Politik

Vjollca Dibra: „Im Kosovo kauft man keine Bücher“

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2009
Als ich Vjollca Dibra Ende 2007, vier Monate bevor der Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt, treffe, arbeitet sie bei der OSZE in Priština. Sie ist eine der jüngsten und berühmtesten Dichterinnen im Kosovo.

Vjollca (gesprochen Yoltsa) Dibra ist stolz auf einen Blogeintrag des amerikanischen Psychologen und Schriftstellers Douglas Miller: Ich möchte zumindest eines ihrer Gedichte verstehen können (…). Schauen Sie sich Vjollca an: Sie arbeitet im Bereich des Beschaffungswesen, ihre Gedichte werden in den Balkanstaaten veröffentlicht und sie hat schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Ich muss mich bemühen öfter herauszufinden, was Leute im wirklichen Leben machen und nicht nur das glauben, was der Mitarbeiterausweis ihres Durchschnittsjobs über sie aussagt. „Ich finde das sehr witzig,” lacht die leitende Materialprüfungsassistentin, während sie an ihrem Latte Macchiato, dem inoffiziellen Getränk der Stadt, nippt.„Man kann mich nicht beschreiben, ohne mich gelesen zu haben!”

Poesie in Kriegszeiten

Im Café Maxi in der Industriezone des OSZE-Logistikbereichs wird eine Pause eingelegt. Wir nehmen ein Taxi und fahren an den Passkontrollen vorbei. Doch wie soll man Dibra lesen? Ihre Werke sind nur auf Albanisch erhältlich und meines Wissens hat nur Hans-Joachim Lanksch, ein deutscher Schriftsteller und Albanologe, ihre Texte rezensiert. „Wenn jemand etwas von Kunst versteht,“ meint Dibra, „kann er vielleicht die Gewalt und die Wut im Inneren verstehen.”

(Image: ©Nabeelah Shabbir)

Das erste von Dibras drei Büchern, eine Gedichtsammlung mit dem Titel Përtejvetes, wurde veröffentlicht als sie achtzehn war. Der Sohn des berühmten Schriftstellers Anton Berisha empfahl sie weiter, nachdem er sie in der katholischen Kirche der Schule, die sie zusammen mit der Journalistin Jeta Xharra besuchte, ihre Gedichte vortragen gehört hatte.

„Früher wurden Texte von jungen Leuten nicht veröffentlicht”

„Junge Leute wurden selten veröffentlicht”, erinnert sich die 31-Jährige, die damals für das Kirchengemeindeblatt Shpresa schrieb. „Man musste in dieser Zeit in die Café Koha Bar gehen, die in der Nähe von Palaty liegt und in der den ganzen Tag lang Schriftsteller herumsitzen.” Laut Robert Elsie, dem Übersetzer von Ali Podrimjas Gedichtsammlung Who will slay the wolf (auf Deutsch „Wer den Wolf erschlägt“; A.d.R.), begannen die literarischen Aktivitäten im Kosovo mit der Literaturzeitschrift Jeta e re (auf Deutsch „Neues Leben“; A.d.R.), die 1949 von dem Dichter Esad Mekuli gegründet wurde. Kosovo-albanische Literaten wurden ab 1969 veröffentlicht, zur selben Zeit, als die Universität von Priština, an der Dibra studierte, ihre Pforten öffnete.

Ungewisse Zukunftsaussichten für kosovarische Dichter

Dibras letzte Veröffentlichung ist der autobiographische Text Minotauri (2005). Es geht darin um soziale Probleme, junge Menschen, Liebe und um ihren Vater. „Um ein guter Schriftsteller zu sein, muss man die Natur nachahmen,” erklärt sie in Anlehnung an Aristoteles. Als 12-Jährige besuchte sie die Dardania-Grundschule als ihr Vater, der Direktor eines Bergbauunternehmens, erst für Frieden im Kosovo protestierte, dann politischer Gefangener wurde und acht Jahre in Lipjan, einem früheren Gefängnis in Priština verbrachte. Sie verlor ihren Vater schließlich 1999, zwei Tage nachdem sie ihren Bachelor im Fach Albanologie erhielt. Genau zwei Wochen später, am 24. März, bombardierte die NATO Jugoslawien. Dibra war eine von einer Million Kosovaren, die in die mazedonischen Flüchtlingslager geschickt wurden. Man brauchte damals ein Visum, um ins Ausland reisen zu können, da die Bürger des Kosovo nur Reisepässe der Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) hatten.

Dibra und ihr Verlobter hatten das Glück, von einer Familie im Ausland gesponsert zu werden. Sie zog von Skopje, wo sie ein Haus mit 50 anderen Flüchtlingen teilen musste, nach Oklahoma, wo sie drei Monate lang bei Burger King arbeitete. Flüchtlinge hatten damals in den USA viele Rechte. So erinnert sich Dibra zum Beispiel an eine amerikanische Frau, die sie herumfuhr, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. Auch der Arzt verlangte keine Bezahlung. Dibra kam schließlich zurück nach Priština und bekam ihr zweites Kind, konnte aber nicht weiter als Schriftstellerin oder Journalistin arbeiten.

Ohne Geld kein Buch

"Im Kosovo hat niemand genug Geld, um sich Bücher zu kaufen"

„Wenn man im Kosovo Geld hat, kann man es sich leisten, ein Buch zu veröffentlichen. Man bezahlt Kritiker - vor allem Journalisten - dafür, das eigene Buch zu rezensieren. Wenn ich mit meinen Gedichten Geld verdienen könnte, würde ich nicht für die OSZE arbeiten. Aber unser Kultusministerium unterstützt uns nicht. Ich hoffe, das wird sich bald ändern, aber es wird wohl noch lange dauern, bis es soweit ist. Wer in Krankenhäusern oder Schulen arbeitet, verdient 150 Euro pro Monat, Rentner erhalten 40 Euro pro Monat. Das Problem hier ist, dass die Leute nicht viel lesen, geschweige denn Bücher kaufen. Und wenn sie es doch mal tun, dann sind es Lehrbücher. Oder sie leihen die Bücher gleich aus.”

Im Jahr 2000 lag die Alphabetisierungsrate im Kosovo laut dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen für Männer bei 97.7% und für Frauen bei 89.8%. Bei einer Buchmesse gibt Vjollca 200 Euro aus. Ihre eigenen Bücher kosten im Durchschnitt fünf Euro. Elf Euro zahlt man für ihren Roman Suvale e Përgjumur (auf Deutsch „Hohe Wellen und schläfrig“; A.d.R.).

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs bereitet Vjollca ihre Masterabschlussarbeit vor. Sie ist in Anlehnung an den poetischen Stil von Anton Pashku geschrieben, auch wenn ihr Professor sagt, ihre Arbeit müsse wissenschaftlicher formuliert sein. Vielleicht hat Robert Elsie ja doch Recht, wenn er schreibt: „Talentierte Dichter beweisen, dass der Kosovo nicht länger eine kulturelle Einöde, sondern ein dynamisches Element der modernen Europäischen Kultur ist.“

Dieser Artikel wäre ohne die Hilfe von Vera Rexhepi und Paulina Sypniewska nicht möglich gewesen. Vielen Dank auch an Flora Loshi.