Politik

Wael Nawara: Ein ägyptischer Dissident über Mubarak und Tom & Jerry

Artikel veröffentlicht am 7. August 2009
Artikel veröffentlicht am 7. August 2009
Kairo. Ein nächtliches Treffen mit Wael Nawara, einem der ranghöchsten Führer der El Ghad-Partei („Der Morgen“), Ägyptens liberaler Oppositionskraft gegen das Regime von Hosni Mubarak.

Wenn ich interessante Länder unter autoritärer Herrschaft bereise, verursache ich immer ein gewisses Durcheinander. In Ägypten war es nicht anders, als ich in einer warmen Kairoer Nacht im Spätapril Wael Nawara traf, einer der ranghöchsten Führer der El Ghad-Partei („Der Morgen“), Ägyptens liberaler Opposition gegen das Regime von Hosni Mubarak.

In die Politik an der Seite von Ayman Noor

©Wael Nawara/privatIn Kairo landen wir um 10 Uhr abends. Mit dem Dissidenten Nawara sind wir für 11 Uhr verabredet. Das ganze Interview ist eine Nacht-und-Nebel-Aktion, denn unser Rückflug ist schon für die frühen Morgenstunden gebucht. Der enge Zeitplan gerät allerdings schnell ins Wanken, als unser Taxi vom wahnsinnigen Verkehr in Kairo buchstäblich verschluckt wird. Unter Gehupe und Geblinke reißt der Fahrer den Wagen wie wild hin und her. Gegen 11 Uhr 30 kommen wir in einem der besseren Wohngebiete in Kairo an. Nawara öffnet die Tür zu seinem Appartement. Der 49-jährige Marketingexperte und Hobbypolitiker ist Stellvertreter von Ayman Noor, dem Zweitplazierten bei der Präsidentschaftswahl 2005. Jahrelang in allen Ecken der Welt in der Ölindustrie tätig, fühlte sich Nawara schließlich berufen in sein Vaterland zurückzukehren und auf Veränderung der dortigen Verhältnisse hinzuwirken. „2002 begann ich über die Gründung einer Partei nachzudenken. Ich war von der Notwendigkeit wirtschaftlicher Reformen überzeugt, um mein Land wieder auf die Spur zu bringen. Aber ich musste feststellen, dass es Probleme gibt, die die Wirtschaft nicht lösen kann. Politische Reformen sind notwendig.“

Unser Motto? „Hoffnung auf Wandel. Obama hat uns kopiert.”

2003 traf er dann Noor und so entstand die El Ghad-Partei. „Ich habe den Kampagnenstab für Aymans Präsidentschaftskandidatur geleitet“, berichtet mir Nawara. Das Motto? „Hoffnung auf Wandel. Obama hat uns kopiert.” Er macht Witze, doch etwas Ernst ist auch dabei. Nawara zählt die Parteiziele auf: „Zugang zu Informationstechnologie verbessern, Steuererlass für kleinere Firmen, politische Reformen. Mit einem staatlichen Zuschuss von weniger als hunderttausend Euro haben wir 540.000 Stimmen nach offiziellen Angaben und 1,7 Millionen nach eigenen Informationen bekommen. Nach den Wahlen wurde Ayman Noor von den Führern des Regimes verhaftet. Ich habe ihn daraufhin regelmäßig besucht und muss sagen, dass man ihn nicht misshandelt hat. Dann kam die Jugendbewegung des 6. April und mindestens 25 unserer Mitglieder wurden festgenommen. Bis heute sitzen ungefähr 100 Personen aus politischen Gründen im Gefängnis“. Und im November 2008 wurde das Parteihauptquartier von „kriminellen Handlangern des Regimes“ angezündet.

Die Theorie des Parallelstaats

Meine Mutter weigerte sich, einen Schleier zu tragen.

„Ägypten ist eigentlich ein reiches Land, aber durch das korrupte Regime von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei heruntergewirtschaftet. Diese trifft nun der blanke Hass der Leute.“ Zur Korruption kommt der wachsende islamische Fundamentalismus. „Meine Mutter weigerte sich, einen Schleier zu tragen. Zu ihrer Zeit machten das weniger als ein Drittel aller Frauen. Heute sind es fast 80 Prozent, auch wenn ich sagen muss, dass sich der Trend im Laufe der letzten Jahre umgekehrt hat. Der 11. September und die Anschläge von Luxor 1997 haben den Ägyptern, die eigentlich sehr friedliche Leute sind, viel Angst gemacht. Nawaras Meinung zufolge muss Ägypten nicht säkular werden. „Dieses Wort haben wir oft in einem falschen Kontext gebraucht.“ Was ihm stattdessen nötig scheint, ist eine gesunde Trennung von Staat und Islam unter Respektierung der Religion. Sie sei schließlich ein Teil der Kultur des Landes.

Was also ist das größte Problem des Landes? Mubarak oder die Muslimbruderschaft - die größte radikalislamische Organisation in Ägypten. „Das sind zwei Seiten derselben Medaille“, antwortet Nawara lachend. „Die sind wie Tom und Jerry. Die Angst vor dem einen bedingt die Existenz des anderen.“ Wann wird also der Wandel kommen? „Innerhalb der nächsten drei Jahre. Mubaraks Partei ist durch die eigene Korruption geschwächt. Eine große Revolution wird es jedoch nicht geben. Es wird eher so aussehen, dass Gespräche und Verhandlungen schließlich zur Legalisierung der Opposition führen werden.

In Ägypten existiert etwas, das man häufig einen Parallelstaat nennt. Ein Beispiel: Das öffentliche Schulsystem ist schlecht, also schicken viele Ägypter ihre Kinder am Nachmittag an Privatschulen. Die traditionelle Presse ist nicht frei? Genau darum gibt es so viele Blogs, deswegen ist Facebook so populär. Aber das ist auch der Grund, warum wir einen neuen Präsidenten brauchen. Mubarak kann nicht ernsthaft hoffen, seine Macht seinem Sohn zu übertragen als würden wir in einer erblichen Monarchie leben.“ Aber für echten Wandel braucht es internationale Unterstützung.

Wer ist der Hauptalliierte von Ägyptens Liberalen? Die USA oder Europa? „Keiner von beiden. Unser Verbündeter ist das ägyptische Volk“, antwortet Nawara gelassen. „Hilfe von anderen Staaten ist sicher wichtig in der heutigen globalisierten Welt, aber wir bekommen kein Geld aus dem Ausland. Den USA versuchen wir zu erklären, dass es an uns liegt, den Glauben an liberale Werte im Nahen Osten wiederherzustellen. Sollten wir scheitern, fällt die Region von Marokko bis Pakistan in die Hände der Fundamentalisten.

Meine Zeit ist um, das Flugzeug wartet schon. Nawara bringt mich persönlich in seinem edlen Wagen durch die mittlerweile menschenleere Straße zum Flughafen. Um 1 Uhr sind wir da. Dachte ich zumindest. An der Sicherheitskontrolle erfahre ich, dass genau um 1 Uhr in Ägypten auf Sommerzeit umgestellt wurde - eine Stunde vorwärts. „Sie haben leider Ihren Flug verpasst.“ Zumindest habe ich ein gutes Gewissen.

Dank an France Duterte