Politik

Von Razem bis Rechtsruck: Polens Jugend contra

Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2016

Die junge Linke erntet im aktuell nach rechts driftenden Polen höchstens Gelächter. Das zeigt auch der in Krakau aufgezeichnete TV-Polittalk "Młodzież kontra...“ (Jugend contra...), in dem die (rechts)konservative Jugend zum heimlichen Star wird.

Jakub Danecki und Joanna Senyszyn haben es nicht leicht an diesem Abend. Immer wieder ernten sie schallendes Gelächter und verachtende Blicke aus dem jungen Publikum. Die beiden linken Politiker sind zu Gast in der polnischen Fernseh-Sendung „Młodzież kontra...“ (Jugend contra...). Jeden Sonntag trifft sich hier, im TVP Studio Krakau, die junge Politikszene der Stadt, um mit ein oder zwei politischen Gästen zu diskutieren. 



Szymon Huptyś ist fast jeden Sonntag hier. „Er ist der heimlich Star der Sendung“, sagt einer seiner Kollegen mit einem Zwinkern. Der 26-Jährige gehört zum Jungen Forum PiS, dem Nachwuchs der national-konservativen Regierungspartei PiS von Jaroslaw Kaczynski. Routiniert sitzt er in der ersten Reihe, das Mikrofon zwischen seinen Händen, ab und zu grüßt er jemanden. Man kennt ihn hier. Der Moderator erinnert ein letztes Mal daran, die Handys auszuschalten. Intro, Titelmusik - es geht los.



Auf einer Art Zielscheibe umringt von den lauernden Blicken der Jungpolitiker sitzen etwas einsam – aber passend zur Situation der polnischen Linken – die beiden Gäste und versuchen die heranschießenden Fragen zu beantworten. Die schwarzhaarige, ältere Dame mit der Leoparden-Brille und der hohen Stimme ist Joanna Senyszyn. Sie war Abgeordnete im Sejm für das Bündnis der Demokratischen Linken (SLD). Neben ihr sitzt in lässigem Sweatshirt und Jeans der erst 25-jährige Jakub Danecki. Er gehört zur Partei Razem (Gemeinsam), die sich im Mai 2015 gründete - als Reaktion auf die Krise der etablierten linken Parteien und nach dem Konzept der spanischen Podemos Partei. Den Einzug ins Parlament schaffte jedoch keine der beiden Parteien.

Von Razem bis Rechtsruck

Ob er wirklich bereit wäre, selbst Flüchtlinge aufzunehmen oder ob das nur schöne Worte seien, wird Jakub Danecki zu Anfang gefragt. „Das ist die falsche Frage. Wir müssen von dieser emotionalen Ebene weg“, antwortet er, „das ist ein globales Problem.“ Gelangweiltes Aufschnaufen im Publikum. Die beiden Gäste reden gegen eine unsichtbare Wand an, die Antworten prallen an ihr ab. Auch Szymon wirkt genervt, unruhig jongliert er das Mikrofon zwischen seinen Händen hin und her. Endlich bekommt er das Wort zugeteilt. „Ich glaube auch, dass es keine emotionale Debatte sein sollte“, sagt er mit ruhiger Stimme und stimmt den beiden Gästen zunächst zu, „aber Hilfsgüter in andere Länder zu senden, das ist auch eine emotionale Reaktion. Und das Meiste landet sowieso im Müll.“ Applaus.

Nicht nur beim Thema Flüchtlinge herrscht Einigkeit unter den jungen Zuschauern. Die Positionen der linken Parteien kommen bei ihnen nicht an. Die Stimmung im Studio ist stellvertretend für den Zustand der polnischen Gesellschaft, durch die sich ein tiefer Riss zieht. Die junge Generation driftet immer weiter nach rechts. Das hat sich auch bei den Parlamentswahlen im Oktober gezeigt. Fast zwei Drittel der Unter-30-Jährigen wählten rechte Parteien.

Verwundert über den Erfolg von PiS bei der Jugend ist Szymon nicht. „Unsere Wahlkampf-Kampagne war einfach perfekt“, sagt er stolz, obwohl er eigentlich kein Parteimitglied ist. Der Ansatz eines Lächelns lässt sich aus seinem sonst so ernsten Gesicht lesen. Lange galt PiS als Partei der Armen und Ungebildeten. Inzwischen erreicht sie alle Schichten. Viele junge Menschen sind enttäuscht von der politischen Elite. Ihre Frustration richtet sich gegen die liberal-konservative Bürgerplattform (PO), die die letzten acht Jahre an der Regierung war. Das war auch der Grund, warum Szymon 2012 in die Nachwuchspartei von PiS eintrat. „PO hat wunderbare Dinge versprochen, vor allem der Jugend. Aber umgesetzt haben sie nichts.“

Szymon schreibt gerade seine Doktorarbeit, er hat Philologie studiert. Seinen Master hat er in Leiden, in den Niederlanden, gemacht. Doch sein Herz schlägt für Polen. „Ich war schon immer Patriot“, sagt er, „meine Generation ist sowieso viel patriotischer als die ältere.“ Szymon wurde konservativ erzogen, seine Eltern waren Teil der Unabhängigen Studentenvereinigung, die sich 1980 als Teil der Solidarność-Bewegung gründete. Die anti-kommunistische Einstellung seiner Familie hat auch Szymon geprägt und äußert sich heute in seiner Ablehnung gegenüber linken Parteien. „Ich wünsche mir ein starkes Polen im internationalen Umfeld, ein Land ohne Korruption, in dem junge Menschen bleiben wollen“, sagt er über seine Visionen.

Ähnlich denkt auch Kamila Kępinska. „Wir haben eine große Nation, so viel Potential ist verschenkt“, betont die 27-Jährige. Schon als Kind schaute sie sich gern den Marsch zum Unabhängigkeitstag im Fernsehen an, ihre Eltern hissten die Flagge aus dem Fenster. Die Liebe für ihr Land begleitet sie seitdem. Kamila ist Sprachlehrerin, sie unterrichtet Portugiesisch und Spanisch. Vor ein paar Jahren hat sie ein Auslandssemester in Portugal gemacht. Das habe sie in ihrer Haltung gestärkt, sagt sie.

"Wir haben es verdient". Wir Polen

Auch Kamila sitzt an diesem Abend in der ersten Reihe des Krakauer Fernsehs-Studios - gegenüber von Szymon. Sie vertritt die Bewegung Kukiz '15. Die systemkritische und rechtspopulistische Partei des Rock-Sängers Paweł Kukiz zog mit 8,8 % erstmals ins Parlament ein, besonders bei der jungen Generation war sie beliebt. Kurz vor Ende der Sendung ergreift sie das Mikro. „Warum setzt sich die Linke für das EU-Verbot von Mentholzigaretten ein?“, will sie von Joanna Senyszyn wissen, „in Krakau gibt es eine große Philip Morris Fabrik, die müsste schließen. Und die Menschen rauchen sie doch auch so.“ Kamila kämpft für ökonomische Freiheit ohne Einmischung des Staats – oder der EU.

Bei der letzten Wahl stimmte sie noch für PO. „Ich dachte, sie wären wirtschaftlich liberal. Sie haben Steuersenkungen und ein neues Wahlsystem versprochen. Aber verändert hat sich nichts.“ Anfang Februar sah sie Paweł Kukiz das erste Mal bei einer Wahlveranstaltung. „Er hat mir aus der Seele gesprochen“, in ihren Worten schwingt Bewunderung mit, „die Leute glauben ihm. Es geht ihm um Veränderungen, nicht um Macht.“

Kamila sammelt Unterschriften und organisiert Spendenaktionen für Kukiz' Präsidentschaftskandidatur. Kurz vor den Parlamentswahlen wird sie gefragt, ob sie nicht selbst antreten will. Sie sagt ja. Ihr Wahlslogan: Trzy najważniejsze litery dla pracownika to dom, a nie PIT, CIT, VAT – Die wichtigsten drei Buchstaben für Arbeiter sind HAUS [dom auf Polnisch; A.d.R.] und nicht PIT, CIT oder VAT (Steuern). Die Kampagne muss sie selbst bezahlen, denn Kukiz lehnt staatliche Unterstützungen von Parteien ab. Am Ende ist sie pleite, ins Parlament schafft sie es auch nicht. „Aber ich habe viel gelernt“, sagt sie und lächelt.

Kamila hat das Vertrauen in das politische System verloren. Wie viele andere junge Menschen begeistert sie die systemkritische und anti-Elite-Rhetorik von Pawel Kukiz. Seine Unterstützer kommen aus allen Lagern. Fünf Mitglieder der rechtsradikalen Organisation Nationale Bewegung sitzen inzwischen für Kukiz '15 im Parlament. Kamila stört das nicht. „Wir haben alle verschiedene Ansichten was Lifestyle angeht, deswegen reden wir nicht darüber“. Wichtig ist ihr, dass die Jugend endlich die versprochenen wirtschaftlichen Möglichkeiten bekommt. „Wir haben es verdient“, sagt sie. Wir Polen.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu Europas Enttäuschten, gefördert von der Europäischen Kommission.