Politik

Syrien: Adopt a Revolution gegen Assads Regime

Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2012
Hiobsbotschaften aus Syrien überschlagen sich von Tag zu Tag. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Doch immer mehr Menschen setzen der Gewalt auch unbewaffnete Proteste entgegen. Der im Herbst 2011 gegründete Verein Adopt a Revolution unterstützt Aktivisten in Syrien mit Spendengeldern.

Wie der friedliche Widerstand von Deutschland aus unterstützt wird, berichtet einer der Gründer - Andre Find.

Cafébabel: Was steckt hinter der Idee Adopt a Revolution?

Andre Find: Nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten, die relativ schnell und erfolgreich waren, hat sich auch in Syrien eine Bewegung gebildet, um die Diktatur von unten zu stürzen. Hier in Deutschland und in Europa gab es viel Solidarität mit Nordafrika. Die Lage in Syrien dagegen war eher unbekannt. Wir wollten ein größeres Interesse für den Syrien-Konflikt erreichen, einen Weg aufzeigen, wie man die emanzipatorische Bewegung unterstützen kann. Dazu haben wir das Modell der Revolutionspatenschaften entwickelt. Es beinhaltet, dass sich Menschen in Deutschland für ein bestimmtes revolutionäres Bürgerkomitee entscheiden und möglichst regelmäßig dafür spenden. Angestoßen wurde das Projekt durch eine Reise nach Syrien zu der Zeit, als die Konflikte losgingen. Dort sind auch die ersten Kontakte zu Oppositionellen entstanden. Hinterher haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, was man von hier aus machen kann. So ist die Idee entstanden, einen möglichst direkten Kontakt von Menschen hier zu Menschen in Syrien aufzubauen, die in ihrer alltäglichen Arbeit Unterstützung brauchen. Wir wollen eine solidarische Brücke bauen.

Cafébabel: Wie schätzt ihr die momentane Lage in Syrien ein?

Repressionen in Syrien: Waltz with Baschar

Andre Find: Derzeit wird in den Medien nur über Damaskus und Aleppo berichtet. Dabei hat das Militär manche Gebiete Syriens bereits verlassen hat und es bilden sich erste demokratische Selbstorganisationen. Hier wird lediglich ein Bild des Bürgerkrieges gezeigt. Man hört nur von Schießereien. Dabei gibt es zwischen 500 und 800 Demonstrationen. Auch die müssen medial unterstützt werden.

Cafébabel: Wie helft ihr von Deutschland aus?

Andre Find: Wir haben im letzten halben Jahr etwa 200.000 Euro gesammelt, die wir an lokale Gruppen weitergeben, die vor Ort unbewaffnete Demonstrationen organisieren. Die Gruppen fangen an Medienarbeit zu leisten und stoßen politische Diskussionen auf Lokalebene an: Sie zeigen Ideen von Demokratie auf. Mit einer finanziellen Unterstützung kann politische Arbeit fortgesetzt werden. Zunächst sind Nachbarschaftskomitees entstanden, die sich anfangs auch aus dieser heraus finanzierten. Aber als die wirtschaftliche Lage in Syrien schlechter wurde, hat das für viele Komitees nicht mehr funktioniert. Unterstützung von außen wurde benötigt. Wir überweisen das gesammelte Geld in die Türkei oder in den Libanon und versuchen es dann über die Grenze zu schmuggeln. Die Komitees bilden das Rückgrat des Aufstands, weil sie überall dezentral in den Orten sitzen und nicht so einfach von den Geheimdiensten entdeckt werden. Aktivisten werden während der Demonstrationen häufig angegriffen. Aber sie gehen weiter mutig auf die Straße, um für Menschenrechte und Demokratie zu demonstrieren.

Cafébabel: Eine große Aktion war und ist der Examensboykott seitens syrischer Studenten.

Mit Hilfe der Spendengelder können sichere Internetzugänge und Laptops zur Verfügung gestellt und Untergetauchte mit Wohnungen und Nahrung versorgt werden.Andre Find: Wir haben den Fokus auf die Arbeit der Studenten gelegt, weil wir festgestellt haben, dass sie zunehmend verfolgt werden. Es sind die Studenten, die neuen Schwung in die unbewaffneten Proteste bringen. Sie sind auf einer anderen Ebene aktiv. Sie solidarisieren sich durch einen Examensboykott mit ihren Kommilitonen, die wegen ihres Engagements schon untertauchen mussten. Wir versuchen die Studenten auf den Übergang vorzubereiten. Gleichzeitig tragen sie den Protest in ihre Städte weiter und helfen den lokalen Komitees.

Cafébabel: Was haltet ihr von der Reaktion der Vereinten Nationen im Syrien-Konflikt?

Andre Find: Die Aktivisten sind teilweise enttäuscht. Sie wollen auch, dass sich die NATO einmischt. Wir sehen das ein bisschen anders. Wir denken, dass sich eine weitere Militarisierung nachteilig auswirkt. Wir fordern eine massive Unterstützung des zivilen Widerstandes.

Cafébabel: Und wie kann Europa sonst helfen?

Andre Find: Wichtig ist vor allem, dass die Menschen in Europa mitbekommen, wie die Lage in Syrien aussieht. Die Aktivisten vor Ort sollen merken, dass sie nicht alleine sind. Gleichzeitig kann dafür gesorgt werden, dass keine Waffen mehr nach Syrien gelangen. Stärkere Sanktionen müssen verhängt werden. Und auf humanitärer Ebene muss es beispielsweise die Möglichkeit geben, verletzte Aktivisten nach Europa zu bringen und hier medizinisch zu versorgen. Es gibt aber auch Studenten, die mit einem Studentenvisum nach Deutschland gekommen sind und jetzt nicht mehr zurück können. Sie riskieren in die Illegalität abzurutschen.

Cafébabel: Wie sieht eure Arbeit in Zukunft aus?

Andre Find: Auch wenn es vermutlich noch einige Zeit dauert, bis sich die Lage in Syrien verbessert, muss es in Zukunft eine aktive syrische Zivilgesellschaft geben. Demokratische Strukturen müssen aufgebaut werden, sodass es nicht mehr so einfach zu einer Machtergreifung kommt. Dabei wollen wir die Aktivisten vor Ort unterstützen.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Gwenaël Piaser/flickr; Im Text (cc)adoptarevolution.org; Video (cc)adoptarevolution.org