Politik

Ungarn: Entschuldigung für unseren Premierminister

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2015

Kürzlich erreichten die Ausuferungen der ungarischen Regierung zu den Themen Einwanderung und Terror mit einer neuen Posterkampagne und dem Plan zu einem Zaun zur serbischen Grenze ihren bisherigen Höhepunkt. Junge Ungarn sind darauf alles andere als stolz und unterstützen die örtliche Satirepartei in einer Kontra-Crowdfundingaktion.

Seit kurzem hat die ungarische Regierung die Straßen des Landes mit einer Plakatkampagne zugekleistert, auf denen Hassbotschaften gegen 'Einwanderer und Terroristen‘ zu lesen sind. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen scheint die 'Regierung Orbán' Einwanderer und Terroristen für das gleiche zu halten.

Die Slogans auf den Plakaten sind auf Ungarisch. Somit kann zumindest erstmal spontan kein Fremder direkt die Nachrichten verstehen, ohne google translate zu verwenden. Der Online-Übersetzer stellt zudem kuriose Übersetzungen wie diese hier zur Verfügung: „Wenn ihr nach Ungarn kommt, können die Ungarn euch nicht die Arbeit wegnehmen.“ Fragezeichen?! Eigentlich heißt es korrekt natürlich: „Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du uns nicht die Arbeit wegnehmen!“ 

Auch in der englischen Übersetzung geht es drunter und drüber. Der Sinn ist vollkommen verdreht. Und das ist gut so. Aber natürlich soll sich die Nachricht ja an die in Ungarn lebenden Einwanderer richten. Und die verstehen wohl leider nur allzu gut, worum es sich in den Botschaften von den blauen Plakaten handelt. 

Ungarische Willkommenskultur

Die Regierungskampagne hatte jedoch eine direkte Reaktion und viel Kreativität unter den Ungarn zur Folge. Schnell haben sich Bürgergruppen zusammengefunden, die die Poster in einer Nacht- und Nebelaktion mit positiven Botschaften überschrieben oder gleich ganz haben verschwinden lassen. Unter den Machern dieser Aktion befand sich auch die relativ neue, linke Zentrumspartei Együtt (Together 2014 - Party for a new Era), die zu den nächsten Parlamentswahlen Viktor Orbáns Fidesz herausfordern will.

Die Regierung hat natürlich prompt auf den Gegenwind reagiert und die Plakate unter Polizeischutz gestellt. Doch auch das konnte das Volk und die 2006 lancierte und mittlerweile für ihre Street Art und Bürgeraktionen ziemlich bekannte ungarische Satirepartei MKKP (Magyar Kétfarkú Kutya Part; Hund mit zwei Schwänzen) nicht davon abhalten, weiter zu stänkern. 2006 hatte die Partei mit dem Slogan 'Freibier und ewiges Leben für alle' geworben.

Doch die Partei kann auch ernst machen, wenn sich der Hund auf einen seiner Schwänze getreten fühlt. In Reaktion auf die Hetzkampagne startete die MKKP ein Crowdfunding für eine Kontra-Plakataktion gegen die Regierung. Und die ungarische Ironie konnte punkten: Innerhalb der ersten Stunden kamen bereits 20 000 Forint, umgerechnet etwa 6000 Euro, zusammen. Von diesem Geld sollen Plakate mit Botschaften wie „Kommt doch auch nach Ungarn, wir sind ja zum Arbeiten schon nach Großbritannien gegangen“ oder „Wir entschuldigen uns für unseren Premierminister“ gedruckt werden.

Die Originalkampagne soll laut Regierung insgesamt 300 000 Forint (ca. 1 Million Euro) gekostet haben. Eine saftige Summe, bedenkt man, was die Hund mit zwei Schwänzen-Partei in ihrer Crowdfundingaktion eingesammelt hat. Der Kampf gegen die Regierungskampagne ist deshalb längst noch nicht vorbei. Immer mehr Plakate mit positiv besetzen Botschaften tauchen überall auf. Auf Online-Maps kann man live mitverfolgen, wo sich Originalposter und Satireposter befinden. Nach der Massendemonstration gegen die Internetsteuer, die mehr Menschen als jedes andere Gesetz der Regierung Orbán mobilisiert hatte, zeigt das ungarische Volk auch mit dieser Aktion, dass es fähig ist, sich für Grundsatzdebatten einzusetzen.