Politik

Zögling von Marine Le Pen: "Wenn die FN nicht gewinnt, gibt es Bürgerkrieg"

Artikel veröffentlicht am 20. April 2012
Artikel veröffentlicht am 20. April 2012
Im Café des Pariser Musik- und Kunstzentrums „Gaîté Lyrique“ trifft cafebabel.com für Euch Julien Rochedy, geboren 1988 in Tournon-sur-Rhône und Vorsitzender der „Jugend für Marine“ [Les jeunes avec Marine], dem Nachwuchs der rechtspopulistischen Front National für die Präsidentschaftswahlen in Frankreich am 22. April und 6. Mai.

cafebabel.com: Warum sollte ein junger Franzose Front National wählen?

Julien Rochedy: Wenn er in der Lage ist nachzudenken, wird er merken, dass es in Frankreich in den vergangenen 30 Jahren immer drei Parteien an der Macht gab – und dass es Frankreich in der Zeit immer schlechter ging. Wirtschaftskraft, Lebensqualität und Sozialversicherung sind immer weiter geschrumpft. Die jungen Leute, die uns wählen, wählen gleichzeitig gegen ihre Eltern und Großeltern, gegen Sarkozy, die Globalisierung, die EU und den Multikulturalismus, alles Werte, die die Front National als erste in Frage gestellt hat. Wir sind weder Extremisten noch Revolutionäre, außer wenn man unter Revolutionär versteht, dass man die Politik der Vorgänger in Frage stellt. Dann, ja, dann sind wir Revolutionäre.

cafebabel.com: Du bist der Front National 2006 beigetreten, hast Deine Mitgliedschaft dann aber bis 2010 ruhen lassen. Wieso diese Unsicherheit?

Julien Rochedy: Im Jahr 2007 war ich von Sarkozys Erfolg enttäuscht. Personen aus dem näheren Umfeld von Marine Le Pen haben mich dann überzeugt, doch wieder beizutreten. Jetzt bin ich Vorsitzender des Wahlkampfkomitees Les Jeunes avec Marine [„Die Jugend für Marine“] und ich kümmere mich bei der FN-Jugendorganisation um die Kommunikation. Ich bin verantwortlich für alle Mitglieder unter 30 und für die Kommunikation in Presse und Internet.

cafebabel.com: Wird die Front National zur Familienangelegenheit der Familie Le Pen?

Julien Rochedy: Marine wurde von ihren Wählern ausgesucht. Bruno Gollnisch, der andere Kandidat, hatte genauso gute Chancen. Aber Marine stand für Modernität und Erfolg. Sie hat diesen Sieg verdient.

cafebabel.com: Ist das Frankreich, das ihr ansprechen wollt, wirklich das Frankreich, das idyllisch auf der rechten Hälfte des Plakats „Wähle Dein Frankreich“ zu sehen ist?

„Sarkozy ist der größte Lügner der Welt, er hat kein Recht zu sprechen“

Julien Rochedy: Das Plakat hat symbolischen und metaphorischen Charakter. Auf der linken Seite steht das Frankreich, das wir Sarkozy und Mitterrand verdanken, das Frankreich der Millionen Armen, der 54 000 brennenden Autos jedes Jahr. Auf der rechten Seite steht das „ewige Frankreich“, das wir uns vorstellen und das alle mögen, auch die Ausländer.

"Wähle Dein Frankreich" Kampagne 2012

cafebabel.com: Wie werden die neuen Parteimitglieder fortgebildet?

Julien Rochedy: Mit Sommeruniversitäten, politischen Fortbildungen und Arbeitsgruppen à 40 bis 50 Personen. Es kommen auch immer mehr junge Frauen zu uns. Sie sind die ersten, die unter der Unsicherheit in Frankreich leiden. Es besteht kein Zweifel, dass sie von Marines Charisma angelockt werden, aber die unkontrollierte Einwanderung spielt auch eine Rolle.

cafebabel.com: Sarkozy hat versprochen, künftig die Zahl der Einwanderer zu halbieren. Und was will die FN machen? Sie auf ein Viertel reduzieren? Ein Achtel?

Julien Rochedy: Sarkozy ist der größte Lügner der Welt, er hat kein Recht zu sprechen. Während seiner Regierungszeit gab es 200 000 neue Einwanderer pro Jahr. Sie kommen nach Frankreich, weil es hier die meisten Sozialleistungen gibt. Die treiben die Immigration an. Mit uns wird die legale Einwanderung auf 10 000 Personen jährlich beschränkt, und zwar ausschließlich Studenten und Arbeitnehmer.

cafebabel.com: Woher kommt diese Angst vor der islamischen Kultur?

Julien Rochedy: Ich habe keine Angst vor der islamischen Kultur. Was mich beunruhigt, ist die Vermischung der Kulturen, eine Nivellierung nach unten. Der Islamismus ist eine dominante Kultur, die auf die Unterwerfung der Anderen ausgerichtet ist. Vielen Moslemführern zufolge soll Europa eines Tages unter dem Zeichen des Islam vereint sein. Wenn die Wirtschaft nicht mehr in der Lage ist, Reichtum zu verteilen, dann werden sich alle Gemeinschaften gegenseitig zerfleischen. Wenn wir nicht gewinnen, gibt es einen Bürgerkrieg.

cafebabel.com: Was hältst Du vom Feminismus?

„Ich liebe die Frauen, deshalb bin ich Antifeminist“

Ich liebe die Frauen, sie sind es, die mich aufgezogen haben. Genau deshalb bin ich Antifeminist: Die extreme Linke kämpft für einen hysterischen Feminismus. Man muss die natürlichen Unterschiede beibehalten und sich gegen die Verweiblichung des Mannes stellen. Frauen haben das Recht abzutreiben, aber es stimmt nicht, dass Abtreibung kein Verbrechen ist, wie es die Feministen behaupten.

Paris

cafebabel.com: Ist die Homo-Ehe ein Verbrechen?

Julien Rochedy: Ich bin gegen die Homo-Ehe und dagegen, dass Homosexuelle adoptieren dürfen. Der symbolische Wert der Ehe ist sehr groß. Sie können nicht machen, was sie wollen, selbst die „Gay Pride“-Umzüge sind unschicklich, nicht schön anzusehen. Was ihre Privatsphäre anbelangt, da können die Homosexuellen zusammen sein mit wem sie wollen.

cafebabel.com: Welche Beziehungen unterhalten Sie zu den anderen rechten Parteien in Europa?

Julien Rochedy: Ich habe Kontakt zu einigen Mitgliedern der italienischen Rechten und der Freiheitlichen Partei Österreichs, aber auf europäischer Ebene sind die Kontakte noch wenig bedeutend. Die deutsche NPD ist uns zu extremistisch. Die italienische Liga Nord kenne ich nur sehr wenig, wir könnten gemeinsame Werte haben, auch wenn sich unsere Ansichten über die Frage der Abspaltung unterscheiden.

cafebabel.com: Sarkozy sieht in Deutschland ein Vorbild. Wie sehen Sie das?

Julien Rochedy: Argentinien ist das Vorbild. Ein Land, dem es gelungen ist, aus einer furchtbaren Krise zu entkommen, indem es seine Währung abgewertet, ein staatliches Investitionsprogramm aufgelegt und protektionistische Politik betrieben hat. Das wollen wir vom Front National auch machen. Und den Argentiniern ist es gelungen, ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

cafebabel.com: Werden Sie es schaffen, die notwendigen 500 Unterschriften gewählter Volksvertreter zu sammeln?

Julien Rochedy: Uns fehlen noch ungefähr 40 (Anm.: am 13. März waren die 500 erreicht) und ich werde das Wochenende am Telefon verbringen. Die UMP (Anm.: Union pour un Mouvement Populaire, Sarkozys Partei) tut alles, um uns den Weg zu versperren, sie haben Angst vor unseren Ideen. Was sage ich, um eine Unterschrift zu bekommen? Ich frage, ob sie immer noch an die Demokratie glauben. Wie kann Frankreich Demokratieunterricht geben, wenn eine Partei, die in den Umfragen auf 20 Prozent kommt, nicht zur Präsidentschaftswahl zugelassen wird?

Mehr zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich (Link auf Französisch)

Foto: Julien Rochedy ©Alessandra Vitullo