Politik

Unternehmen beugen sich Evo Morales

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2006
Die in Bolivien tätigen Energiekonzerne haben die Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasvorkommen des Landes akzeptiert.

Wenn internationale Unternehmen weiterhin bolivianisches Erdöl und Erdgas fördern möchten, müssen sie künftig 51 Prozent ihrer Anteile an die staatliche Erdöl- und Erdgesellschaft YPFB verkaufen. Firmen, die auf den beiden größten Gasfeldern des Landes San Alberto und San Antonio tätig sind, müssen in Zukunft 82 statt 50 Prozent ihrer Einnahmen abtreten. Davon betroffen sind vor allem die brasilianische Petrobas, die spanische Repsol YPF, die britische BG und die französische TotalFina.

Neues Wirtschaftsmodell für Bolivien

Am 1. Mai 2006 hatte Boliviens Präsident Evo Morales die Energievorkommen seines Landes verstaatlicht und den Konzernen eine Frist bis zum 1. November gesetzt, sich der Entscheidung zu beugen. Diese haben die Bedingungen der Regierung nun zähneknirschend akzeptiert. Vor wenigen Tagen unterschrieben sie die neuen Förderabkommen. Zuvor versuchte vor allem die Petrobas, unterstützt von der brasilianischen Regierung, Druck auf Bolivien auszuüben. Andrés Soliz, Energieminister und Vertrauter des Präsidenten, trat im September zurück, weil er sich im Streit mit Petrobas nicht durchsetzen konnte.

Durch die Verstaatlichung möchte sich die bolivianische Regierung einerseits die Unterstützung des Volkes für ihre Politik bewahren und die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft ausweiten. Andererseits soll die finanzielle Lage der YPFB verbessert werden.

Evo Morales will in Bolivien ein neues Wirtschaftsmodell einführen. Dieser so genannte „Amazonische Andenkapitalismus“ geht auf die Ideen des bolivianischen Vizepräsidenten und Soziologen Álvaro García Linera zurück. Dieses Modell soll in den Worten der französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique „die Emanzipationsmöglichkeiten der Arbeiter vergrößern und die Kollektivkräfte mittelfristig verbessern”. Das Modell, so die Zeitung, setze allerdings ein großes Verwaltungsgeschick und ein technisches Know-How voraus, das man in Bolivien vergeblich suche.

Internationale Zusammenarbeit bedroht

Das einseitige Vorgehen Boliviens ist durch die internationale Zusammenarbeit bei der Erdölförderung gefährdet. Vor der Verstaatlichung versuchten sie dem frisch gewählten Präsidenten Evo Morales so weit wie möglich entgegen zu kommen. Spanien kündigte am 3. Januar einen Schuldenerlass von 120 Millionen Euro für Bolivien an. Drei Tage später versprach Javier Solana Bolivien wirtschaftliche Unterstützung. Der Verantwortliche für die europäische Außen- und Sicherheitspolitik stellte jedoch die Bedingung, dass europäische Investoren im Land geschützt werden sollten.

Doch Morales ließ sich dadurch nicht von seinem Kurs abbringen. Julio Gavito, Geschäftsführer des spanischen Unternehmens Repsol, steht in Bolivien wegen angeblichen Schmuggels vor Gericht. Europäische Firmen wie die Zürich Financial Services oder die spanische Bank BBVA wurden bereits vor Ablauf der Frist dazu gezwungen, der YPFB ihre Anteile kostenlos zu überlassen.

Es ist deshalb fraglich, wie lange die internationale Zusammenarbeit noch garantiert werden kann. Neben der Rohstoffförderung betrifft dies auch andere Unterstützungen aus dem Ausland: Wenn sich der Konflikt verschärft, sind auch die finanziellen Hilfen für innere Sicherheit, Armutsbekämpfung und für das Gesundheitswesen betroffen.

Am Ende der Wirtschaftkette

Für die Konsumenten im Ausland bringt die Verstaatlichung nicht mehr als eine Preiserhöhung mit sich. Die Bolivianer könnte sie dagegen in noch größere Armut führen. Der YPFB fehlen die technischen und finanziellen Kapazitäten, um die Verstaatlichung, die Produktion und die Vermarktung von Erdöl und Ergas tatsächlich in die Hand zu nehmen. Dies gestand die bolivianische Regierung im August ein. Der Staat ist allein nicht in der Lage, die Kosten zu senken und zugleich die Qualität der Produkte zu wahren.

Es ist anzunehmen, dass der Anstieg der Kraftsstoffpreise Auswirkungen auf alle Produkte der gesamten Wirtschaftkette hat. Die Preiserhöhung wird sich auch in den Geldbeuteln der Bolivianer bemerkbar machen.

Preisanstieg in Europa

Auch auf die Verbraucher in Europa könnte das Öl teurer werden. Denn europäische und brasilianische Firmen müssen bei einem Rückzug aus Bolivien die so genannten „Marktausstiegskosten” selbst tragen. Diese bestehen aus der Stilllegung der Produktion, der Rückgewinnung der Investitionen und der Suche nach anderen Erdgasquellen.

Den europäischen Unternehmen Total und Repsol könnten so jedes Jahr bis zu 57 Millionen Euro ihrer Einnahmen wegfallen. 18 Prozent der Erdöl- und Erdgasvorkommen und zehn Prozent der Produktion von Repsol befindet sich in Bolivien - die Marktausstiegskosten für beide Unternehmen wären erheblich.