Politik

Türkei-Israel: Glaubwürdigkeit und das Spiel mit dem Antisemitismus

Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2010
Nach den heftigen Kritiken auf türkischer Seite am israelischen Angriff der Gaza-Hilfsflotte vom 31. Mai, gehen die Beziehungen der beiden Länder in eine weitere Eiszeit. In Europa mehren sich derweil Stimmen, die befürchten, die Türkei wende sich zunehmend vom 'Westen' ab. Der Politologe Ekrem Eddy Güzeldere erklärt, worin das Problem in der türkischen Reaktion besteht.

Die Türkei und Israel galten lange Zeit als die demokratisch-säkularen Aushängeschilder des Nahen Ostens, Felsen, die in einer scharfen Brandung, einer undemokratischen Umgebung zusammen halten müssen. Und dies, obwohl sich die bilateralen Beziehungen weniger durch pro-demokratische Kräfte entwickelten, als vielmehr durch das Militär, das in den 1990er Jahren damit ein Gegengewicht zur muslimisch orientierten Außenpolitik Erbakans (Wohlfahrtspartei) schaffen wollte. Dem Militär folgte die Wirtschaft und der Wirtschaft der Tourismus. Das soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass diese Beziehungen bei der breiten Bevölkerung nie besonders beliebt waren - nur spielte die öffentliche Meinung bis vor kurzem kaum eine Rolle in der türkischen Politik.

Deshalb interpretieren einige die sich verschlechternden türkisch-israelischen Beziehungen als eine 'Normalisierung' der türkischen Außenpolitik. Die Haltungen der Bevölkerung werden zunehmend berücksichtigt und anstatt der lediglich guten Beziehungen zu Israel versucht die Türkei gute Beziehungen zu allen Staaten des Nahen Ostens aufzubauen. In diesem Prozess sind alte Feinde wie Syrien und der Nordirak zu Verbündeten geworden und wurde der Iran zu einem engen Partner in Energiefragen. Besonders enge Beziehungen zu Israel sind dabei eher störend, weshalb eine Abkühlung der türkisch-israelischen Beziehungen quasi eine Vorbedingung für die Annäherung an die arabischen Staaten und den Iran darstellt.

Nach dem berühmten „one minute“ von Davos im letzten Jahr, haben die Beziehungen mit den Vorfällen vom Wochenende den vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Die Türkei kann dabei mit vollem Recht Israel für die Tötung neun ihrer Staatsbürger kritisieren, die Hilfsgüter in den Gazastreifen schicken wollten. Der Ton auf der türkischen Seite ist scharf. Man hatte sogar geplant Kriegsschiffe vor die Küste Israels zu entsenden. Es wird viel von einem Preis gesprochen, den Israel zu zahlen habe. Es geht schließlich um Menschenleben, Menschenrechte, Kinder und unschuldige Zivilisten.

Und genau da steckt das Problem in der türkischen Reaktion. Wenn es wirklich nur um Menschenrechte ginge, warum ist der Protest - wenn es um Israel geht - so vehement und martialisch, wenn gleichzeitig beim Völkermord in Darfur nicht nur geschwiegen wird, sondern dem dortigen Präsidenten Bashir ein Persilschein ausgestellt wird mit den Worten, Muslime könnten gar keinen Völkermord begehen. Ginge es lediglich um die Verbesserung der Lebensumstände von Kindern, wieso werden dann gleichzeitig Hunderte von kurdischen Kindern in der Türkei für das Victoryzeichen bei einer Demonstration oder den Wurf eines Steines (beides wird als Mitgliedschaft in einer Terrororganisation bewertet) verurteilt? Und während die meisten Regierungen eine Überprüfung der Wahlergebnisse im Iran angemahnt hatten, die offensichtlich gefälscht waren, hat die Türkei noch am Wahlabend gratuliert. Auch folgten keine Worte der Mahnung bezüglich der Beachtung der Menschenrechte, als iranische Demonstranten verprügelt und getötet wurden.

Die türkische Regierung ist in ihrer Kritik an Israel nicht antisemitisch! Auch wird nie das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Doch in der Bevölkerung funktioniert die Mobilisierung der Massen gerade darüber. Die NGO BAK (Frieden- und Gerechtigkeits-Koalition) ruft zu einer Demo unter dem Slogan „Mörder Israel“ auf, ähnliches würde es im Bezug auf andere Staaten nie geben. Und natürlich kommt es wieder zu Boykottaufrufen, am ersten Tag noch gegen israelische Produkte, am zweiten Tag kursierte dann eine lange Liste mit zu boykottierenden Firmen im Internet. An erster Stelle stand Profilo und an dritter Stelle Vakko, zwei von türkischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens gegründete Unternehmen. Der Gründer von Profilo, Cefi Kamhi, ist auch Gründer der 500-Jahre-Stiftung, die 1992 gegründet wurde und an die Aufnahme der spanischen Juden 1492 erinnert. Darüber hinaus ist er mit dem türkischen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden und war in den 1990er Jahren Abgeordneter im türkischen Parlament. Profilo und Vakko sind auf der Liste, weil sich das Motto des Boykotts geändert hat, aus israelischen Produkten wurde „Produkte jüdischen Kapitals.“

Türkische Aufarbeitung

Diese Ausuferungen sind möglich, weil die Türkei nicht über dieselben geschichtlichen Erfahrungen verfügt, wie die meisten Staaten innerhalb der EU. Die Gründung der EU war auch das Resultat eines „nie wieder“, das zur Aussöhnung zwischen den Erzfeinden Deutschland und Frankreich, später zur Einigung eines Großteils Westeuropas führte und sich nach 1990 auf Osteuropa ausdehnte. Die größte Katastrophe des Zweiten Weltkriegs war die Vernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland. Dieses größte Verbrechen ist somit Teil nicht nur des deutschen, sondern des gesamten europäischen Gewissens geworden.

Die Türkei, Lehren aus der desaströsen Beteiligung am 1. Weltkrieg ziehend, hat auf Neutralität im 2. Weltkrieg bestanden. Sie hatte zwar mit Deutschland bis 1944 einen Freundschaftsvertrag, aber wurde von den Kriegswirren größtenteils verschont und damit auch von der Judenvernichtung. Hinzu kommt noch, dass die offizielle Ideologie sich per se als nicht-rassistisch und anti-antisemtisch definiert und die Vergangenheitsbewältigung der dunklen Seiten der türkischen Geschichte erst in den letzten 6 Jahren eingesetzt hat.

Deshalb müsste eine Europäisierung der Türkei auch beinhalten, diesen Teil der europäischen Geschichte, den Holocaust und die Folgen des Zweiten Weltkriegs, als einen Aspekt der eigenen Vergangenheit zu begreifen und darüber hinaus selbst die eigene Vergangenheit ehrlicher aufzuarbeiten - auch die Behandlung von Minderheiten. Das würde dann dazu führen, dass in der Kritik an Israel, die berechtigt und notwendig ist, die hässlichen antisemitischen Ausfälle reduziert würden und die Kritik an Menschenrechtsverbrechen nicht nur für den „jüdischen Staat“, sondern auch für die arabisch-muslimischen Nachbarn gelte. 

Der Diplompolitologe Ekrem Eddy Güzeldere arbeitet als politischer Analyst in Istanbul.

©plasmastik/flickr