Politik

Spaniens Las Vegas - Projekt mit zwei Gesichtern

Artikel veröffentlicht am 11. März 2008
Artikel veröffentlicht am 11. März 2008
Europas größtes Bauprojekt Gran Scala - ein Vergnügungs- und Freizeitpark in Los Monegros steht im Widerspruch zur Expo Zaragoza 2008, deren Themenschwerpunkt vorrangig auf der Sensibilisierung zur nachhaltigen Wasserförderung liegt.

Am 12. Dezember 2007, sechs Monate vor der Eröffnung der Expo Zaragoza 2008 wurde in Spanien das Projekt Gran Scala vorgestellt. Der Präsident von Aragonien unterzeichnete die Zusammenarbeit mit dem aus Großbritannien stammenden International Leisure Development (ILD), um den Bau von Europas größtem Vergnügungs- und Freizeitpark in Los Monegros voranzutreiben. Kennzeichnend für die Region ist ihre wüstenähnliche Landschaft. Außerdem ist Los Monegros von einer hohen Bevölkerungsabwanderung betroffen.

Dank struktureller Förderungen der EU kann die Region eine lokale Entwicklungsstrategie finanzieren. "Zwischen 2007 und 2013 wird es an die 20 Vorreiterprojekte in Aragonien geben", heißt es auf der auf der aragonesischen Internetsite zum Thema ländliche Weiterentwicklung. Aber genau solche Vorhaben zur regionalen Förderung erscheinen mit dem Bau eines Vergnügungs- und Freizeitparks wenig kompatibel.

Wüstenlandschaft von Los Monegros (Foto: Estrella Esteve/flickr)

Noch bevor die Wahl auf Los Monegros fiel, standen sowohl das südfranzösische Valence als auch Dubai als mögliche Standorte für ein zweites 'Las Vegas' zur Frage. Aufgrund mangelnden Interesses seitens der Investoren wurden diese Optionen laut Aussagen der ILD wieder verworfen.

Zahlen die bewegen

32 Casinos, 70 Hotels, 232 Restaurants, 500 Geschäfte, ein Hippodrom, ein Golfplatz, etliche Parks, Museen und andere Attraktionen sollen noch vor 2015 65.000 neue Arbeitsplätze in der Region schaffen. Das zumindest ist ein Bestreben des Projekts Gran Scala. Die Investitionen sollen auf 17 Milliarden Euro klettern, was die Marke seit den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona verdoppeln würde. 677 Millionen Euro würden an Steuern in der Region bleiben, eine weitere Milliarde bliebe dem staatlichen Finanzwesen.

Aragoniens Regierung und die Bürgermeister der Gemeinden in Los Monegros begrüßen das Vorhaben. Dennoch melden sich Gegenstimmen zu Wort. Zu undurchsichtig und dünn seien die Informationen zu ausschlaggebenden Themen wie der konkrete Standort für einen Komplex von über zweitausend Hektar Größe und die zugehörigen Fragen zur Wasser- und Energieversorgung. Etliche Einheimische stellen die Nachhaltigkeit des Projekts in Frage. Auch trat durch die intensive Unterstützung der autonomen Verwaltung der Vorwurf der Korruption zutage. In den letzten Monaten sind etliche Bürgerinitiativen im Web entstanden (Stop Gran Scala, Los Monegros No se Venden (Die Bewohner von Los Monegros sind nicht käuflich), Docentes contra Gran Scala(Dozenten gegen Gran Scala)), die allesamt mehr Transparenz und genauere Informationen fordern. Außerdem sollte laut diesen Initiativen eine Beurteilung hinsichtlich sozioökonomischer, kultureller und umweltabhängiger Faktoren erfolgen. Hauptsächlich aber wird kritisiert, dass die Regierung Aragoniens die Gesetzgebung zum Städtebau an die Bedürfnisse des Projekts Gran Scala angepasst hätte.

Unsicherer Wetteinsatz

Noch ist nichts darüber bekannt, wie die Regierung künftig einen Komplex mit Wasser und Energie versorgen will, der jährlich mehr als 25 Millionen Touristen anzieht. Kritische Stimmen bezweifeln, dass das ILD-Konsortium genügend Kapazitäten zur Verwirklichung der angestrebten Ziele hat. Mit einem Kapital von 50.000 Pfund hinge alles vom Wohlwollen privater Investoren ab, so José Lius Martínez, Sprecher der Plattform Stop Gran Scala.

Die Mischung aus Familienpark und Erwachsenen-Vergnügungspark überzeugt zudem nicht wirklich. Eine Hybridform aus Las Vegas und Orlando innerhalb ein und desselben Komplexes? Stop Gran Scala zeigt sich zudem besorgt darüber, dass durch die Vergnügungsindustrie möglicherweise das organisierte Verbrechen in die Region gelangen könnte.

Tragbarkeit für die Umwelt im Widerspruch mit dem Projekt

Seit fast 20 Jahren wird Los Monegros als Kandidat zur Errichtung eines Nationalparks gehandelt. Rund um die Alcubierre-Wüste und die Flüsse Ebro, Gallego und Cinca gibt es etliche Salzwasserlagunen und Tümpel, die zusammen das größte endorheische Gebiet Europas bilden. Am lautesten wird die Nationalpark-Kandidatur von den Ecologistas en Acción beworben, die ebenfalls Gegner von Gran Scala sind. Chesús Ferrer, Sprecher dieser NGO in Aragonien meint hierzu: "Dieses Projekt ist mit den europäischen Normen zum Umweltschutz und dem Kampf gegen den Klimawandel nicht in Einklang zu bringen. Um den Energiebedarf einer solchen Stadt sicherzustellen, müssten Wärmekraftwerke gebaut werden, außerdem würde sich der private Personenverkehr erhöhen - allesamt Faktoren, die zu einer erheblichen Erhöhung der CO2-Emmissionen führen werden. Sollte Gran Scala tatsächlich wie geplant realisiert werden, kann man davon ausgehen, dass die Emmissionen dieser Stadt rund 6 Prozent des landesweiten CO2- Ausstoßes darstellen werden."

Unternehmen, die mit im Boot sitzen

Das Bauträgerkonsortium ILD wurde am 17. Juli 2007 in London gegründet. Zu seinen Aktionären zählt rund ein Dutzend verschiedener Unternehmen mit Wurzeln in Nicosia, Beirut, Luxemburg, Barcelona, St. Denis, Nottingham und Brüssel. Kopf des Konglomerats ist Aristocrat Technologies, eine australische Firma mit leitender Position im Sektor Spiel- und Vergnügungsvertrieb. Weiter repräsentieren das Konsortium: Casinos Groupe Tachant (Casinos), Art Build (Architektur und Konstruktion), ULYS (Anwaltschaft), UFA (Versicherungen), Hot Games (Glückspielapparate), Havila (Kapitalinvestitionen), Europtima (Immobilien), ND Architects (Architektur), Prodimi (Kapitalinvestitionen) und schließlich Riera & Carrenas Asociados (Beratungsstellen) - das einzige spanische Unternehmen. Den spanischen Medien gegenüber versicherte die ILD, dass sie mit drei Unternehmen, die auf die Konstruktion von Themenparks spezialisiert sind, Abkommen getroffen hätte. Diese sind: Spyland, Acquantica und SpacePort. Außerdem gäbe es bereits weit vorangeschrittene Verhandlungen mit der österreichischen Firma Novomatic (Eigentümer des Casinos in Baden Baden, Deutschland), welche als europaweit führend im Sektor der Spielindustrie anzusehen ist.

Simulation des Projekts Gran Scala