist eine unter vielen. Und dennoch kann sie etwas von den Veränderungen in der türkischen Gesellschaft erzählen. Cafébabel hat sie am Tag nach dem Selbstmordattentat interviewt, das am 12. Januar im Zentrum Istanbuls 10 Menschen das Leben gekostet hat.

cafébabel: Dilar, hattest du große Angst am Dienstag, als die Bombe in Sultanahmet explodiert ist?

Dilar: Ich glaube bereits darüber hinweg zu sein. Ich hatte Angst während der Gezi-Proteste. Ich war wütend, als Erdoğan die Wahlen erneut gewonnen hat. Aber jetzt denke ich, mich daran gewöhnt zu haben.

cafébabel: Wie hast du reagiert?

Dilar: Ich habe einen Knall gehört, während ich im Büro war, das von Sultanahmet eine Autostunde entfernt liegt. Mein erster Gedanke war, dass es wieder eine Explosion auf dem Taksimplatz gegeben hätte; es konnte nicht nur ein Donnerschlag gewesen sein. Dieses Mal aber war es in Sultanahmet. Meine Wut dauerte 5 Minuten. Das kann nun abstoßend wirken, aber es interessiert mich nicht mehr. Ich habe meine Familie angerufen, ihnen ging es gut, damit war alles in Ordnung. Dann bin ich zurück an die Arbeit. Alle im Büro haben das so gemacht.

cafébabel: Warum?

Dilar: Ich bin es leid, wütend und traurig zu sein, mich zu empören, und im gleichen Moment mit dem Gefühl zu leben, doch nichts dagegen tun zu können. Direkt nach dem Attentat hat die Regierung Übertragungen und jegliche Kommunikationskanäle gesperrt, vor allem Twitter, was ja logisch ist. Was waren denn die letzten Monate in der Türkei? Sieben Terroranschläge mit insgesamt 522 Toten haben zu keinerlei Rücktritten geführt. Die Regierung ist immer noch dieselbe, mit denselben Politikern. Und sie unterdrückt weiterhin die Rede- und Meinungsfreiheit. Allein letztes Jahr wurden sieben unabhängige Radiosender geschlossen.

cafébabel: Wie kommst du mit dieser Situation zurecht?

Dilar: Ich kann nicht behaupten, unglücklich zu sein. Dennoch sind dies Fälle, die sich auch auf das eigene Leben auswirken. Es kann gar nicht anders sein. Ich arbeite in einem Architekturbüro, denke aber inzwischen darüber nach, die Türkei zu verlassen und mein Studium in Deutschland fortzusetzen.

cafébabel: Gefällt dir deine Arbeit nicht?

Dilar: Ich liebe meine Arbeit! Aber es wäre schön, wenn man auf der Straße spazieren und sich dabei sicher fühlen könnte. Auch meine Familie wünscht, dass ich gehe. Sie sehen hier keine Möglichkeit mehr für mich, eine unbeschwerte Zukunft zu leben. Das mögen vielleicht banale Gedanken sein. Sie schnellen sofort nach jedem Attentat auf. Aber schon eine Woche danach ändert man seine Ideen wieder und man sieht keinen Grund mehr dafür wegzugehen.

cafébabel: Glaubst du, dass in der Türkei viele so denken wie du?

Dilar: Ich glaube, einen sehr speziellen Standpunkt zu haben. Ich gehöre jener Gruppe von Menschen in der Türkei an, die die Möglichkeit hätten, im Ausland zu leben, ich habe Glück. Wir sind nicht gezwungen auszuwandern, das wäre übertrieben. Ich habe viele Freunde, die das so sehen, aber ich denke, dass das ungerecht ist. Es stimmt, wir haben eine sehr schlechte Regierung hier, die unseren Lebensstil unter Druck setzt und uns somit das Leben ruiniert und uns einschränkt. Aber ich spreche als Person, die in Istanbul lebt und hier auch schon immer gelebt hat. Im Osten unseres Landes ist die Situation deutlich schlechter, von hier aus können wir das nicht verstehen, vor allem aufgrund der mangelnden Informationen, von denen ich vorher gesprochen habe. Wir befinden uns in keinem Gefängnis, die Menschen dort wahrscheinlich schon.

Die ganzen Attentate, die staatlichen Repressionen, die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten lassen einen ganz unbehaglich fühlen. Man beginnt zu denken: „Vielleicht sollte ich fortgehen, mein Leben reicht nicht aus, um dieses System zu ändern. Ich habe nur dieses eine Leben, vielleicht sollte ich es an einem Ort leben, an dem schon ein System existiert, dass meine Freiheiten schützt.“ Ist das eine feige Überlegung?

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*Um die Anonymität der interviewten Person zu schützen, wurde ihr Name geändert

Interview von Simone Benazzo, Mitglied der Lokalredaktion von Cafébabel Turin.