Politik

Uni Istanbul: Mythos politische Mensa

Artikel veröffentlicht am 19. November 2010
Artikel veröffentlicht am 19. November 2010
September 2010. Die Studenten der Universität Istanbul haben den Ruf, in politischen Dingen so fanatisch zu sein, dass sich sogar die Mensa in einen liberalen und einen konservativen Flügel teilen soll. Eine litauische Journalistin und ein französischer Journalist wollten es wissen: Was ist dran an diesem Mythos, der einer neuen, unpolitischen Generation gewichen zu sein scheint?
Zumindest auf den ersten Blick.

In der riesigen türkischen Metropole sind die Studenten auf sieben öffentliche und 30 private Universitäten verteilt. Aber bis vor kurzem war die wichtigste Unterscheidung 100% politischer Natur und erfolgte in zwei Kategorien: Auf der einen Seite die jungen Liberalen, die rauchend ihre Zeitung lasen und eifrig demonstrierten, andererseits die konservativen Studenten, die fleißig ihren Koran studierten und dabei mit den Fingern an ihrer Gebetskette spielten.

Wir entdeckten, dass der politische Campus ein moderner Mythos geworden ist.

Politik in der Mensa - ein Mythos, der nicht zu halten ist

Die Gerüchte über die politische Mensa haben unsere Neugier geweckt und uns nach Istanbul geführt. Die Mensa, so sagt man, sei hier zweigeteilt, und die Speisen würden je nach politischer Zugehörigkeit variieren. Sag mir, was du isst, und ich sage dir, woran du glaubst. Ist das immer noch so?

Das Kopftuchproblem sei nicht mehr präsent auf dem Campus in IstanbulUm die älteste und prestigereichste Universität Istanbuls zu betreten, zeigen die Studenten ihren Personalausweis unter einem riesigen Eingangsportal vor und bewegen sich dann einen rasengesäumten Weg entlang, vorbei an jungen kopftuchtragenden Mädchen und Basketballspielern. Zu unserer großen Verblüffung treffen wir kaum einen Studenten, der des Englischen mächtig ist. Als wir jemanden gefunden haben, begleitet dieser uns freundlich zur Mensa. Auf dem Speiseplan stehen Sandwiches und Coca-Cola. Das kommt uns alles sehr liberal vor.

Kerem, der vor seiner Zeitung sitzt, überrascht uns: „Die Mensa ist ein Ort für alle!“ Für den Rechtsdoktoranden seien die Studenten um ihn herum in keiner Weise politisiert, „das war früher vielleicht eher der Fall“. Und die politischen Diskussionen, die das studentische Leben heute bewegen? Kerem sagt, die heutige Jugend würde die derzeitige Regierung sehr gut einschätzen: „Dreizehn Jahre galt ein Demonstrationsverbot auf dem Taksim-Platz, das mit der Gefahr mafiöser Übergriffe gerechtfertigt wurde. Die Regierung hat gehandelt und das Verbot aufgehoben: Jetzt können die Leute demonstrieren und keiner wird mehr verletzt. Und auf einmal fragen sich alle, warum man das nicht schon eher so gemacht hat.“

Das Kopftuch steht nicht zur Diskussion

Sogar die neueste Nachricht wurde ohne weiteres angenommen: Wer ein Kopftuch trägt, darf es nun auch in der Universität aufbehalten. „Vorher mussten die Studentinnen es am Eingang ablegen, was zu großen Konflikten führte, aber um die Änderung wurde nicht viel Aufhebens gemacht.“ Kerem ist überrascht, als er hört, dass Staaten in der EU wie beispielsweise Frankreich gegen das Kopftuch an Universitäten und Schulen sind.

Link zum Weiterlesen: Am Rand von Europa - Erasmus in einem konservativen Stadtteil Istanbuls

Es wird also über das Kopftuch diskutiert, die Mensa ist unspektakulär, alle Studenten speisen hier gemeinsam. Erste Überraschung. Auch in der juristischen Fakultät überrascht uns eine Jurastudentin: „Heutzutage ist das Studentenleben viel lebendiger und lustiger als vorher. Früher waren die einzigen Attraktionen die Diskussions- und die politischen Hochschulgruppen. Jetzt amüsieren wir uns viel mehr!“ Als wir mehr über ihre politischen Präferenzen erfahren wollen, antwortet die 23-jährige Studentin, dass „die Generation unpolitisch ist, oder es zumindest vorzieht, nicht über Politik zu reden.“

Die Studenten wollen sich hinsichtlich der Kopftuchfrage an Universitäten nicht festlegen: „Jeder hat die Freiheit, sich so zu kleiden, wie es ihm beliebt. Nur die Politik streitet über dieses Thema“. Interessant. Es scheint, als ob sich die Beziehung zur Politik in den letzten Jahren tiefgreifend verändert hätte. Und die Mensen? „2005 waren die Mensen noch zweigeteilt. Das habe ich während meines ersten Uni-Jahres erlebt. Eine Trennung fand vor allem zwischen Rauchern und Nichtrauchern statt. Aber das Essen war für alle gleich. Auf der einen Seite lasen die Liberalen Zeitung, auf der anderen spielten die Religiösen mit ihrer Gebetskette.“

Aber wo sind sie heute? „Die meisten von ihnen sind schon diplomiert, die anderen wurden wegen Problemen an der Universität exmatrikuliert“, antwortet die Studentin. Somit war wohl das Gerücht in der Welt, selbst wenn heute nichts mehr von der gespannten Atmosphäre zu spüren ist. Sie wurde erstickt von der neuen unpolitischen Generation, die mehr damit beschäftigt ist, per Handy die nächste Partynacht zu organisieren, als auf freitagabendliche Versammlungen der politischen Hochschulgruppen zu gehen.

Wütende Studenten demonstrieren gegen Polizeikontrollen auf dem Campus

Flashmob Istanbul

Da wir kein liberales bzw. konservatives Essen gefunden haben, verlegen wir unser Mittagessen nach draußen, wo mehr Ruhe ist. Auf einmal hören wir von weitem Schreie, die sich nach irgendetwas zwischen Militärmarsch und Fußballspiel anhören. Noch eingelullt von der Vorstellung der unpolitischen Studenten, sind wir umso überraschter, als wir Studenten entdecken, die kämpferische Parolen rufen und Schilder in allen möglichen Farben halten. Eine Spontanversammlung! Und das am Eingang einer unpolitischen Universität. Um sie herum stehen ein paar Journalisten, Fotografen und ein paar wenige Leute, die aussehen, als würden sie die Demonstranten schon kennen.

Zehn Minuten später ist die Versammlung zu Ende. Auflösung. Can Ugur, eines der Mitglieder von Youth Opposition, „einer revolutionären Organisation nach dem Vorbild der 68er- und 78er-Generation, die zwischen 2000 und 2500 Mitglieder im ganzen Land zählt“, erklärt, dass sie gegen ein Gesetz demonstrieren, das es der Polizei ermöglicht, die Universität zum Zweck willkürlicher Kontrollen zu betreten und hierzu auch Zwangsmittel anzuwenden. „Wir demonstrieren jeden Freitag, um das ändern“, erklärt er uns. Als überzeugter Marxist sieht der junge Aktivist die Ursache für die Entpolitisierung der Jugendlichen in der Medienpolitik der Machthaber. In seinen Augen wird die Diskussion um das Kopftuch an Universitäten nur künstlich geführt, um von den wirklich wichtigen Problemen, wie beispielsweise der Armut und der Ungleichheit des Zugangs zu Bildungseinrichtungen abzulenken. Wer sagte nochmal, die türkische Jugend sei „politikverdrossen“?

Fotos: (cc)Sveinn/flickr/ keepitcomplicated.com/ sveinn.net/#;  Proteste ©Emmanuel Haddad; Kantine (cc)iwouldstay/flickr; Flashmob ©Daiva Repečkaitė