Politik

Was junge Europäer von der Bundestagswahl 2013 erwarten

Artikel veröffentlicht am 20. September 2013
Artikel veröffentlicht am 20. September 2013

Am heutigen Sonntag wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Die Wahl ist aber nicht nur für Deutschland von Bedeutung, ganz Europa ist gespannt, wer das größte und wirtschaftsstärkste Land des Kontinents die nächsten vier Jahre führen wird. Wir haben junge Europäer gefragt, was sie sich von Deutschland wünschen. 

Von Madrid bis Warschau und von London bis Athen hat die deutsche Bundestagswahl Auswirkungen auf das Leben der Europäer. Deshalb haben wir acht junge Europäer gefragt, wie sie Deutschland sehen und was sie sich in Zukunft von dem Land wünschen.

Arbeitslosigkeit in Europa

Ich habe Glück, ich habe einen Job. Auch wenn ich zwei Jahre dafür in Spanien kämpfen musste. Es ist ein Land, das dir keine Chance lässt. Nicht eine Firma ist wirtschaftlich auf der Höhe, von den Märkten sprechen wir lieber erst gar nicht. Eine eigene Firma zu gründen ist fast unmöglich, denn von Anfang an ht man 300 Euro Abgaben pro Monat. Deutschland hat die niedrigste Arbeitslosenrate in Europa. Deshalb ist das Land ganz klar eine Alternative für junge Europäer geworden, die im eigenen Land keine Arbeit finden. Einfach mal zu schauen, was im Land von Angela Merkel so abgeht ist die beste Lösung, denn in Spanien hängt mittlerweile alles von ein bisschen Glück ab. Und die Leute haben davon zunehmend weniger.

Pedro, 26 Jahre, Spanien

Deutschland sollte sich gemeinsam mit  Österreich aktiv bemühen, die duale Berufsausbildung in anderen europäischen Ländern aufzubauen. Wichtig ist es, auch in Spanien, jedem jungen Menschen eine für ihn passende Ausbildung zu ermöglichen und ihm dann auch Jobchancen zu bieten. Deutschland  sollte die Führung übernehmen und massiv den Aufbau solcher Programme in Krisenländern fördern, zum Beispiel durch Tutoring-Programme, Austausch von Schülern, Lehrlingen und Lehrern oder Anschubinvestitionen in Trainingsstätten. Ein weiterer mutiger Schritt wäre der Ausbau des Europäischen Freiwilligendienstes für mehr junge Menschen.

Benjamin, 22 Jahre, Österreich

Migration in Europa

Man sollte ganz einfach dort seine Zelte aufschlagen, wo es die besten Möglichkeiten gibt, egal um welches Land es sich handelt. Alle meine Freunde folgen diesem Prinzip. Hier sind die Möglichkeiten einfach beschränkt. Es gibt weder Arbeitsplätze noch die Möglichkeit, etwas Neues zu gründen. Unsere Generation verliert langsam die Hoffnung. Deutschland scheint in diesem Licht eine gute Option, auch wenn ich leider kein Deutsch spreche. Aber es scheint auch, dass man in Deutschland oft Zeitverträge anbietet, die eine ähnliche Ausbeute sind wie in anderen Ländern auch. Trotzdem würde ich gern nach Deutschland auswandern. Oft ist der Fakt, dass ich die Sprache nicht beherrsche, der einzige Grund, um nicht zu gehen. Aber ich habe keine anderen Alternativen. Und vielleicht ist der Winter ja gar nicht so kalt, wie man immer sagt.

Gorka Romero, 24 Jahre, Spanien

Um den Migrationsfluss der Südländer Europas nach Deutschland komplett zu verstehen, muss man sich aber auch den deutschen Arbeitsmarkt genauer ansehen. Der Arbeitsmarkt blüht zwar, aber sein Erfolg basiert auf Niedriglöhnen. Höhere Gehälter in Deutschland würden die Unterschiede in der Gehaltsschere zwischen Norden und Süden ausgleichen und auch im Süden die Möglichkeiten für neue Jobs erhöhen. Ein konstanter Exodus des Humankapitals in Richtung Deutschland würde nicht nur Schäden in Italien oder Spanien, sondern schlussendlich auch in Deutschland anrichten. Denn es gäbe aufgrund der starken Konkurrenz einen zu starken Abwärtstrend der Gehälter.

Angelo, 27 Jahre, Italien

 

Krise in Südeuropa

Ich denke, dass weder Deutschland noch jedes andere Land, das gut durch die Krise gekommen ist (Polen zum Beispiel), auf die Probleme der betroffeneren Länder wie Spanien oder Italien eingehen sollte. Ganz ehrlich, ich denke, wir sollten nicht für die anderen bezahlen. Wir sind doch nicht deren Eltern, die Taschengeld verteilen müssen. 

Dawid, 24 Jahre, Polen

Deutsche Politiker sollten weniger als Deutsche, sondern als Europäer und an ein gemeinsames öffentliches Interesse denken. Ich habe den Eindruck, dass Deutsche Griechen und Griechen Deutsche verändern wollen. Aber wir verstehen Wirtschaft und andere Bereiche des Lebens eben einfach auf andere Weise. Deutsche zum Beispiel haben ein protestantisches Ethos (du hast etwas Schlechtes getan, du musst dafür bestraft werden), während der orthodoxe Gedanke in Griechenland suggeriert 'egal was du tust, du wirst gerettet werden'. Trotzdem fühle ich mich sicherer, wenn auch Deutsche und andere europäische Nationen ihr Wörtchen in griechischer Politik und Wirtschaft mitreden. Wir brauchen auch Eurobonds und was immer unser gemeinsames europäisches Schicksal vertiefen kann.

Elina, 31 Jahre, Griechenland

Energie und Umwelt

Nach dem Unglück von Fukushima 2011 hat die deutsche Kanzlerin quasi einen U-Turn in ihrer Energiepolitik hingelegt und einige von Deutschlands alten Reaktoren geschlossen. Das war ein umstrittener und viel diskutierter politischer Schachzug. Merkel ist eine, die den Bürgern zuhört, und härter durchgreift als etwa Londons Bürgermeister Boris Johnson mit seiner Initiative zu einem grüneren Transportesen. Deutschland ist eine der ersten Nationen in Europa, die sich dem Thema Umwelt angenommen haben, ein Modell, dem Europa bereits folgt. Vielleicht könnten sie vorbildlicher mit den Zielen für 2022 umgehen und alle Reaktoren schließen.

Nabeelah, 30 Jahre, Großbritannien

In Deutschland sind 23% der Elektrizität Sonnen-, Wind-, Biomasse oder Wasserenergie, aber man sollte auch daran erinnern, dass Deutschland (um seine Produktionskosten im Rahmen zu halten) auf eine wenig ökologische Energie zurückgreift: die Kohle (45%). Somit sind Emissionen in Deutschland auch um 2% gestiegen. Die Bundestagswahlen werden zeigen, ob sich die Anhänger des Umweltschutzes oder der deutschen Wettbewerbsfähigkeit durchsetzen können.

Mathilde, 25 Jahre, Frankreich