Politik

"Vaffanculo Europa": Italien in den Händen der Antipolitik

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2013
Während sich Demokraten und Konservative eine Schlacht um die Parlamentsmehrheit lieferten, staunte Italien nicht schlecht: zum einen aufgrund des „Berlusconi-Wunders“, vor allem aber wegen des Überraschungserfolgs des Populisten und Komikers Grillo. Seine noble (?
) Motivation mag ursprünglich gewesen sein, ein Zeichen gegen die marode Politik im Lande zu setzen – am Ende aber ist sie ein Risiko für die Wähler. Selbst für diejenigen, die für ihn gestimmt haben.

Governabilità a rischio”: das „Risiko unregierbar zu sein“. So die Diagnose der linksliberalen Tageszeitung La Repubblica, die sich fast zu nett und euphemistisch liest, um den grotesken Wahlen Italiens vom 24. und 25. Februar gerecht zu werden. Das „bel Paese“ erfindet ständig neue Witze über Berlusconi(Il Popolo della Libertà/PdL, konservativ), seine nächtlichen Abenteuer mit vollbusigen Mädchen, seinen Humor unter der Gürtellinie – und steht dann doch so unerklärlich hilflos und unschuldig vor einer vierten möglichen Amtszeit des „Cavaliere“ als Regierungschef. An welchem Schachzug Berlusconis mag das wohl gelegen haben? An der positiven Bemerkung über Mussolini am Holocaust-Gedenktag? An seinem Geschenk an die Mailänder Fußballfans in Form von Balotelli? Oder am verheißungsvollen Versprechen, die IMU (Steuer auf den Erstwohnsitz, A.d.R.) zu senken, die Monti(Partito Democratico/PD, Mitte-Links) auf Druck der EU 2011 eingeführt hatte?

Lest unser Dossier "Wahlen in Italien: Chaos ohne Superhelden" auf cafebabel.com

Wie auch immer. Neben dem besorgniserregenden Schatten von Berlusconi, der über Italien schwebt, und der Unsichtbarkeit der Kandidaten Oscar Giannino und Antonio Ingroia, war auch die Niederlage Montis eine Überraschung. Die Italiener haben ihre Unzufriedenheit mit der technokratischen Regierung des "Professore", die scheinbar nur den Regeln der Austerität folgte, deutlich gemacht. Im Klartext: Lieber Korruption als das Spardiktat aus Europa.

Italien konnte dem „Guru der Anti-Politiker“ mit seinen populären Slogans nicht widerstehen

Und nicht nur das. Das wichtigste Ergebnis des kollektiven Psychodramas: der „Tsunami Grillo”. Die italienischen Wähler haben für eine „symbolische“ Wahl gesorgt, deren Konsequenz unvorhersehbar war und zu einer Gefahr für das ganze Land wurde. Italien konnte der Faszination für den „Guru der Anti-Politiker“ mit seinen verlockenden populären Slogans nicht widerstehen und sah letztendlich den „Vaffanculo-Day” als einzigen möglichen Ausweg aus der Krise. Dass die Nicht-ParteiM5S(MoVimento 5 Stelle/Fünf-Sterne-Bewegung),die zumindest auf dem Papier bald zur offiziellen Partei werden muss, im Laufe einiger weniger Jahre 25% der Wählerstimmen erreichen konnte, ist Ergebnis einer unkonventionellen Wahlkampagne, die auf TV-Spots verzichtete und dafür alle erdenklichen Möglichkeiten digitaler Demokratie ausschöpfte: Beppe GrillosBlog zählt zu den meistgefolgten im italienischen Netz.

In sozialen Netzwerken suchen die Italiener nach schlagfertigen und scharfen Kommentaren zu den Wahlen, listen auf, wohin sie am liebsten auswandern würden, machen Wortspiele, vulgäre Witze und lästern auf arrogante Weise über alle, die schon wieder für Berlusconi gestimmt haben. Ein absurdes Theaterstück mit einem Hauch von Déjà-vu, das einer Hatz auf diejenigen Wähler ähnelt, die die anderen betrogen haben. Der italienischen Innenministerin Anna Maria Cancellieri zufolge lag die Wahlbeteiligung bei 75%, also fast 6% niedriger als 2008. Wenn sowas dabei herauskommt, wäre es wohl besser gewesen, sie wären alle zuhause geblieben, um vom Sofa aus Kommentare auf Facebook zu posten.

Die Ergebnisse der Wahlen vom 24. und 25. Februar 2013

Ergebnisse Abgeordnetenhaus: Bersani (Mitte-Links-Bündnis): 29,54 %

Berlusconi (Mitte-Rechts-Bündnis): 29,18%

Grillo (Fünf-Sterne-Bewegung): 25,55%

Monti (Zentrumspartei): 10,56%

Ergebnisse Senat: Bersani (Mitte-Links-Bündnis): 31,63%

Berlusconi (Mitte-Rechts-Bündnis): 30,72%

Grillo (Fünf-Sterne-Bewegung): 23,79%

Monti (Zentrumspartei): 9,13%

Foto:  ©20centesimi/flickr