Politik

Václav Havels Europa: Hommage an einen Meister des Friedens

Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2011
Der tschechische Dissident, Theatermensch und Präsident, der als Politiker die Aufbruchstimmung 1989 der Samtenen Revolution in der damaligen Tschechoslowakei repräsentierte, starb am Sonntag im Alter von 75 Jahren an den Folgen seiner schweren Krankheit. Ein Nachruf auf einen europäischen Meister des Friedens.

Wenn man etwas zu sagen hat, braucht man nur eine Stimme und eine Bühne. Und in diesen Disziplinen war Václav Havel Spezialist. Im August, wenn alle anderen Ferien machten, bereiste er Europas Bühnen, um für die Menschenrechte und den Frieden zu werben. Geboren in Prag, im Jahre 1936, unterzeichnete der Dramaturg, Philosoph und ehemalige Präsident der Tschechischen Republik beispielsweise eine Petition an das Internationale Olympische Komitee und an alle Athleten zur Unterstützung von Tibet.

Europäische Identität made in Tschechien

1977 begründete Havel zusammen mit dem Philosophen Jan Patočka die Bürgerbewegung Charta 77. Jahre der Gefangenschaft und der Ausgrenzung als Regimegegner folgten. Aber es war auch die Zeit, in der seine größten Theaterstücke wie beispielsweise Das Berghotel (1976) oder Protest (1979) entstanden, in denen Havel eine absurd-kritische Betrachtung der tschechischen Realität der damaligen Zeit liefert. In Prag beliebt und vom Ausland geschätzt, hat Václav Havel auch zur Entstehung der so genannten Charta der Europäischen Identität beigetragen. Das Ziel des Projektes aus dem Jahre 1995 war es, Europa als eine Schicksalsgemeinschaft, eine Gemeinschaft der Werte, des Lebens, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der Solidarität und Verantwortung zu beschreiben.

All dies steht für Havel als Beweis dafür, dass die Selbstachtung jeder Gesellschaft sich daran misst, welches Demokratieverständnis ihre Bürger haben. Daraus ergibt sich die unbedingte Notwendigkeit eines breiten Diskurses über diese Werte bei der Annäherung an Europa. Das ist die Basis, auf die man aufbauen sollte, um eine Politik der Solidarität weiter zu bewegen, die die Fähigkeit der Anteilnahme stärkt und damit einer Gemeinschaft jene Glaubwürdigkeit gibt, auf die Europäer stolz sein können. In der Absicht, sich in erster Linie für den Schutz der Würde des Menschen einzusetzen, rief Havel 2008  - zusammen mit anderen intellektuellen, spirituellen und politischen Führungspersönlichkeiten - den tschechischen Verband Olympic Watch ins Leben. Der Verein mit Sitz in Prag beobachtet die Lage der Menschenrechte in China. Den Vorsitz übernahm unter anderem ein ehemaliger Dissident, der Jurist Jan Ruml. «Die politische Führung versucht der Welt zu versichern, dass sie in Tibet zur Erhaltung des Friedens, der Ruhe und “Harmonie” beitragen will. Wir alle wissen, welche Art Frieden hier gemeint ist (wir haben diese Art von Frieden in Birma, in Kuba, Weißrussland und anderen Ländern gesehen). Eine Friedhofruhe. Der Kalte Krieg ist vorbei, das Volk muss nicht wählen, ob es der Freund Russlands oder der USA sein möchte; es kann beiden gegenüber freundlich sein. Die Politik, die Geschichte sind die Traditionen eines Volkes - alles andere ist nur Mode».

Havel-Poesie

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Wie in allen Bereichen seines Lebens, so ist Václav Havel in Bezug auf das Theater auch von zwei wesentlichen Motiven geprägt, dem der Neugier und der Suche. «Unsere Welt ist aus Worten gebaut. So sehr, dass die sprachliche Interpretation der Realität häufig wichtiger wird als die Realität selbst. Wir genießen die Rhetorik, wir zerreden alles, verwickeln uns in ausweglose Diskurse, die uns aus der Bahn werfen und aus der Fassung bringen». Die Sprache an sich wurde in Havels Werken zugleich Subjekt und Mittel, Form und Inhalt. Die Dramatik ist für den Autor Havel einer der wesentlichen Aspekte des Lebens, ein elementares Werkzeug der menschlichen Kommunikation.

Sein Leben war von einer paradoxen Situation geprägt: Immer wieder fand sich Havel aufgrund der historischen Gegebenheiten in Rollen wieder, die er nicht wirklich angestrebt hatte. Die gleiche Tschechoslowakei, die ihn in der Vergangenheit verfolgte, wählte ihn anschließend zum Präsidenten. Er übernahm diese Rolle, obwohl er sie nicht erwartet hatte. Václav Havel wurde ein großer Schriftsteller, weil er von Natur aus und aus Liebe dazu berufen war. «Das Glück kann real nur dann erlebt werden, wenn es geteilt werden kann» - sagte der Autor einst der Öffentlichkeit. Kritiker und Publikum ehrten ihn dafür mit standing ovations.

Illustrationen: Homepage (cc)p.a.j.a./flickr; Im Text (cc)350.org/flickr