Politik

Vlaams Belang: Extrem rechts, extrem allein

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2014

Das Ge­spenst der ex­tre­men Rech­ten geht vor der Wahl zum eu­ro­päi­schen Par­la­ment um den Kon­ti­nent. Vlaams Be­lang in Bel­gi­en bas­telt an einer eu­ro­pa­feind­li­chen Al­li­anz mit der fran­zö­si­schen Front Na­tio­nal. Wir haben recherchiert, wie es um die extreme Rechte in Belgien bestellt ist.

An einem grau­en April­tag, in der Nähe von Brüs­sel, steht ein Barde mit Schnaps­na­se auf der Bühne. Sein Blick kann sich nicht so recht auf die rund drei Dut­zend An­hän­ger der rechts­ex­tre­men Un­ab­hän­gig­keits-Par­tei Vlaams Be­lang fo­kus­sie­ren. Mit schwan­ken­der Hüfte und se­li­gem Lä­cheln singt er zu flä­mi­scher Volks­mu­sik vom Band. Die Wahl­kampf­ver­an­stal­tung fin­det im flä­mi­schen Teil von Bel­gi­en in Halle, keine halbe Stun­de von der bel­gi­schen Haupt­stadt Brüs­sel ent­fernt, statt. Trotz­dem scheint Halle ganz weit weg. In Brüs­sels Stra­ßen wer­den alle er­denk­li­chen Spra­chen ge­spro­chen, hier im flä­mi­schen Halle möch­te man es am liebs­ten bei Nie­der­län­disch be­las­sen.

Glatz­köp­fe TAN­ZEN PO­LO­NAI­se

Wäh­rend der Ver­an­stal­tung ist die Hüpf­burgbei den ganz Klei­nen der Ren­ner. Die Er­wach­se­nen ste­hen an der Bier­the­ke Schlan­ge. Nur die Reden der Po­li­ti­ker wer­den mit spär­li­chem Ap­plaus be­dacht. Die­je­ni­gen, die spon­tan ge­kom­men sind, schei­nen eher in Volks­fest­stim­mung und wol­len am liebs­ten den Bar­den hören. Um die Par­tei ist es ruhig ge­wor­den. Nach­dem ein paar Wo­chen zuvor Rechts­ra­di­ka­le in Brüs­sel mit der An­ti­fa zu­sam­men­ge­sto­ßen sind, sieht man hier in Halle weder die An­ti­fa noch ir­gend­ei­nen Strei­fen­wa­gen. Als ein paar glatz­köp­fi­ge Män­ner an­fan­gen, zum Schla­ger­song „Anita“ Po­lo­nai­se zu tan­zen, mache ich mich zu­rück auf den Weg nach Brüs­sel.

Vlaams Be­lang wurde schon mal von jedem vier­ten Flan­dern ge­wählt. Heute kämpft die Par­tei um Auf­merk­sam­keit. Dabei sind die Ideen, für die se­pa­ra­tis­ti­sche Vlaams Be­lang ein­tritt, in Flan­dern mehr­heits­taug­lich. Viele Men­schen sind in Flan­dern der Mei­nung, dass der flä­mi­sche Teil Bel­gi­ens für die fran­ko­pho­nen Wal­lo­nier immer mit­be­zah­len muss und dass es ohne die Fran­ko­pho­nen bes­ser ginge. Au­ßer­dem sehen viele die Eu­ro­päi­sche Union als Ge­fahr an, sie könn­te zu sehr in ihr Leben ein­grei­fen. Das sind auch die Po­si­tio­nen von Vlaams Be­lang, aber kaum noch je­mand möch­te ihnen eine Stim­me geben. Die Nieuw-Vlaam­se Al­li­an­tie (N-VA) ist eine na­tio­nal-kon­ser­va­ti­ve Par­tei, die Vlaams Be­lang seit ei­ni­gen Jah­ren das Leben schwer macht und viele For­de­run­gen der ex­tre­men Rech­ten über­nom­men hat. Seit­dem der Schrei nach flä­mi­scher Au­to­no­mie kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal von Vlaams Be­lang mehr ist, ver­su­chen sie sich vor allem als An­ti-Im­mi­gra­ti­ons­par­tei zu be­haup­ten. „Vreemd­lin­ge“, vor allem Mus­li­me, sind des­halb an so ziem­lich allem, was in Bel­gi­en falsch läuft, schuld.

Gren­zen zu, mehr Po­li­zei und Ab­schie­bun­gen

Phi­lip Cla­eys führt mich durch die ver­wor­re­nen Gänge des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments. Als wir in dem Kor­ri­dor, in dem sich sein Büro be­fin­det, an­kom­men, spricht Cla­eys plötz­lich lei­se, als wolle er seine Zim­mer­nach­barn nicht stö­ren. Im Par­la­ment ist der Vlaams Be­lang Ab­ge­ord­ne­te frak­ti­ons­los und hat daher nicht die glei­chen Rech­te wie die Par­la­men­ta­ri­er, die einer Frak­ti­on an­ge­hö­ren. Für die nächs­te Eu­ro­pa­wahl hat die Par­tei des­halb schon mit Ma­ri­ne Le Pen aus Frank­reich, Geert Wil­ders aus den Nie­der­lan­den, Heinz-Chris­ti­an Stra­che aus Ös­ter­reich und den Schwe­den­de­mo­kra­ten ge­spro­chen, um eine ge­mein­sa­me Frak­ti­on zu grün­den, er­zählt Cla­eys, als ob jeder sol­che Freun­de haben soll­te.

Cla­eys be­schreibt sich sel­ber als „po­li­ti­cal­ly in­cor­rect“. Hier in sei­nem Büro, spricht er mit leicht feuch­ter Aus­spra­che über die Ziele sei­ner Par­tei. Alle wären so „über-sen­si­bel“, wenn es um Im­mi­gra­ti­on ginge, dabei sei seine Par­tei die ein­zi­ge, die sich trau­en würde, Klar­text zu spre­chen. Er spricht von „no go Areas“ in Brüs­sel, Ghet­tos und dem Sharia­ge­setz. Er und seine Par­tei ma­chen Po­li­tik, indem sie Angst schü­ren. Ihre Vor­schlä­ge lau­ten: Gren­zen zu, mehr Po­li­zei und Ab­schie­bun­gen von Flücht­lin­gen, auch jenen mit an­er­kann­tem Sta­tus. Bei mei­nem Ab­schied spricht Cla­eys im Gang wie­der ganz leise. 

EU­RO­PA WIE DA­MALS - UNTER HIT­LER

Das Büro von Vlaams Be­lang in Brüs­sel er­streckt sich über meh­re­re Eta­gen. Neben den Schreib­ti­schen aus hel­lem Holz sta­peln sich gelb-schwarz Pla­ka­te und Fah­nen. Ge­rolf An­nem­ans, der Vor­sit­zen­de der Par­tei, sieht ein biss­chen aus wie der Schau­spie­ler Bill Mur­ray. Seine Stim­me brummt so an­ge­nehm tief wie ein Kon­tra­bass. „Wer hat die gan­zen Fah­nen denn in ihr Büro ge­stellt?“. Er kann sich nicht er­in­nern, denn ei­gent­lich sei er „gar kein Flag­gen­fan“. An sein Handy hat er einen alt­mo­di­schen Te­le­fon­hö­rer an­ge­schlos­sen, so strah­len seine Te­le­fo­na­te in sei­nem rie­si­gen Büro Wich­tig­keit aus.

An­nem­ans ist seit 27 Jah­ren im bel­gi­schen Par­la­ment, das aus sei­ner Sicht gar nicht exis­tie­ren soll­te. Bel­gi­en ge­hört aus An­nem­ans Sicht ab­ge­schafft. „Wieso sit­zen Sie ei­gent­lich in einem Par­la­ment, das gar nicht exis­tie­ren dürf­te?“. An­nem­ans zuckt bei­läu­fig mit den Schul­tern. Er be­greift das Par­la­ment eben als eine Bühne dafür zu sagen, dass es un­nütz sei.

Wie weit rechts? - Dis­kus­si­onrun­de über die neue Rech­te

Gerne in der Op­fer­rol­le

Die EU ist für ihn nichts als ein gi­gan­ti­scher Trans­fer­me­cha­nis­mus von Nord nach Süd, em­pört er sich. Genau so sei es in Bel­gi­en: Flan­dern im Nor­den müsse für Wal­lo­ni­en im Süden be­zah­len. Eu­ro­pa zur Zeit Hit­lers, Ha­dri­ans und Na­po­le­ons seien ge­nau­so künst­li­che Ge­bil­de ge­we­sen, wie die EU heute. Er sagt das so, „um Ge­dan­ken zu pro­vo­zie­ren“. Diese krude Ge­schichts­stun­de traut man die­sem Char­meur gar nicht zu.

Doch hier ver­steckt sich der Schlüs­sel zu die­ser Par­tei, die sich selbst nie­mals als ex­tre­mis­tisch be­zeich­nen würde. In der ers­ten Reihe prä­sen­tie­ren sich Män­ner in per­fekt sit­zen­den An­zü­gen wie An­nem­ans und Cla­eys als Stim­me der em­pör­ten Fla­mingants, jener Fla­men, die sich von Wal­lo­ni­en los­sa­gen wol­len. Diese Män­ner gar­nie­ren ihre An­ti-Im­mi­gra­ti­ons­rhe­to­rik gerne mit dif­fu­sen Aus­sa­gen über die Aus­beu­tun­gen sei­tens der EU und Wal­lo­ni­ens. Sie neh­men gerne die Op­fer­rol­le an, um so ihre schril­len Töne gegen die „wilde Im­mi­gra­ti­on“ zu recht­fer­ti­gen. 

Der Jour­na­list Tom Co­chez hat ein Buch über Vlaams Be­lang ver­fasst. Er er­zählt mir, dass die An­hän­ger der Par­tei zu­sam­men in Ab­ge­schie­den­heit gerne „alte deut­sche Lie­der“ sin­gen wür­den. Ei­ni­ge an­de­re trü­gen Na­zi-Sym­bo­le unter ihrer Klei­dung. Von dem teil­wei­se bür­ger­li­chen Auf­tre­ten der Par­teie­li­te dürfe man sich nicht ab­len­ken las­sen. Vlaams Be­lang hat zwar ihre Be­deu­tung in der flä­mi­schen Par­tei­en­land­schaft für den Mo­ment ver­lo­ren. Ihre Pa­ro­len wer­den aber gerne von an­geb­lich ge­mä­ßig­te­ren Kräf­ten über­nom­men. Bel­gi­ens ex­tre­me Rech­te lässt sich des­halb nicht al­lein an den nächs­ten Wahl­er­geb­nis­sen ab­le­sen.

Diese Re­por­ta­ge wurde im Rah­men des Pro­jeks «EU­to­pia – Time to Vote» ge­schrie­ben. Un­se­re Part­ner für die­ses Pro­jekt sind die Stif­tung Hip­po­crène, die Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, das fran­zö­si­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um und die Stif­tung EVENS. Bald fin­det ihr alle Ar­ti­kel aus Brüs­sel auf der ers­ten Seite un­se­res Ma­ga­zins.