Politik

Urlaub auf vier Rädern

Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2007
Sechzig Prozent der Europäer, die dem Arbeitsalltag für eine Weile entfliehen wollen, suchen sich dafür gezielt die Sommermonate aus. Nach Angaben von Eurostat sind 55 Prozent von ihnen im Urlaub mit dem Auto unterwegs.

Spanien. 1. August. Nationalautobahn N340. Für einige ist dies nur irgendein Datum und irgendeine Autobahn. In den Köpfen der Millionen Touristen aber, die diese Strecke bereits kennen, wecken diese Schlagworte ein Horrorszenario in Erinnerung. So zum Beispiel bei Deutschen und Briten, die die südlichen Strände Spaniens im Sommer zu stürmen pflegen, bei Einwanderern aus dem Maghreb, die für einige Tage im Sommer in ihre Heimat zurückkehren oder auch bei Spaniern selbst, die Urlaub im eigenen Land machen wollen. Sie allesamt kennen den qualvollen Weg der N340. N340 steht für unendliche Stunden im Stau bei 40°C Außentemperatur, vorbei an Baustellen, die seit mehr als 10 Jahren existieren und deren Arbeiten immer noch nicht abgeschlossen sind.

Die N340 erstreckt sich von Cádiz aus, im Süden der Iberischen Halbinsel gelegen, bis nach Barcelona, nahe der französischen Grenze. Sie führt an Städten wie Tarifa und Algeciras vorbei, wo sich Europa und Afrika die Hand reichen können. Schlappe 14 km trennen diese Autobahn vom afrikanischen Kontinent und genau dort kommt es zu den schlimmsten Stauszenarien, da diese Strecke über weite Strecken nur einspurig ist. Eine von RACE (spanischer Automobilclub) Ende 2006 herausgegebene Studie hat die N340 als gefährlichste Autobahn Spaniens eingestuft.

Europa hält sich zurück

Obwohl die mangelnden Verkehrsinfrastrukturen ein supranationales Problem sind, hat die EU in diesem Bereich wenig Einfluss, da Verkehrsinfrastrukturen noch immer in die nationale Zuständigkeit eines jeden Mitgliedstaates fallen. Und obwohl es im Europäischen Parlament einen Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr gibt, sind die dort besprochenen Vorschriften sehr eingeschränkt. Die europäischen Institutionen konnten den Mitgliedstaaten lediglich unverbindliche Rechtsakte, wie das Aktionsprogramm für die Straßenverkehrssicherheit oder die Europäische Charta für Straßenverkehrssicherheit, vorschlagen. Vor kurzem hat man den ersten echten Vorschlag der EU aus dem Gesetzgebungsverfahren zurückgezogen, der in enger Verbindung mit dem Sicherheitsmanagement von Verkehrsinfrastrukturen stand. In diesem Vorschlag waren regelmäßige Folgenabschätzungen, Untersuchungen und Kontrollen im Bereich Sicherheit der europäischen Hauptverkehrschlagadern vorgesehen. Eine vor allem aus Mitgliedern der Europäischen Christdemokraten (EVP-ED) bestehende Gruppe von Europaabgeordneten hat den Text abgelehnt, da dieser ihrer Ansicht nach einen unzumutbar hohen Bürokratieaufwand verursacht hätte.

Es scheint jedoch ein wenig paradox, dass die Erneuerung der Straßenverkehrswege in einigen Mitgliedstaaten vor allem mit den Millionen aus Brüssel finanziert worden ist. Dank der Finanzspritzen, die Spanien von der Europäischen Kommission erhalten hat (EFRE), ist das Unfallrisiko auf der N340 in den letzten Jahren etwas zurückgegangen. Der Europäische Fonds für Regionale Entwicklung soll Mittel zur Verbesserung von Infrastrukturen bereitstellen. Allein im Jahre 2005 hat Spanien 7,878 Millionen Euro aus den europäischen Fonds erhalten (3,378 davon stammen aus dem EFRE), ganze 24 Prozent der Gesamtsumme, die unter den Mitgliedsstaaten verteilt wird. Mit Hilfe dieser Investitionen konnte man in weiten Teilen der N340 je zwei Spuren in beide Fahrtrichtungen anlegen.

Die Prognosen des Monsieur Bison

Unter den weltweit zehn beliebtesten Urlaubszielen befinden sich bereits sechs europäische Reiseziele: Frankreich, Spanien, Vereinigtes Königreich, Österreich und Deutschland. Die Autobahn A6, die Paris mit Marseille verbindet, ist die am stärksten befahrene Autobahn Frankreichs. Wenn man Unfällen oder Staus auf dieser Strecke lieber aus dem Weg gehen möchte, dann sollte man den kleinen Monsieur Bison befragen. Das französische Ministerium für ökologische und nachhaltige Entwicklung hat eine Website ins Leben gerufen, auf der man das behaarte Tier um Rat fragen kann. Monsieur Bison informiert, wann mit dem dichtesten Verkehr zu rechnen ist oder nennt die Autobahnen, auf denen es zu Unfällen und Staus gekommen ist. Seinen Prognosen für den Sommer 2007 zufolge werden die Franzosen jeweils am 28. Juli und am 4. August in den Urlaub fahren, während sich die Spanier nicht so lange gedulden können und bereits am ersten Ferientag Gas geben.

In Italien liegt der kritischste Ort im Sommer um Bologna, wo sämtliche Autobahnen aus dem Norden aufeinandertreffen (Mailand, Venedig, Turin), und von wo aus man die "Autobahn gen Süden" nehmen kann, die die Touristen nach Rimini - den Urlaubsort schlechthin - bringt. Weiterhin muss man vorsichtig sein, wenn man weiter in den Süden fährt, denn dort kann man Albtraumhaftes auf der Autobahn erleben, die an Salerno vorbeiführt, der einzigen kostenlosen Autobahn Italiens. Ihr Zustand ist so lamentabel, dass es die italienische Regierung höchstwahrscheinlich nicht wagt, Gebühren für ihre Benutzung zu erheben.

War nicht von Nachhaltigkeit die Rede?

Fehlt es an Autobahnen oder gibt es einfach zu viele Autos? Der Kampf gegen den Klimawandel, den sich die EU auf die Fahne geschrieben hat, scheint mit der Politik der EU-Mitgliedstaaten zu kollidieren. Schließlich soll der Fremdenverkehr doch weiter gefördert werden. Die Statistiken zeigen, dass der Straßenverkehr für achtzig Prozent der Giftgase verantwortlich ist, die in der EU ausgestoßen werden. Trotzdem werden immer mehr Verkehrswege gebaut, sowohl in Städten, als auch auf dem Land, entlang der Küsten und sogar direkt im Meer, wie beispielsweise in den Niederlanden.