Politik

Vier alternative Szenarien für die französischen Wahlen

Artikel veröffentlicht am 21. April 2017
Artikel veröffentlicht am 21. April 2017

Die Zeitungen sind voll von Prognosen, irgendwo zwischen Hoffnung und Verunsicherung. Vier alternative Szenarien für die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, deren erster Durchgang am Sonntag stattfindet. Damit nachher keiner behauptet, wir hätten nicht vorgewarnt.

„Trump wird nicht gewinnen. Viel mehr könnten die USA eine Wiedergeburt des Liberalismus erleben“, schrieb der politische Analyst und Kolumnist des Guardian Michael Cohen. Cohen begründete seine Einschätzung damit, dass die Republikaner selbst Trump immer weniger unterstützen würden, weil er seine Strategie geändert hatte: Zunächst war er verbal auf Ausländer losgegangen, dann auf amerikanische Bürger. So etwas schmecke den Konservativen natürlich nicht. Ein paar Monate später wissen wir alle, was passiert ist.

Wenige Wochen vor dem Brexit-Referendum äußerte sich der Kolumnist der Daily Mail Dan Hodges klar zur britischen Zukunft in der Europäischen Union: „Das derzeitige Problem der britischen Politik ist nicht, ob die Brexit-Befürworter gewinnen, sondern wie hoch sie verlieren. Genauer gesagt, ob sie elegant und erhobenen Hauptes untergehen wollen oder so, dass ihre politische Karriere komplett zerstört wird, die Konservativen auseinanderfallen und die britische Regierung an den Rand des Zusammenbruchs bringen.“

Die politischen Entwicklungen in letzter Zeit haben uns gezeigt, dass die Realität manchmal die Vorstellungskraft übertrifft... und die Prognosen. Deshalb und um uns ein wenig die Angst zu nehmen, schlagen wir hier vier alternative Szenarien für die anstehenden Wahlen in Frankreich vor. Damit nachher keiner behauptet, wir hätten nicht vorgewarnt.

Warum Marine Le Pen nicht gewinnen wird

Prognose:

Der Beauftragte der Politik-Beratung Avisa Partners Jacques Lafitte führt in der Zeitung Politico eine Reihe logischer Gründe an, warum die Vorsitzende des Front National es schwer haben wird, die nächste Präsidentin Frankreichs zu werden. Dennoch stützt sich die moderne Politik (wenn sie sich überhaupt auf irgendetwas stützt) auf die Unvernunft. Darauf, Dinge aus dem Bauch heraus zu entscheiden, weil uns der Kopf schon öfters einen Streich gespielt hat. Das lässt uns doch nachdenklich werden, ob in diesem Szenario Le Pen nicht doch von der Unzufriedenheit profitiert. 

Alternatives Szenario*:

Im konkreten Fall von der Unzufriedenheit des ehemaligen Premierministers Manuel Valls, der kurzentschlossen und zur Überraschung vieler die ultrakonservative Kandidatin unterstützte. Erschrocken über seine Niederlage gegen Benoît Hamon (PS) bei den Vorwahlen der sozialistischen Partei und geblendet durch den zunehmenden Erfolg von Emmanuel Macron (En Marche), hat Valls nun beschlossen mit aller Kraft dessen Siegchancen zu zerstören - und wie könnte das besser gelingen als durch die Unterstützung von Le Pen. Wenn sie erst mal in den Élysée-Palast eingezogen ist, wird ihre erste Amtshandlung sein, alle Menschen ohne "original" französische Eltern, Großeltern und Urgroßeltern aus dem Land zu werfen. Paradoxerweise wird ausgerechnet das den in Barcelona geborenen Valls treffen.

Warum François Fillon gewinnen kann

Prognose:

Etienne Dujardin sinniert in Le Figaro, dass ein Sieg von Fillon eine der Überraschungen dieser Wahl werden könnte. Die Möglichkeit besteht, so argumentiert Dujardin, weil Fillon im Gegensatz zur extremen Rechten von Le Pen, einen eher gemäßigten Weg einschlagen könnte, der den neuen Rechten gefällt: Sicherheit, Innovationen und Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen wären einige Stützpfeiler seiner Politik. Ein schlagendes Argument gegen einen Wahlsieg von Fillon ist die Tatsache, dass über ihm das Damoklesschwert der Korruption schwebt.

Alternatives Szenario*:

Gegen seine Frau Penélope Fillon wird wegen vermuteter Scheinbeschäftigung ermittelt. Mit anderen Worten: Sie ist seit 1982 für Arbeit bezahlt worden, die sie nie gemacht hat. Um in der Politik erfolgreich zu sein, muss man seine Schwächen in Stärken umwandeln können. Genau das ist es, was Fillon vorangebracht an. Er bietet diese magische Verwandlung allen an, die für ihn stimmen. Korruption hat immer ein hässliches Gesicht, aber wer von ihr profitiert, ist weniger kritisch.

Die möglichen Retter Europas: Martin Schulz und Emmanuel Macron

Prognose:

Wolfgang Münchau von der Financial Times macht einen doppelten Salto mortale und wagt es, über den möglichen Einfluss der Wahlen in Frankreich auf die Wahlen in Deutschland im Herbst zu spekulieren. Er spricht dabei von einer Politik der Abkommen, gemeinsamer Standpunkte und Vernetzung. Fest steht, dass diese Akrobatiknummer ein Netz hat, das einen möglichen Sturz abmildern würde. Sein Ansatz ist konservativ, er spricht nicht von Wundern und trifft auch keine Voraussagen für die nahe Zukunft. Aber in diesem hypothetischen Europa können wir nicht verhindern, dass unsere Fantasie mit uns durchgeht und wir Parallelen mit den Teletubbies feststellen: Spaß, Glück, Freude und alle haben sich lieb.

Alternatives Szenario*:

Wir könnten ein glückliches und zufriedenes Leben führen, mit vielen Freunden unter freiem Himmel an einem nie enden wollenden Sonnentag. Das Problem daran ist nur, dass das Ganze ein trauriges Ende nehmen könnte. Die ultrakonservativen Kreise haben keinen Bock auf Teletubbies. In Polen hat die Kinderrechtsanwältin Ewa Sowinska sogar vorgeschlagen, untersuchen zu lassen, ob Tinky Winky womöglich schwul ist. Würde ein solches Europa dem Populismus Aufwind verleihen? Schaut man sich das so an, ist dieses Szenario gar nicht so weit weg von der Prognose der Schriftstellerin Virgine Despentes. Sie vermutet, dass durch einen Sieg von Emmanuel Macron die extreme Rechte weiter gestärkt würde.

Ich werde eine der ersten Überraschungen im ersten Wahldurchgang sein

Prognose:

In unserem vierten Szenario geht es nicht um die Prognose eines externen Experten, sondern es ist die Aussage eines Kandidaten selbst. Sprechen wir von Jean-Luc Mélenchon (La France Insoumise) und seinem kometenhaften Aufstieg? Nein, der Satz stammt von François Asselineau. Dieses politische Urgestein, ein Euroskeptiker, der Rechtsaußen nahesteht, geht davon aus, dass er selbst eine der großen Überraschungen dieser Wahlen sein wird. So sieht das auch die regionale Tageszeitung La Voix du Nord. Die Umfragen sind allerdings nicht auf seiner Seite. Selbst ein Ergebnis von einem Prozent der Wählerstimmen wäre schon ziemlich optimistisch.

Alternatives Szenario*:

Wenn die Überraschung nicht das Ergebnis ist - was dann? Wir sind gespannt, welches Ass er noch im Ärmel hat. Möglicherweise plant er einen Imagewandel, um so die eigenen Leute und Andere zu beeindrucken. Was wir denken? Am kommenden 23. April wird er vor seine Wählerschaft treten, gehüllt in eine riesige, aber dezente russische Flagge. Was er darunter trägt, überlassen wir eurer Fantasie. Zur Größe der Flagge hat er uns allerdings schon einen Hinweis gegeben:

(*frei erfunden)