Politik

US-Einwanderungsmärchen: Happy End?

Artikel veröffentlicht am 5. November 2012
Artikel veröffentlicht am 5. November 2012
Einwanderung ist ein Schlüsselthema im Auftakt zu den US-Wahlen am 6. November 2012. Beide Kandidaten, Mitt Romney und Barack Obama, fahren eine ziemlich ruhige Schiene und legen den Akzent auf Amerika als Immigrationsland. Gleichzeitig versprechen sie aber, die Grenzen des Landes sichern zu wollen. Verwirrend? Schauen wir mal, was die gute Fee zu einigen wohlbekannten US-Einwanderern sagen würde.

Schneewittchen: das Arbeitstier

Schneewittchen kommt in einem fremden Land an und nimmt sich fest vor, zur US-amerikanischen Gesellschaft beizutragen. Trotz einer niederen Tätigkeit wie Putzen, demonstriert sie Talent und Durchhaltevermögen. Aber wie erfolgreich sie schlussendlich sein wird, hängt vor allem davon ab, ob sie ihre Papiere bei der Einreise hat stempeln lassen.

Sollte sie den wertvollen Stempel tatsächlich im Pass haben, würde sie sowohl von Mitt Romney, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten, als auch von Barack Obama, dem aktuellen Präsidenten aus dem demokratischen Lager, in den vereinigten Staaten aufgenommen werden. Das scheint wenig überraschend für ein Land, das von Einwanderern und Pionieren aufgebaut wurde. Die USA sind Champion in puncto Aufnahme von Immigranten. Beide Kandidaten rühmen sich lautstark damit, welche Rolle diese für die heutige Gesellschaft spielten. Obama hat zum Beispiel betont, dass eingewanderte Studenten am Ende des Studiums lieber bleiben sollten anstatt Grips und Bestreben wieder ins Ausland zu exportieren – auch wenn er anerkennt, dass das Gesetz dies momentan noch ziemlich schwer macht. Auch Romney scheint auf dieser Wellenlänge zu schwimmen. Der Republikaner hat weniger konkrete Maßnahmen als Obama, verkündet dafür aber laut und stolz seine lateinamerikanischen familiären Bindungen (sein Vater war der Sohn amerikanischer Eltern in Mexiko).

Wenn Schneewittchen den amerikanischen Boden jedoch als illegale Einwanderin betreten hat, sieht das Szenario anders aus. Sollte Romney an die Macht kommen, kann sie sich eigentlich direkt ein Rückfahrticket buchen, da der republikanische Kandidat zum Thema illegale Einwanderung klare Worte gesprochen hat. Unter Obama hätte sie bessere Chancen. Obama argumentiert, dass Firmen, die amerikanische Arbeitskräfte umgehen und dafür illegale Einwanderer (zu denen Schneewittchen gehört) ausnutzen, bestraft werden müssen. Einen Schimmer Hoffnung gibt es aber trotzdem. Schneewittchen muss nur den langen Gang durch die Behörden überstehen, nationale Sicherheitschecks absolvieren, ihr polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, Steuern und diverse Bußgelder zahlen und Englisch lernen, bevor sie die Staatsbürgerschaft beantragen kann. Ein Kinderspiel also.

Hänsel und Gretel verliefen sich in Amerika

Da sie als Kinder in ein fremdes Land gebracht wurden, sind Hänsel und Gretel – auch wenn unverschuldet – illegale Einwanderer. Das Geschwisterpaar wäre momentan noch in den USA willkommen: Im Juni nutzte Obama seine Exekutivrechte, um Menschen, die im Kindesalter illegal in die USA gebracht worden waren, einen legalen Status zu gewähren. Obamas Vorschlag ist aber trotzdem eher eine Verlegenheitslösung. Es soll garantiert werden, dass Betroffene während 2 Jahren in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten dürfen, ohne dass die Abschiebung droht. Unterdessen plaudern die Republikaner im Kongress weiter über den so genannten DREAM Act, der Bruder- und Schwesterstaatsbürgerschaft ermöglichen würde.

Man muss schon zugeben, dass Hänsel und Gretels Tendenz, den Besitz anderer aufzuessen, beunruhigend wirken kann. Einige meinen, die Geschwister wollen Kultur und Werte des Aufnahmelandes nicht teilen. Wenn sie sich weiterhin aufspielen und weigern, sich im Namen der amerikanischen Gesellschaft zu engagieren – zum Beispiel im Schulsystem oder der US-Army – könnten sie gezwungen sein, wieder in ihr Heimatland ausreisen zu müssen. Und auch wenn sie diese Schiene fahren, ist ihre Zukunft keineswegs gewiss. Der Republikaner im Präsidentschaftsrennen 2012, Mitt Romney, findet diese ‚amnesty‘ (Gnade), wie er es nennt, erbärmlich. „Illegale Einwanderung muss aufhören, und jede Art von Staatsbürgerschaftsgnade ist lästig“, wurde er 2007 zitiert. Zumindest hat Romney aber nicht verlautbaren lassen, ob er das Gesetz aufheben möchte, wenn er an die Macht kommt. Die Kinder haben also noch ein paar sichere Jahre vor sich.

Goldlöckchen: die Schmarotzerin

Goldilocks ist Stammgast in der Boulevardpresse und konservativen Politik: Sie ist die Einwandererin, die wir lieben zu hassen. Sie ist die Schmarotzerin, die in unserem Bett schläft und unser Essen isst (verstehe – sie erhält Sozialleistungen, die aus Steuertöpfen bezahlt werden), unsere Möbel kaputt macht und am Ende für nichts bezahlt. Unter Obamas Gesetzgebung wäre der Haferbrei des kleinen Bären gesichert. Laut der Webseite des Weißen Hauses habe „die Obama-Regierung in den letzten drei Jahren beispiellose Ressourcen aufgewendet, um die Grenzen zu sichern“. Im Klartext: Niemand kann einfach so in dieses Land mit gutem Essen und komfortablen Betten hereinspazieren. Unter Obama sind auch die Rückführungen illegaler Einwanderer dramatisch in die Höhe geschossen. Auch wenn Goldlöckchen also bis zur Küche vorgedrungen sein sollte, könnte ihr der Rauswurf drohen, noch bevor sie am Stuhl des kleinen Bären angelangt ist. 

Als Traditionalist hat Romney jedoch entschieden, beim ursprünglichen Märchen zu bleiben. Der Republikaner plädiert für eine Politik der ‚Selbst-Ausweisung‘ (self-deportation), in deren Rahmen Immigranten das Leben so schwer gemacht wird, dass sie am Ende ganz von selbst gehen. Maßnahmen könnten beinhalten, Einwanderern Job oder Unterkunft zu verwehren. Man müsste ganz einfach sicherstellen, dass Goldilocks und Konsorten nur an Haferbrei und unbequeme Betten kommen - das könnte als Trick funktionieren. Hinzu käme eine Stimmung der allgemeinen Unsicherheit und polizeiliche Schikane (insbesondere da diese Politik auf ethnischer Zugehörigkeit beruht) und Goldlöckchen würde nicht die letzte sein, die dem Land schnurstracks den Rücken kehrt.

Illustrationen: Teaserbild ©Metro-Goldwyn-Mayer Pictures/Paramount Pictures