Politik

Zhenya Strigalev: Londons Jazzszene ist offener als Moskaus

Artikel veröffentlicht am 24. März 2008
Artikel veröffentlicht am 24. März 2008
Er ist 28 und der einzige russische Saxophonist in der Londoner Jazzszene: Wir erwischen Zhenya Strigalev, Komponist und Organisator zahlloser Jam-Sessions, beim Londoner Jazzfestival.

Ein blasser, dünner Mann mit ernstem Gesicht und dunklen Kreisen um die Augen sowie schulterlangem, blonden Haar, das unter einer Mütze hervorlukt, schlüpft aus der Dunkelheit des dunkelroten Ziegeltreppenhauses.

"Wunderbar, dass du heute kommen konntest", lacht er mich an. "Denn wir spielen in großartiger Besetzung." Er lotst mich ins Treppenhaus und in die samtrote Gemütlichkeit einer Künstlergarderobe des Veranstaltungsortes, dem 'Baltic Restaurant', einer wunderschön restaurierten, ehemaligen Autowerkstatt. Die ungewöhnliche Performance seiner Band setzt sich aus spannenden Saxophon-Solos, einem ziemlich melodischen Pianisten, den wilden und dunklen Tönen des Posaunisten sowie aus Michael, der manche Stücke mit seiner Raggaestimme bereichert, zusammen. 'Wir machen Fusion – - das heißt, dass es total auf das Gefühl der Musiker ankommt, wie unsere Musik schließlich klingt", erklärt Strigalev. "Ich würde sogar sagen, dass es zu 80 Prozent davon abhängt, ob man eine gute gemeinsame Stimmung findet. Der Rest hängt von den Stilen ab, die die anderen Musiker mitbringen: Bossa Nova, Bebop oder Ähnliches. Ich kann einen Song, den ich geschrieben habe, beeinflussen, aber ich kann ihn nicht kontrollieren." Zhenya wirkt älter als 28, wenn er das sagt, ernst und entschlossen.

Kaum Blättchen in Russland

"Meine Eltern haben mich früh beeinflusst, denn schon mit acht Jahren erhielt ich Klavierunterricht", erinnert er sich. "Sie haben auch dafür gesorgt, dass ich übte – nicht, weil sie so ehrgeizig gewesen wären und darauf bestanden hätten, dass ich Musiker werde. Nein, sie wollten einfach, dass ich eine umfassende Bildung erhalte. Nachdem meine Lehrer dann sagten, ich hätte Talent, begann ich mit 14 Jahren das Saxophonspielen. Jazz hat mich schon immer fasziniert. Mein Vater war in den Siebzigern und Achtzigern in der Szene zu Hause. Damals, als es mehr noch ein Untergrundphänomen war. Auf dem Schallplattenspieler zuhause liefen immer Jazz und Charlie Parker, Sonny Rollins, John Coltrane – ich habe all diese Phasen mitgemacht. Ich habe versucht, ihren Stil zu imitieren und mein musikalisches Vokabular zu erweitern, so dass ich ein bisschen mehr wie sie einfach durch mein Saxophon sagen konnte, was ich sagen wollte."

So begann Strigalev nach der Schule Musikwissenschaften zu studieren. Doch nach einem Jahr hörte er wieder auf und widmete sich lieber autodidaktisch dem Saxophon - bis sein letztes Blättchen riss - und er für zwei Monate nicht spielen konnte, weil Blättchen in Russland schwer zu kriegen sind. "Ich wandte mich an den Mann, der mir das Saxophon damals verkauft hatte, doch der schrie mich an: 'Dann brauchst du wohl die Musik nicht! Ich hätte das Saxophon an jemanden verkaufen sollen, der besser damit umgeht!'", erinnert sich Zhenya. "Ich war wirklich geschockt und übte, sobald ich Blättchen hatte, jeden Tag." Mit siebzehn Jahren gewann er dann den Preis als bester Saxophonist in einem prestigeträchtigen, nationalen Wettbewerb.

Jazz: Von Russland nach London

Auch der Musikstudent Zhenya musste mit 18 Jahren zum Militärdienst - wie jeder junge Mann in Russland. Nachdem er zunächst von halb 8 bis 18 Uhr schuftete, fand er schließlich seinen Weg ins Militärorchester, wo er wenigstens ein bisschen üben konnte: "Dennoch war dort das Üben schwerer, ermüdender, einfach, weil ich üben musste. Der einzige Ausweg war, nachts in die Stadt zu verschwinden und dort bei Jam-Sessions mitzuspielen", erzählt Zhenya. Nach dem Armeedienst, pendelte Strigalev immer zwischen Moskau und St. Petersburg. Er schloss sich verschiedenen Projekten an und nahm insgesamt drei CDs auf. Dann, mit 25 Jahren, gewann er ein Stipendium für die 'Royal Academy of Music' in London. England winkte.

"Verglichen mit Moskau, ist die Londoner Jazz-Szene viel aufgeschlossener. Die Mischung der Sounds ist wunderbar, die Leute sind offen für praktisch alles - das mag ich so an Großbritannien. Eigentlich bin ich nicht Teil der Russischen Gemeinschaft, obwohl ich natürlich ein paar russische Freunde hier habe. Aber ich glaube, dass ich England einfach erleben, alleine erkunden wollte. Mich interessierte die Sprache, ich wollte meinen eigenen Platz finden und die Kultur verstehen lernen, ohne direkt beeinflusst zu werden. Die meisten Russen hier beschweren sich nämlich entweder über England, aber wollen nicht weg, oder sie lieben Großbritannien - sagen dafür jedoch auch, dass Russland total den Bach runter gehe, was es aber offensichtlich nicht tut. Ich mag keinen der beiden Standpunkte."

Strigalev arbeitet mit britischen Künstlern zusammen. So wie beispielsweise mit dem der Pianisten Nick Ramm, der drei Stücke seines letzten Albums schriebgeschrieben hat. "Über nationale Identitäten in der Musik zu sprechen ist schwierig", sagt Zhenya. "Ich habe hier durchaus eine andere Sichtweise gewonnen und mein musikalisches Vokabular in England auch erweitern können. Ich könnte allerdings nie sagen: 'Diese Komposition von mir ist russischer als jene'."

Seiner Zukunft sieht der Saxophonist voller fruchtbarer Projekte: "Es macht doch solchen Spaß, deinen Kram mit verschiedenen Leuten zu spielen - dann kannst du diese Emotionen vielleicht in deine eigene Band zurücktragen und weiterentwickeln. Ich würde gerne die Szene hier in London und Hoxton fördern, mehr Menschen finden, die den Jazz unterstützen und somit auch mehr Bands aus ganz Europa nach Großbritannien bringen - was leider im Moment noch nicht so oft vorkommt." Als er das sagt, stülpt er sich seinen wolligen Sockenhut über den Kopf und grinst: "Wir jammen diese Woche jede Nacht bis drei im 'Charlie Wright'. Willst Du kommen?" Wie kann man da nein sagen.

Hör Dir Zhenya an:

Auf CD: Das letzte Album Off the cut beinhaltet einige akustische Jazzstücke vom Feinsten, so wie sie im Russland der 50er, 60er und 70er Jahre in der Jazzszene auftauchten. 'Findamorale' erscheint im Juni 2008 bei Baltic Music.

'Findamorale': Wie seine Musik auch, ist dieser Titel eine Fusion. Das Kunstwort hat englische und dem italienische Wurzeln: "Es gibt das englische Wort 'find' und das italienische 'amorale'. Aber man könnte es auch als 'find-a-moral' lesen - dann wäre es ein Statement oder gar ein Imperativ. Eigentlich ist das Konzept von 'Findamorale' sehr einfach: Wir wollen ein bisschen exzentrisch sein, aber mit ausgezeichneten Manieren - das sind doch zwei Schlüsselelemente des englischen Charakters."

Live: Gratis kann man Zhenya meistens donnerstags und an manchen Freitagen im 'Charlie Wrights' in Hoxton hören. Die Sessions dauern von zehn Uhr bis um drei Uhr nachts - "nett und lang, wie es sich gehört".

Beim Findamorale Festival in Hoxton, London, kann man im Juni 2008 voraussichtlich auch sämtliche junge Bands und Projekte Europas hören - eine Innovation für die recht homogene Londoner Jazz-Szene.