Politik

Yannick Haenel: 'Berlin ist Europas Nabel aus Beton'

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2008
Der ehemalige Französischlehrer (40) hat alles für die Literatur aufgegeben. Sein letzter Roman 'Cercle' nimmt den Leser auf ein europäisches Road-Movie von Paris nach Berlin mit.

(Fotos: C. H-lie/ Gallimard)

Ich habe Yannick Haenel zur Rentrée littéraire kennengelernt [Zeit in Frankreich nach dem Ferienmonat August, zu dem die meisten Bücher veröffentlicht und literarische Preise verliehen werden, A.d.R.]. Sein Roman Cercle ('Kreis') wurde von der Académie Goncourt für den Literaturpreis Goncourt des Lycéens nominiert. Als "großartiges Buch" von Gallimard angekündigt, sorgte Haenels Roman für anhaltende Unruhe: "ein essentielles Werk, ein Welt-Buch, absolut", hörte man hier und da. Genug, um Menschen neugierig zu machen. Aber bei soviel Superlativen, wie kann man da nicht misstrauisch werden? Ich legte die Lektüre erst einmal zurück. Erst zu dem Tag, an dem die Begeisterung der Medien nachgelassen hatte, holte ich es wieder aus meiner Bibliothek. Und dann die Überraschung: Entzücken, Verblüffung, Sprachlosigkeit: ich war ergriffen, und begeistert von einer Prosa, die mir mit keiner anderen vergleichbar schien, poetisch, erotisch und ernsthaft zugleich, und dahinter ein Vorsatz, der vergaß, flach, dumm, vorhersehbar oder gekünstelt zu sein.

Wie soll man das Buch in einigen Worten zusammenfassen? Ein Mann weigert sich, am Morgen den Regionalzug (RER) um 8 Uhr 7 zu nehmen, der ihn jeden Tag an seinen Arbeitsplatz bringt. Durch diesen grundlegenden und elementaren Verweigerungsakt stürzt er in eine andere Dimension, in der Literatur, Tanz und Erotik die Schlüssel zum Verständnis der Welt sind. Die zuweilen albtraumhafte, initiatorische Odyssee eines Europäers von Paris nach Berlin - auf der Suche nach Sinn. Die Seiten fügen sich in wahnsinniger Schnelligkeit zusammen. Wo und wann kann ich den Autor treffen?

Einführung in den französischen Tod

Ein Büro im französischen Verlagsgebäude von Gallimard: Nichts normaler als das. Yannick Haenel ist dort nicht zum ersten Mal. Er hat bereits Introduction à la mort francaise (Einführung in den französischen Tod) veröffentlicht, in dem er die Nabelbeschau und den Überlegenheitskomplex der französischen Literaturlandschaft anprangert. Ein zweites Treffen ist im Café Justine geplant, Rue Oberkampf. Bekleidet mit einem feinen, grauen Hemd, die Haare liebenswürdig verstrubbelt, ist Yannick Haenel bereits da, als ich ankomme. Er liest wie ein Student, einen Stift und einen Block aus englischem Leder in Reichweite. Nicht weit davon entfernt steht eine halbvolle Flasche San Pellegrino.

Drei Monate nach Erscheinen seines Romans Cercle stehen die Journalisten mit ihren Fragen immer noch Schlange: "Am Anfang betrachtete ich die Interviews als Zeitverschwendung", gibt Haenel zu verstehen. "Ich litt, weil ich an meinem nächsten Roman weiter schreiben wollte. Außerdem bin ich ein ziemlicher Einzelgänger. Als ich für mich akzeptierte, über das Buch zu diskutieren, gewann ich daraus ein stetig wachsendes Vergnügen. Bei einigen Treffen blieb ich Stunden, um mit dem Publikum zu sprechen."

Die deutsche Coolness

Es stimmt, dass Cercle die Leute erschütterte und etliche Debatten auslöste. Einige Wochen vor seiner Tournee nach Deutschland, bereitete sich Yannick Haenel, der selbst deutsche Wurzeln hat, (seine Urgroßmutter, Elsässerin, verstand kein Französisch) darauf vor, Kritiken von jenseits des Rheins zu hören. Als der Erzähler in Ost-Berlin ankommt, ist er krank. Schmerzen und Fieber verursachen Halluzinationen, in denen sich die Phantome der Shoah, deformierte Gesichter wie bei Francis Bacon, gemarterte Körper, die Folterknechte der Geschichte und seine eigenen Dämonen mischen. "Für mich war das Kapitel über Berlin nicht polemisch. Der Aufenthalt in dieser Stadt war nützlich für die Entwicklung meines Romans", erklärt der Autor. "Es ist ein Abstieg in die sichere Hölle, aber ich beschreibe das Berlin des 20. Jahrhunderts und nicht das heutige. Berlin ist eine symbolische Stadt, die all den Schrecken des vorherigen Jahrhunderts in sich vereint. Berlin ist so etwas, wie Europas Nabel aus Beton: der Osten und der Westen sind in seinem Zentrum vereint."

Um sein Buch zu schreiben, wollte er sich absichtlich in Berlin verlieren, ohne Adresse, ohne Geld. "Dies hat mich in wahre Not gebracht. Ich wollte die Stadt hören, sie ganz in mich aufsaugen", beschreibt er. Um nicht zu erfrieren, verbringt er seine Tage und die Hälfte seiner Nächte in Cafés, besonders dem Zapata (aus dem im Roman das Gastr! geworden ist), neuralgischer Platz im Kunsthaus Tacheles, wo er das Bohème-Leben entdeckt. Das ehemalige, große Kaufhaus der Belle Epoque am Rande des jüdischen Viertels war eines der letzten besetzten Häuser und ist heute ein Kunstzentrum geworden, das von der Regierung als Wahrzeichen der Wiedervereinigung anerkannt wird. Hier treffen Junkies, Künstler und Familienväter aufeinander. "Die Stadt kam mir diesmal sehr sanftmütig vor, wild und ruhig zugleich", ein perfektes Bild der "deutschen Coolness".

Italien: ein Laboratorium aller Begierden

Berlin, Stadt eines Albtraums oder Inkarnation eines freiheitlichen Traums? "Es ist die Hauptstadt der Kultur, aber auch schlimmer Erinnerungen. Hier wird sich der Erzähler bewusst, dass Europa Erbe eines gemeinsam begangenen Verbrechens ist", beschreibt Yannick Haenel. Mehr will der Autor allerdings nicht verraten. Nur soviel: Der Erzähler seines Romans - begleitet von der heiligen Vision einer Tänzerin aus der Truppe der deutschen Choreographin Pina Bausch - wird seine Odyssee nach Warschau und Prag fortsetzen. Wird sie ihm die Antworten geben, die er sucht?

Yannick Haenel gibt zu, selbst immer auf der Suche zu sein. Als Odysseus des 21. Jahrhunderts will er seine Epoche ergründen, zerlegen und ihren Sinn entdecken, ohne falschen Schein. Auf der Suche nach neuen Ufern hat er demnächst Italien im Sinn, wo, wie er meint, "die Bürger weniger depolitisiert sind als in Frankreich". Er will versuchen, typische Touristenrouten und franko-französische Trugbilder zu vermeiden. Nein, er will sich in Florenz niederlassen, lange genug um "den Rahmen des Themas zu sprengen": "Italien reduziert sich nicht nur auf seine Museen und sein Feingefühl, es ist ein Laboratorium aller Begierden, die wildesten mit eingeschlossen. Soziale Bindungen sind hier äußerst hart. Der Kapitalismus hat alles radikalisiert, bis hin zu den menschlichen Beziehungen."

Yannick Haenel, seltener Komet am französischen Literaturhimmel, macht vor, wie man das eigene Exil provozieren kann, um der freiwilligen Unterordnung zu entgehen: die Schönheit und Verwüstung, das Reine und das Unreine in Worten festhalten … überall dort, wo man es findet.

Yannick Haenel spricht über seinem Roman 'Cercle' (Französisch)

Cercle, Gallimard, Kollektion L'Infini, Herausgeber Kollektion: Philippe Sollers