Politik

Thibault Chiarabini zur Homophobie in Frankreich: „Einige sind gleicher als andere“

Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2013
Der 24-jährige Medizinstudent Thibault Chiarabini engagiert sich für die Rechte der LGBT-Community und ist in seiner Freizeit Transvestit. So würde sich eine sensationsheischende Beschreibung des jungen Franzosen lesen. Eins steht allerdings fest: Um den Slogan „Le changement, c’est maintenant“ („Wandel jetzt!
“) Wirklichkeit werden zu lassen, braucht die französische Gesellschaft Menschen wie Thibault. Lest das erste Porträt unser 5-teiligen Serie „LGBT Porträts“.

„Wenn du einen Teil deines Lebens verstecken musst, kann es damit enden, dass irgendjemand Macht über dich hat. Ich verstecke nichts, ich allein bin für mein Leben verantwortlich.“ Der 24-jährige Thibault Chiarabini ist Vizepräsident der Organisation „MAG“(Mouvement d’Affirmation des Jeunes Gais, Lesbiennes, Bi et Trans), die sich für LGBT-Rechte und speziell von jungen Menschen einsetzt. Er hat keine Angst vor einem ehrlichen Interview: Thibault spricht offen über die Probleme seines Vaters, die Homosexualität seines Sohnes zu akzeptieren, über seine Leidenschaft für Mode und Make-up sowie über Transvestismus. „Ich hatte mein Coming-out mit 16“, erzählt er. „Kurz und schmerzlos. Meine Mutter hat es gut aufgenommen, aber sie hatte Angst, dass ich mich mit 30 Jahren umbringe. Das war das Bild, das sie von Schwulen im Kopf hatte.“

Thibault wurde in Südfrankreich in einer italienischen Familie geboren. Dem Medizinstudenten zufolge ist Homosexualität in den wichtigsten Städten Frankreichs anerkannt, „außer in Marseille: dort stehen besonders die zahlreichen Immigranten den LGBT feindlich gegenüber. Aber Homophobie hat nichts mit Herkunft zu tun, sondern ist eine Frage von Erziehung.“ Thibault ist in einer katholischen Familie aufgewachsen. Für ihn gehen Katholizismus und Homophobie nicht zwangsläufig Hand in Hand: „Klar kann Homophobie ihren Ursprung auch in der Religion haben. In der Bibel steht, dass Homosexuelle sterben sollen. Auf der anderen Seite gibt es auch gläubige Katholiken, die Homosexualität akzeptieren. Meine italienische Großmutter ist katholisch. Sie weiß, dass ich schwul bin und es ist ihr egal. Die Tatsache, dass unsere Abgeordneten homophob sind, ist doch viel erschreckender“, fügt er hinzu.

Vizepräsident von MAG (Mouvement d'Affirmation des Jeunes Gais, Lesbiennes, Bi et Trans)

„Die Homo-Ehe würde der Gesellschaft ermöglichen, Homosexualität besser zu verstehen“

In Frankreich sorgte das Projekt des sozialistischen Präsidenten François Hollande, die Institution Ehe für alle (mariage pour tous) einzuführen, für Furore: 340.000 Menschen protestierten am 13. Januar gegen die Homo-Ehe. Zwei Wochen später, am 27. Januar, gingen 125.000 Menschen für gleiche Rechte für alle auf die Straße. Auch das Parlament setzte sich mit der Frage auseinander [die Ehe für alle wurde am 12. Februar mit 329 zu 229 Stimmen beschlossen, A.d.R.]. Justizministerin Christiane Taubira führte den Kampf für die Ehe für alle mit Leidenschaft. „Sie weiß, was es bedeutet, Teil einer Minderheit [Christiane Taubira stammt aus Französisch-Guayana, A.d.R.] zu sein.“, sagt Thibault. „Dieses Gesetz betrifft Menschen, nicht nur Zahlen.“ Der rechte Flügel der Assemblée Nationale betont gerne, dass die Homo-Ehe angesichts der aktuellen Wirtschaftlage keine Priorität habe. Dabei kamen die meisten der 5362 Änderungsanträge zum Gesetzesentwurf, darunter die Anerkennung von Inzest und Polygamie, von konservativen Parteien.

Homophobes Frankreich

“Seit dem Beginn der Debatte um soziale Rechte haben die konservativen Parteien angefangen, religiöse Argumente auszugraben.“ Aber das war doch in der letzten Regierungskoalition genauso, oder? „Unter Sarkozy wurden doch nur große Wirtschaftsgesetze verabschiedet. In fünf Jahren Amtszeit habe ich nicht die geringste gesellschaftpolitische Änderung bemerkt. Er hat absolut nichts gemacht.“ Thibault zögert keine Sekunde, ihn mit Berlusconi zu vergleichen. „Die Einführung der Homo-Ehe würde es der französischen Gesellschaft ermöglichen, Homosexualität besser zu verstehen“, hofft Thibault Chiarabini. Die Kontroverse um das Gesetz hat eine latente Homophobie an die Oberfläche gebracht. „In letzter Zeit wurde ich in der Metro öfter beleidigt und als „sale pédé“ („Dreckige Schwuchtel“) beschimpft. Seit dem Beginn der Debatte um die Homo-Ehe sind die Leute empfänglicher für das Thema - im guten wie im schlechten Sinne.“

„Ich verstehe Homophobie nicht, genauso wie ich Hass niemals verstehen konnte.“

Bedenkt man, dass sich 63% der französischen Bevölkerung in Umfragen für die Homo-Ehe aussprechen – und 49% für das Adoptionsrecht auch für homosexuelle Paare – ist es erstaunlich, dass der Gesetzesentwurf eine solche Polemik hervorgerufen hat. „Civitas (die katholische Organisation, die die Gegendemonstrationen zur Ehe für alle organisiert hat) oder Komikerin Frigide Barjot (die eine Kampagne gegen die Homo-Ehe ins Feld rief) haben erreicht, und zwar mithilfe der Medien, Homophobie in Frankreich ‚normal‘ erscheinen zu lassen. Die meisten der vorgeschlagenen Gesetzesänderungsanträge beispielsweise, sind absolut homophob. Das ist gesetzlich verboten, aber niemand wird dafür zur Rechenschaft gezogen.“ Die Organisation MAG, deren Vize-Vorsitzender Thibault ist, setzt sich gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ein, besonders in Schulen: „Das Problem liegt bei der vorherigen Generation und ihrer Art, ihre Kinder zu erziehen“, findet Thibault. „Sicher, mein Vater ist in einer repressiven, patriarchischen Gesellschaft aufgewachsen, in der der Mann das Sagen hatte – mir aber hat man beigebracht, dass Gleichheit und der Respekt von Unterschieden wichtige Werte sind. Ich verstehe Homophobie nicht, genauso wie ich Hass niemals verstehen konnte.“

Und was hält die Zukunft für diese LGBT-Generation bereit? „Ich hoffe, dass die Legalisierung der Homo-Ehe dazu beiträgt, die Vorurteile vieler Heterosexueller zu überwinden. Die französische Gesellschaft ist in der Tat konservativ. Man sollte meinen, der Wahlspruch der Republik – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – heißt, dass wir alle gleich sind. In Wirklichkeit aber passt Orwells Beschreibung besser: ‚Wir sind alle gleich, aber einige sind gleicher als andere‘.“

Lest auch Teil 2 unserer Serie "LGBT-Porträts", und zwar hier!

Illustrationen: Teaser ©Adrien le Coärer; im Text: ©Thibault Chiarabini.