Politik

Straßburg drückt künftig die europäische Schulbank

Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2008
Im September 2008 wird die erste Europäische Schule in der elsässischen Hauptstadt eröffnet. Allerdings gibt es Bedenken, dass sie internationalen Abteilungen bestehender Schulen den Rang abläuft.

"Durch eine gemeinsame, vorurteilsfreie Erziehung von frühester Kindheit an werden sie zu Europäern, die sich auch als solche begreifen." Mit diesen Worten definierte der Franzose Jean Monnet, der als Wegbereiter für die Europäische Union gilt, den Grundgedanken der Europäischen Schulen. 55 Jahre und 40.000 internationale Abiturienten später gibt es 14 dieser Institutionen, die sich auf sieben Länder verteilen. Im September 2008 wird in Straßburg die 15. Einrichtung dieser Art gegründet. Ein durchaus passender Schritt für die "Stadt der Straßen" und selbst ernannte "Hauptstadt Europas".

Im November 2006 legten Reformen in Europa den Grundstein für das neue Typ II-Schulmodell, bei der die Schulen statt von der Europäischen Kommission von den einzelnen Staaten verwaltet werden. Die Europäische Schule öffnet im nächsten Schuljahr ihre Pforten für circa 400 Schüler. Zunächst wird sie auf dem Gelände von bereits existierenden Straßburger Schulen untergebracht sein. Unterrichtssprachen werden Französisch, Englisch und nach Bedarf Deutsch und Spanisch sein.

Über den Rhein nach Karlsruhe

Man muss nur kurz auf die andere Rheinseite blicken, um sich ein Bild davon zu machen, was mit dem Begriff 'Europäische Schule' wirklich gemeint ist. In der typischen Manier der 'Typ I'-Schulen ist sie hauptsächlich auf die Kinder von Mitarbeitern der europäischen Institutionen ausgelegt. Der Unterricht in der Muttersprache ist kostenlos, während man für die restlichen Plätze bezahlen muss. Ein beeindruckendes Unterfangen: fünf Sprachabteilungen, vierzehn Muttersprachen und eine hohe Erfolgsquote beim Europäischen Abitur, "dem ausgefeiltesten und anspruchsvollsten der Welt", wie der dänische Schulleiter Tom Høyem betont.

In Straßburg wiederum gibt es Bedenken, dass die neue Schule den internationalen Abteilungen bestehender Schulen in Frankreich den Rang ablaufen wird. Die örtliche Schulbehörde ist sich sicher, dass die Schule Straßburgs Status stärken, einen internationalen Begegnungsort in der Stadt schaffen und anderen Teilen des französischen Schulsystems zugute kommen wird. Chantal Cutajar, Bürgermeisterkandidatin der französischen, liberal-demokratischen Zentrumspartei MoDem, spricht im Namen vieler Bewohner der Stadt. Wenn sie auf die Schule angesprochen wird, antwortet sie ohne zu zögern: "Ich bin absolut dafür."

2000 Schüler der Stadt lernen bereits in der ein oder anderen internationalen Bildungsstätte. In der Etoile Education, einer Vereinigung ortsansässiger Eltern, die sich seit einigen Jahren für eine Europäische Schule einsetzt, betonen Michel Curien und Ana Gorey, dass das jetzige Bildungsangebot für die nicht französische Gemeinschaft nicht ausreichend sei. Diese Behauptung rührt sicherlich daher, dass 42 Straßburger Kinder jeden Tag zur Schule nach Karlsruhe pendeln.

Testphase bis 2011

Andere Hürden müssen allerdings noch genommen werden. Schon jetzt gibt es Fragen dazu, wie das Verhältnis der Schule zu den EU-Institutionen aussieht. Dies bezieht sich auf den Lehrplan, dessen Unabhängigkeit vom französischen Schulsystem kritisch beäugt wird, und die Aufnahmebedingungen. Die bevorzugte Behandlung der Kinder von EU-Mitarbeitern wird kontrovers diskutiert. "Wenn die Schule sich auf die Mitglieder des Europäischen Parlaments ausrichtet, werden nur sehr wenige auf diese Schule gehen", sagt Richard Corbett, Mitglied des Europäischen Parlamentes.

Es bleibt unklar, wie die Mittel verteilt werden. Die Stärke von europäischen Einrichtungen, wie der in Karlsruhe, liegt in der Tatsache begründet, dass dort Muttersprachler angestellt sind und dass es eine Garantie für muttersprachlichen Unterricht gibt. Das Engagement der französischen Behörden wird hier von entscheidender Bedeutung sein und als Lackmustest für die örtliche und nationale Europa-Begeisterung fungieren. Von Zeit zu Zeit mangele es an dieser, so Curien: "Straßburg muss offener für Europa werden." Bis 2011, dem Jahr, in dem die Schule voll funktionstüchtig sein wird, werden Indikatoren zeigen, ob sie den hohen Ansprüchen genügen kann.

Welche Konsequenzen werden die Indikatoren mit sich bringen? Das moderne Typ II-Schulmodell ermöglicht es Europäischen Schulen, unabhängig von den EU-Institutionen zu sein. Wenn die Straßburger Schule es schafft, die Standards des älteren Modells mit denen des Typ II-Modells zu verbinden und somit beweist, dass externes Funding der Qualität keinen Abbruch tut, könnte das System einer strahlenden Zukunft entgegen blicken. Durch Straßburgs internationale Identität könnte die Europäische Schule ein wahrer Erfolg werden. Allerdings gibt Hervé Corbat von der örtlichen Schulbehörde zu bedenken, dass es noch einfacher sein könnte, eine Europäische Schule in einer weniger international ausgerichteten Stadt zu eröffnen. "Hier in Straßburg hängt das Projekt vom Zusammenhalt der unterschiedlichen einzelnen Gemeinschaften ab."

Die leidige Frage des Geldes

Tom Hoyen betont, dass man das ganze als kluge Investion ansehen müsse. Eine in Karlsruhe durchgeführte Studie ergab, dass 46 Prozent der Eltern bei ihrer Entscheidung, in welche Stadt sie umziehen wollen, vor allem durch das Vorhandensein der dortigen Schule beeinflusst wurden. Und auch Etoile Education ist der Meinung, dass man schülerspezifische Eigenschaften europäischer Abiturienten mehr in den Vordergrund stellen sollte. Sie argumentieren, dass es für "die Marke" noch nicht zu spät sei, vorausgesetzt man finde eine ansprechende "Verpackung". Dann könne sie an der Vormachtstellung des Internationalen Abiturs rütteln und eine Alternative dazu bieten, bevor sich das internationale Abi durchsetzt. Dazu benötigt man politisches Engagement und natürlich schlicht und einfach: Geld.

Jetzt, da die Europäische Union zu den nächsten 50 Jahren angesetzt hat und im Zuge des 'Pisa-Schocks' (nach der ersten Pisastudie des Jahres 2001, bei der Deutschland neben Luxemburg, Mexiko und Brasilien auf den hintersten Plätzen landete) ist es vielleicht an der Zeit, darüber nachzudenken, ob national organisierte Schulsysteme Schüler wirklich mit der notwendigen Mobilität und Flexibilität ausrüsten. Ist die Zeit für einen europäischen Bildungsrahmen angebrochen?

Im Schatten des Straßburger Doms, einer riesigen gotischen Kathedrale, steht die Statue von Johannes Gutenberg, der stolz eine Seite seiner gedruckten Bibel in der Hand hält - eine Erinnerung daran, dass der Vater der modernen Kommunikation hier die Technik des maschinellen Buchdrucks und somit der massenhaften Vervielfältigung erfand. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob die Europäische Schule diesem Erbe gerecht werden kann, aber einige Menschen glauben, dass sie das Potential dazu hat, die Weichen für eine neue Phase des Austauschs und der Verbindung von Lernen und Kultur zu stellen.