Politik

Typelady Verena Gerlach: „Schriftdesign - ein Terrain für weiße, heterosexuelle Männer“

Artikel veröffentlicht am 6. März 2009
Artikel veröffentlicht am 6. März 2009
Wir treffen die 38-Jährige Schriftdesignerin in Berlin - dem Mekka des deutschen Font Designs. Über Frauen, Männer und Originalität.

Verena Gerlach war gestern auf einer Party. Und es ist ihre große Sonnenbrille, die mir, als wir durch die Straßen Südberlins bummeln, sagt, dass es nicht nur mir viel zu früh an diesem Sonntagmorgen ist. „Man muss lernen damit klarzukommen, dass die Leute deine Designs so verwenden, wie es ihnen gefällt“, beginnt sie zu erzählen. „Es kann schon mal passieren, dass deine Arbeit im Zusammenhang mit Ideen und Einstellungen verwendet wird, mit denen du nicht übereinstimmst. Oder das Ergebnis einfach nur ein schlechtes ist.“

DDR-Vergangenheit bewahren

Gerlach ist Schriftdesignerin, seit sie sich während ihrem Studium der visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee für die Typografie zu interessieren begann. “Es ist eine sehr kleine, und enge Nische“, erklärt sie. „Jeder kennt jeden - auch über die Grenzen hinweg.“

©fraugerlach.comIhre Vorgehensweise, Schriften zu entwerfen, beschreibt sie als eine „suche-finde-rette- Methode“. Mit der Suche begann Gerlach, als im Jahr 1989 die Mauer in Berlin fiel: „Da dachte ich, ‚Wow, das ist ein wunderbarer Spielplatz’“. Und wegen der damaligen Mangelwirtschaft, war auch noch so gut wie alles vorhanden, wonach sie suchte. Aber auch das ist laut Gerlach bereits am schwinden. Inspiriert von dieser Entdeckung, begann sie Fotos von Straßenschildern und Geschäftsschriftzügen zu machen. Diese Vorlagen flossen dann in ihre eigenen Schriftdesigns ein.

Ein anderes ihrer Schriftbild-Projekte wurde von ostdeutschen Verkehrszeichen inspiriert. Ihr Interesse daran, die DDR-Vergangenheit festzuhalten, setzte sich fort, als sie in das „Haus des Lehrers“, ein altes sozialistisches Gebäude, einzog. Die günstigen Mietpreise in dem Haus ziehen viele junge Menschen an. Es entstand dort eine Art Studio-Community um rund 40 Künstler - unter ihnen Architekten, Filmemacher, Designer, Fotografen und Musiker. Das Gebäude am Alexanderplatz, das Zentrum des vormals sozialistischen Teils Berlins, ist zu einem wichtigen Teil der Berliner Subkultur geworden.

“In dem Haus gab es eine Liste mit den Namen der Mieter. Aus diesem Vorbild habe ich dann ein digitales Interface gemacht.“ Gerlach erprobt sich zudem auch als Grafikerin. Sie hat das Logo für die Community entworfen.

Harte Designer-Welt für eine Frau

„Es ist ein sehr anstrengender Job. Du arbeitest Tag und Nacht, weil du am Ball bleiben musst, wenn du einmal drinnen bist.“ Laut Gerlach ist das Entwerfen von Schriften heute nicht unbedingt einfacher geworden. „Du musst dich zwischen Schwarz und Weiß entscheiden, mit Grau kannst du nicht arbeiten. Es ©fraugerlach.comgibt nur ‚ja’ oder ‚nein’. Du musst klare Entscheidungen treffen.“ Die Welt des Schriftdesigns verlangt zudem eine gehörige Portion an Entschlossenheit: „Es ist Terrain der weißen, heterosexuellen Männer, in dem ich mich bewege. Man hört hier so viel Unsinn. Ein Schweizer Schriftdesigner sagte einmal, Frauen wären nicht so gut wie Männer, weil sie am Ende schwanger würden. Und manchmal fragst du dich, ob der Typ mehr an deinem Hintern, als an deiner Arbeit interessiert ist. Wobei auch gesagt werden muss, dass die meisten Arbeitskollegen richtig nette Kerle sind.“ Wenn sie jemals Zweifel an ihrer Berufswahl gehabt hat, dann nur wegen dieser Gründe. „Ich habe mich immer gefragt, wo die Frauen in diesem Gebiet sind. Und so habe ich mich dazu entschlossen, eine Art Vorreiterrolle zu übernehmen.“

Während der Vorlesungen und Konferenzen sah sie einige Frauen, aber nur ganz wenige wagten den Schritt nach vorne auf die Bühne. „Ich stand im Kontakt mit einigen großartigen Schriftdesignerinnen, es gab auch viel Zusammenarbeit“, sagt sie, während sie uns die Homepage der „Typeladies“ vorstellt. Es handelt sich hierbei um eine offene Plattform, wo Designerinnen aus den USA bis nach Russland ihre Arbeit präsentieren.

“Es gab auch oft Enttäuschungen“, gesteht Gerlach ein. „Frauen sind manchmal solche Perfektionisten. Es vergeht dann eine Ewigkeit, bevor sie ihre Arbeit herzeigen, während Männer bereits auf die Bühne springen, nur um ein einzelnes Zeichen zu präsentieren.“

Mittlerweile gibt Gerlach ihr Wissen in der Berliner Design Akademie an die nächste Generation weiter. Der Unterschied zwischen den Generationen ist evident, aber nicht zwingender Weise gut: „Die Studenten machen oft genau das, was ich ihnen sage, gehen dabei aber keinen Schritt weiter. Schuld daran trägt aber nicht der Computer, denn wenn einer mit der Maus in der Hand aufwächst, weiß er normalerweise auch, wie diese zu bedienen ist. Aber ein Computer denkt nicht, man muss schon selbst sein Hirn gebrauchen.“

Lehrende sowohl aus England als auch aus Russland stimmen mit Gerlach überein - und genau das macht ihr Sorgen. „Eigentlich ist es so, dass die Einzigartigkeit der Designs der einzelnen Länder verloren geht. Jeder kopiert von jedem.“ Und Verena Gerlachs Mission besteht darin, zumindest die typografische Vergangenheit Berlins vor dem Verschwinden zu retten.