Politik

Türkei: Der Lockruf der Wirtschaft

Artikel veröffentlicht am 13. April 2007
Artikel veröffentlicht am 13. April 2007
Die Türkei ist der offizielle Partner der Hannover-Messe 2007. Während Unternehmer sich vor allem für die blühende Wirtschaft des Landes interessieren, gerät der kulturelle Austausch ins Stocken.

Im Rahmen der Messe soll der amtierende türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zusammentreffen. Sein Deutschlandbesuch wird an dem Tag stattfinden, an dem die islamistische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) die Namen der Präsidentschaftskandidaten für die im Mai stattfindenden Wahlen veröffentlichen wird. Ob Erdogan selbst antritt, ist bisher noch offen.

Links des Rheins scheint derweil der konservative Nicolas Sarkozy gute Chancen zu haben, sich in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen am 22. April durchzusetzen. Sarkozy ist ein vehementer Gegner eines Beitritts der Türkei zur Europäischen Union. Im zweiten Halbjahr 2008 könnte der Vorsitzende der Partei UMP die Ratspräsidentschaft der EU übernehmen. Dann wird der sekular eingestellte Ahmet Necdet Sezner nicht mehr türkischer Präsident sein und einen weniger moderaten Nachfolger haben. Eine explosive Mischung. Es ist unsicher, wie sich die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU im kommenden Halbjahr gestalten. Aber ökonomisch und kulturell sind die Beziehungen mit den derzeitigen EU-Präsidentschaften sehr stabil.

Laut Martin Klein, dem Pressesprecher der Handelsmesse, kommt der Besuch Erdogans nicht zufällig. Die Messe findet jährlich im April statt, und die Türkei wurde bereits vor zwei Jahren von der Bundesregierung als Partnerland in Erwägung gezogen. „Sicher hat die Türkei in den letzten drei Jahren viele politische Diskussionen verursacht“ so Klein „Aber es ist eines der wichtigsten Länder in und für Europa, und eines mit guten wirtschaftlichen Aussischten.“

Ein europäisches Land

Mit mehr als 6000 Ausstellern und 60 teilnehmenden Länder ist Hannover eine der wichtigsten Handelsmessen der Welt. Vertreten sind vor allem der Energiesektor und die Mikrotechnologie. Mit einem stabilen Wachstum von acht Prozent pro Jahr wird die Türkei auf der Messe eine klare Vorstellung von ihrer Bedeutung als Energieanbieter liefern wollen.

Auch die vorangegangenen Partner der Messe repräsentieren die Zukunftsmärkte: Indien (2006), das derzeit mit seiner mächtigen technologischen Industrie auf sich aufmerksam macht. Und Russland (2005) ist einer der wichtigsten Öl- und Gaslieferanten Europas.

Öl ist ein Schlagwort für die Türken. Die Pipeline, die täglich Millionen von Litern des „schwarzen Goldes“ aus dem Kaukasus zum Mittelmeer transportiert, wurde in der Türkei zu einem Energiekorridor umgewandelt. Dadurch könnte Europa Russland und dem Irak in Energiefragen Paroli bieten. Premierminster Erdogan ist stolz darauf, diese Karte auszuspielen. „Wenn Energie das Problem ist, dann hätte die Türkei die Antwort“, ließ er Ende März verlautbaren.

Dem EU-Kommission zufolge importiert Europa derzeit 60 Prozent seiner Energie. Und die Europäische Union fürchtet sich vor dem wachsenden Einfluss Russlands: 2006 liegt das russische Gasmonopol in den Händen des Unternehmens Gazprom. Im selben Jahr stoppte Russland nach einem Preiskrieg kurzfristig die Gaslieferung in die Ukraine.

Die Reformen, die sich die Türkei im Zuge der Annährerung an die EU selbst auferlegt hat, haben Privatisierungen gefördert und den Handel mit der EU zum Blühen gebracht. Der deutsche Botschafter in Ankara bestätigt, dass die direkten Investitionen aus seinem Land in die Türkei im letzten Jahr um 20 Prozent zugenommen haben. Deutschland ist nicht nur ein wichtiges Importland für die Türkei, sondern auch ihr bester Kunde. Nach Angaben des türkischen Aussenhandelsinstitutes gingen 14 Prozent der türkischen Exporte im letzten Jahr nach Deutschland.

Distanz zur Türkei

Doch abgesehen von der Wirtschaft: Wie steht es um andere gesellschaftliche Bereiche in dem Land, das in die Europäische Union strebt? „In den deutschen Zeitungen spricht niemand mehr wirlich über den Beitritt“, sagt Aydan Özegus. Die 39jährige in Deutschland geborene Türkin hat das deutsch-türkische Austauschprogramm der Hamburger Körber-Stiftung mitbegründet, das heute allerdings nicht mehr besteht.

Brüssels Einstellung gegenüber der Türkei sei „theatralisch“, sagt sie und erinnert an das Schweigen, das während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zum Thema herrscht. „Der Dialog, wie er im Moment geführt wird, ist nicht ehrlich“, kritisiert Özegus. „Wenn wir wollten, dass die Türkei uns näher kommt, wäre es schon längst geschehen. Es scheint, als suchten wir nach Gründen – wie etwa die Religion – um uns von dem Beitritt der Türkei zu distanzieren. Aber in anderen neuen Mitgliedsstaaten gibt es auch kulturelle Unterschiede, und darüber diskutieren wir nie.“

In Sachen türkischer Kultur, sagt sie kurz und bündig, seien die Euopäer „ärmlich informiert“. Ein anderes Deutsch-Türkisches Programm, das die Körber-Stiftung organisiert, ist der Hamburger „Tulpenpreis“, der türkische Initativen im Deutschland auszeichnet. Özegus bedauert, dass man einen einen Preis ausschreiben muss, damit die Türkei wahrgenommen wird. Aber es hat Früchte getragen. Beim ersten Wettbewerb machte eine Gruppe junger türkisch-deutscher Unternehmer auf sich aufmerksam, die jungen Deutschen einen Job in Hamburg finden wollten.

Derweil wird am 16. April die Hannover-Messe eröffnet, die die Türkei als ein Land beschreibt, in dem es vor allem „außergewöhnliche Marktmöglichkeiten und ein hohes Wachstumpotential“ gebe.

Die Türkei und Deutschland verbindet eine 20jährige Wirtschaftsbeziehung, blühende Kulturprogramme und die Vorteile ihrer geostrategischen Lage.Doch die Wolken über dem Beitritt werden sich erst lichten – oder wieder zusammeziehen –, nachdem im Mai der neue französische und türkische Präsident gewählt wurde.