Politik

Ungarn: Vom Gulasch-Kommunismus zu Schweizer Hypotheken

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2015

Innerhalb von 10 Jahren hat Ungarn einen der schlimmsten Umbrüche vom moderaten Kommunismus zum Turbokapitalismus erlebt. 

Wie auf einer Zeitreise mutet die alte Bimmelbahn aus der Sowjetzeit an, welche entlang der Linie 3 immer noch bis ins Herz der ungarischen Hauptstadt fährt. Auf der Fahrt sieht man hunderte Werbeplakate neben ausschweifender politischer Propaganda, mit denen die 25 Jahre seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und des einzigartigen Modells des ungarischen Sozialismus in Erinnerung gerufen werden: der so genannte Gulaschkommunismus

Marktmodell aus der Gulaschkanone

„Wir waren das glücklichste sozialistische Regime von allen“, stellt Professor Sándor Gyula Nagy, Experte in Europastudien und stellvertretender Dekan der Budapester Corvinus-Universität fest. Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus ähnelte das ungarische Modell tatsächlich dem traditionellen Gericht: irgendwie war von allem ein bisschen drin. Das Modell stellte den Zugang zu Konsumgütern in den Vordergrund und integrierte sogar einige Marktmechanismen in die Planwirtschaft. Die kleinen Privatmärkte im Dienstleistungssektor entwickelten sich prächtig, der Außenhandel wurde stimuliert und die Exporte stiegen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. 

Doch nach dem Mauerfall kamen die Probleme. Ungarns Exporte sanken um 70 Prozent, innerhalb eines Jahres stieg zudem die Arbeitslosigkeit auf 12 Prozent. Die wankende Industrie hatte zudem einen großen Fall des Bruttoinlandprodukts zur Folge, die Preise von Basisgütern schossen infolge des Subventionenabbaus in die Höhe und die Menschen fanden sich in einer äußerst prekären Lage wieder. „Die Regierung hat mithilfe von Privatisierungen eine Marktreform angestoßen. Aber prinzipiell musste man einem enormen Außenschuldenberg ins Auge sehen“, fügt Nagy hinzu.

Das trockenste Regime der Welt

Der Konservative József An­tall initiierte daraufhin einen Übergangs- und Justierungsprozess, der während der zwei folgenden Regierungsperioden seinen Höhepunkt erleben sollte. Die erste Regierung unter Guyla Horn, Leader des Übergangs von einem Einparteien-Regime zu einer westlichen Demokratie, hat das Land dank des Bokros-Pakets unter Vormundschaft des Internationalen Währungsfonds (IWF) zusätzlich in die Austerität getrieben. „Es ging darum, eine Schocktherapie anzuwenden, nichts weiter“, erklärt der Professor.

Die Privatisierungen wurden beschleunigt, Ausbildungsabgaben wurden eingeführt, Einschränkungen in den Sozialausgaben beschlossen, die schlussendlich zu einer Abwertung der Devise und einem generellen Einkommensverlust führten. Es war die wohl drakonischste Sparmaßnahme, die Ungarn je erlebte.

Die rechtspopulistische Konservative um Viktor Orbán, aktueller ungarischer Premierminister, hat von der Unbeliebtheit dieser Maßnahmen profitiert, um 1998 an die Macht zu kommen. Auch wenn die Regierung folgend die unpopulärsten Maßnahmen übernommen hatte, manche davon ökonomisch inadäquat, ist sie nicht in die politischen Fußstapfen der Vorgängerregierung getreten. Zum ersten Mal wuchs die ungarische Wirtschaft wieder und zog ausländisches Kapital an. Als die Regierung Orban II unter den Vorwürfen von Machtkonzentration und Korruption zu den Wahlen 2002 zusammenbrach, hatte Ungarn Teile seiner Schulden abbezahlt, die Inflation gesenkt und das Wachstum hielt Niveau.

Die Sozialisten kamen zurück an die Macht, als die wirtschaftlichen und politischen Perspektiven rosig waren. Zwei Jahre später kam dann der EU-Beitritt Ungarns, man hoffte spätestens 2008 auf den Euro. Kurz und gut, in Ungarn lief es rund. 

Als Ungarn in Franken bezahlte

Dann kam es zu einem außergewöhnlichen Phänomen. Im Jahr 2003 begann die wachsende Mittelklasse Kredite in Euro aufzunehmen. „Alles hat mit österreichischen Banken angefangen“, erklärt Gábor Sziegel, damaliger Senior-Wirtschaftsexperte der Ungarischen Staatsbank, der heute privater Berater ist. „Die Zinsen beliefen sich damals auf ca. 4%, während sie in Forint fast 10% ausmachten. Jemand hatte also die gute Idee, diese Zinsen an ungarische Kunden zu verkaufen, zunächst für Privatwagen, dann auch für Hypotheken.“

Von 2004 an und bis zu Beginn der Weltwirtschaftskrise hat der Schweizer Franken systematisch den Euro bei Verhandlungen zu Krediten und Hypotheken ersetzt. „Der Wechselkurs mit dem Forint war vorteilhaft, die Gewinnraten hoch. Und da hat sich sicher irgendjemand gefragt, warum nicht Profit daraus schlagen“, erklärt Sziegel. So entschieden tausende von Familien – ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung – den großen Sprung zu wagen: Autokauf, sich kleine Freuden machen und endlich diese Baracken mit sowjetischen Plakaten hinter sich lassen. Doch die Krise holte sie in großen Schritten ein.

Unterdessen hatten die Sozialisten, ermutigt von einer guten Wirtschaftskonjunktur, auch öffentliche Ausgaben überstrapaziert. Es war der Anfang vom Ende - das Land begann erneut sich haushoch zu verschulden. Die Rückkehr der Austerität nach dem Skandal um Ferenc Gyurcsány, der 2006 erklärt hatte, er habe gelogen, um die Wahlen zu gewinnen, war ein harter Schlag für die verschuldeten Familien. Die Herabwertung des Forint zu Beginn der Krise hat die Schulden dieser zahlungsunfähigen Haushalte noch verstärkt, wenn man beachtet, dass viele Familien mit einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 350 Euro auskommen mussten. Das Paradox ist deutlich: anstatt einer Kontrolle der Finanzpolitik, hat die Währungsabwertung einen Großteil der Bevölkerung verarmen lassen. 

Und wer trägt die Verantwortung dafür? Für Professor Nagy gibt es an der Antwort keine Zweifel: „Alle. Die Banken, die die Risiken nicht vorhergesagt haben; die Regierung, die das Phänomen nicht genügend reguliert hat; und die Bürger, die sich nicht im Klaren über die Risiken waren.“ Gábor Sziegel fügt einige Nuancen hinzu: "Ich denke nicht, dass die Banken wussten, wie verhängnisvoll die Lage tatsächlich war. Die Devisen und der Schweizer Franken waren seit 15 Jahren stabil. Niemand konnte den Rettungsschirm für Griechenland hervorsehen, der alle Umtauschraten verändert hat.“ 

Eine Sache macht das Beispiel Ungarn einzigartig: „Das Absurde in alledem sind die Hypotheken in Franken. Mit einem Kredit in Euro hätten wir zumindest Einfluss auf eine der Variablen gehabt: die Umtauschgebühr für den Forint. Aber wenn wir uns in Franken mit einer Hypothek belasten, geht unsere Wirtschaft gleich zwei Risiken ein, auf die wir keinerlei Einfluss mehr haben: die Schwankung des Franken gegenüber dem Euro und diejenige des Euro gegenüber dem Forint“, gibt er zu verstehen.   

Lösungsansätze aus Europa

Wie verhindern, dass es wieder zu solch einem Chaos kommt? Schwierig, aber unsere beiden Wirtschafsexperten kommen auf folgenden gemeinsamen Nenner. In der Wirtschaftspolitik stellen die Mitglieder der Europäischen Union nicht genügend Koordinierung und Konsensdenken unter Beweis. „Es ist nicht so einfach, ein solches Produkt vom Markt zu nehmen. Deshalb hat sich die Ungarische Staatsbank quergestellt, konnte aber damit lediglich die Alarmglocken läuten. Wenn man das Produkt national untersagt, holen sich die internationalen Banken die Datenbanken der ungarischen Kunden und verlagern die Standorte – das Problem bleibt aber das gleiche“, versichert Sziegel.

Nagy ist skeptisch in Bezug auf eine eigene Währung. „Wer glaubt, dass ein kleiner Staat seine Wirtschaft über eine Umtauschgebühr kontrollieren kann, weiß nicht, in welcher Welt wir leben. Darüber bestimmt allein der Markt. Allerdings müsste Ungarn deutlich besser in die EU integriert werden.“ Vielleicht ist das der paradoxe Grund, aus dem auf dem Platz der Freiheit, mitten in Budapest, auf weniger als 100 Metern Distanz die Helden der Roten Armee und Ronald Reagan nebeneinander stehen können. Eine bessere Mischung für ein Gulasch ist kaum vorstellbar. 

DIESER ARTIKEL IST TEIL UNSERER CAFEBABEL-REIHE EU IN MOTION, MIT UNTERSTÜTZUNG DES EUROPAPARLAMENTS UND DER FONDATION HIPPOCRÈNE.

. | Adrien Le Coarer

. | .