Politik

Unabhängiges Schottland: Edinburghs beste Wette

Artikel veröffentlicht am 21. August 2014
Artikel veröffentlicht am 21. August 2014

Unabhängigkeit von London? Das Referendum um die schottische Unabhängigkeit am 18. September steht vor der Tür. Damit ist die Zukunft der Währung und des Erdöls auf der Insel so unsicher wie nie. Nur die Buchmacher reiben sich jetzt schon die Hände.

Der Gewinner der Europawahlen in England Nigel Farage, hat sogar einen Sitz für das Europäische Parlament mit seiner UKIP in Schottland errungen. Trotzdem hat die Partei es in Schottland insgesamt nicht geschafft, die Scottish National Party (SNP) unter der Führung von Alex Salmond von ihrem Thron zu stoßen. UKIP erhielt in Schottland am Ende 10,5 Prozent der Sitze. Die SNP schaffte es diese Wahlen nur auf 29 Prozent der Stimmen, nachdem sie es auf 53,5 Prozent bei den letzten Wahlen gekommen war.

Die verlorenen Stimmen können auch als Absage an das Referendum in Schottland gewertet werden. Die SNP versucht die Unterschiede zwischen Schottland und dem Rest des Königreichs wo sie nur kann herauszustellen, um ein „Ja“ im Unabhängigkeitsvotum zu beschwören. Es wurden bereits zahlreiche Fragen, die das Unabhängigkeitsvotum betreffen, gestellt. Aber um die gesamte Komplexität des Problems herauszustellen, müssen wir uns wohl in den lokalen Pubs umhören.

Die zukünftige Währung hinter den Mauern von Hadrianswall, die Rechte an den Ölfeldern in der Nordsee und das Schicksal, der auf dem Hafenstützpunkt Clyde befindlichen nuklearen Waffen, sind nur einige der Reibungspunkte. Außerdem fragen die Menschen sich, welche Form von Sozialstaat künftig auf der Insel zur Verfügung steht. Welches Bildungssystem würde in einem unabhängigen Schottland angeboten? Welche Form der Zusammenarbeit wird es mit der EU geben? Sieht man einmal von den Klischees der Haggis (Schafsinnereien), Whiskys und Dudelsäcken ab, findet sich der Kampf um die Unabhängigkeit eher auf den Schlachtfeldern der Geopolitik und der Wirtschaft statt.

Nuklear U-Boote, Währung und das Öl

Linda Fabiani ist eine Abgeordnete für die SNP und Mitglied des Schottischen Referendum Komitees im Parlament, sie trifft uns nach einer Sitzung über die schottische Justizreform. José Manuel Barroso, der scheidende Präsident der Europäischen Kommission, hat Skepsis darüber verbreitet, ob es möglich sei, ein unabhängiges Schottland in der EU aufzunehmen und ob der Staat den Euro annehmen könne. „Das Pfund ist eine schottische Währung, genau wie es eine englische, nordirische und walisische ist“, erzählt Fabiani. Wenn die Wähler tatsächlich mehrheitlich mit „Ja“ für die Unabhängigkeit Schottlands stimmen würden, dann wäre eine der größten anstehenden Aufgaben, die Rahmenbedingungen mit dem Premierminister Großbritanniens David Cameron und der Britischen Bundesbank abzustimmen. Beide Gegenüber sind von der Idee der schottischen Einwanderung nicht begeistert. Fabiani erklärt, dass eine Währungsunion in Großbritannien die beste Lösung für ihre Partei wäre.

Eine unerschütterliche Forderung von Salmonds Regierung ist der Abzug der britischen Atomwaffen vom schottischen Territorium. „Wir sind gegen nukleare Waffen, Punkt“, erklärt Fabiani. „Die Waffen wurden uns aufgezwungen und sie müssen weg.“

Die Trident Raketen befinden sich 25 Meilen (40 Kilometer, AdR.) westlich von Glasgow. Ein wichtiges Element der schottischen Unabhängigkeit befindet sich weiter nördlich vor der Küste. Die schottische Regierung tut ihr bestes, um die Menschen mit der zukünftigen Unabhängigkeit von Erdölimporten zu verführen. Die Times hat allerdings bei ihren Recherchen herausgestellt, dass „die Einkünfte vom Öl bereits rückläufig sind und sie werden sich unterhalb der Schätzungen der schottischen Regierung belaufen.“

„Nein“ führt weiterhin

Die Presse scheint sich mehrheitlich gegen die schottische Unabhängigkeit auszusprechen. Trotzdem heben Analysten wie Nicola McEwen, die Direktorin des Economic and Social Research Council (ESRC) an der Universität Edinburgh ist, hervor, dass die Yes-Kampagne in den Sozialen Netzwerken immer mehr Unterstützung erfährt. Die Liste der Wahlberechtigten ist lang. Sogar 16-jährige, alle Schotten, die in der EU leben und Commonwealth Bürger, die in Schottland ihren Wohnsitz haben und sich für das Referendum registriert haben, bekommen das Recht abzustimmen. Das Internet wird gerade für diese Gruppen eine wichtige Informationsquelle. Der Kampf um das Referendum ist also noch nicht vorbei. „Nach drei Monaten Kampagne hat sich der Wind gedreht. Gerade weil Yesscotland den Vorteil hat, einfach mehr Geld zu haben und sich besser organisieren kann“, erzählt Toni Giuliano, der die Yesscotland Kampagne organisiert. Er behauptet, dass bereits 250 lokale Komitees in ganz Schottland eingerichtet sind, die die größte Kampagne in der Geschichte Schottlands durchführen. Die Yes-Kampagne setzt dabei stark auf die Emotionen der Schotten. Nicola McEwen sagt, dass die Bettertogether Fraktion unter Führungsschwäche leidet und ihre Argumente fast ausschließlich auf die großen Kosten, die die Unabhängigkeit verursachen würde, stützt. Die Ja-Seite schafft es positive Aussagen über die Unabhängigkeit zu formulieren. McEwen erklärt, dass mehr Männer für die Unabhängigkeit sind als Frauen

Die größte Wette, die jemals abgeschlossen wurde

Das Wettbüro Ladbrokes bezahlt eine Quote von 1,29, wenn Schottland im Vereinten Königreich bleiben sollte und 3,75 für diejenigen, die auf die Unabhängigkeit tippen. William Hill nimmt auch Wetten über die Wahlbeteiligung und die zukünftige Währung in Schottland entgegen. Die englischen Buchmacher (3,25 für „Ja“ und 1,33 für „Nein“) berichten, dass bisher 52 Prozent der Spielwütigen auf „Nein“ tippen, während 48 auf „Ja“ gesetzt haben. Ein 50-jähriger Schotte aus Glasgow hat 200.000 Pfund gegen die Unabhängigkeit gewettet. Das gilt als die größte politische Wette aller Zeiten. Hill geht davon aus, dass am Ende eine Millionen Wetten auf der Insel eingehen könnten.

Die ganze Debatte um das Referendum erscheint selbst ein bisschen wie eine Wette. Wird Schottland, ein Land mit nur 5,2 Millionen Einwohnern es schaffen, die enorme Bürde der Unabhängigkeit zu meistern? Vielleicht. Die Wette zu verlieren, wäre schlimmer als einfach einen Wettschein wegzuwerfen. 

DIE­SER AR­TI­KEL ÜBER EDIN­BURGH GE­HÖRT ZU EINER SPE­ZI­AL-REI­HE, DIE IM RAH­MEN DES PRO­JEKTS "EU IN MO­TI­ON" MIT UN­TER­STÜT­ZUNG DES EU­RO­PÄI­SCHEN PAR­LA­MENTS UND DER HIP­PO­CRÈNE-STIF­TUNG VON CA­FE­BA­BEL REA­LI­SIERT WURDE. DEM­NÄCHST WER­DEN ALLE AR­TI­KEL DER REIHE AUF DER TI­TEL­SEI­TE VON CA­FE­BA­BEL ERSCHEINEN.