Politik

Spanien wächst mit 300 pro Stunde

Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2007
In drei Jahren wird Spanien das erste Land der Welt sein, das ein 2.230 km langes Schienennetz für Züge der AVE (Alta Velocidad Española = Spanische Hochgeschwindigkeit) besitzt

Am 14. Februar verkündete der spanische Regierungspräsident, José Luis Rodríguez Zapatero: 2010 wird Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz Japan um 200 Kilometer übertreffen und 400 Kilometer länger als das Bahnstreckennetz Frankreichs sein. Die Franzosen sind bis dato Weltführer auf dem Feld der Hochgeschwindigkeitszüge. Auch wenn Spanien im Bereich der Technik noch viel lernen muss, bedeutet dieser Meilenstein eine bessere Infrastruktur und die Angliederung Spaniens an die naheliegenden europäischen Staaten.

Glaube an Hochgeschwindigkeit und viel Geld

"Es handelt sich hierbei nicht um ein Wunder, sondern um das Ergebnis einer großen Investition von 250 000 Millionen Euro, die in den Strategieplan für Infrastruktur und Transport fließen werden", erklärt José Salgueiro, Präsident von RENFE, der öffentlichen Bahngesellschaft Spaniens.

Stolz spricht Salgueiro vom spanischen Willen, der sich während 15 langer Jahre behaupten musste: Die konservative Opposition stemmte dagegen und bezeichnete das Schienen-Projekt als "größenwahnsinnig". Schließlich wurde das Netz aber 1992 zur Weltausstellung in Sevilla eingeweiht und verband ab diesem Zeitpunkt die Stadt mit Madrid.

"Damals meinten die Kritiker es sei kein zuverlässiger Zug, aber heute ist es die rentabelste Linie des Landes", bekräftigt Salgueiro. Doch er erkennt auch an, dass diese Heldentat einen unerlässlichen Gönner hat: die Europäische Union. "Sie bietet uns die nötige finanzielle Unterstützung, um die Arbeiten in der vorgesehenen Zeit in Angriff zu nehmen. Ohne sie und ohne private Initiativen könnten wir nur schwer 2010 unser Ziel erreichen", gesteht er.

Dank Brüssel, das 10% der Gesamtkosten der Bauarbeiten übernimmt, besitzt Spanien Verbindungen zwischen seiner Hauptstadt Madrid und Städten wie Sevilla, Toledo, Córdoba, Zaragoza, Lleida und Tarragona. Dieses Jahr werden die Strecken nach Segovia und Vallodalid eröffnet. Aufgrund deutlicher Preisvorteile innerhalb Europas, werden die neuen Züge von der deutschen Firma Siemens entworfen und gebaut.

Machtspiele

Der Weg hierhin war nicht leicht: Zuerst hatten sich Politiker quergestellt und so Frustrationen bei den Autonomen Gemeinschaften Spaniens, in die nicht investiert worden war, ausgelöst. Sevilla, die Heimatstadt des ehemaligen Regierungspräsidenten Felipe González (von 1982 bis 1996 im Amt) und traditionelle Hochburg der Sozialisten, bekam als erste den AVE. Danach, in der Ära des konservativen Regierungspräsidenten José María Aznar, galt es die katalanischen Nationalisten zufrieden zu stellen. Folglich wurde das AVE-Netz bis dorthin ausgeweitet.

So wurden die Pläne nicht immer durch Firmeninteressen, sondern auch durch umstrittene Machtstrategien beeinflusst. Der Zug nach Sevilla ging beispielsweise vor Gericht: Die regierenden Sozialisten wurden angeklagt, sich mit unerlaubten Zahlungen und auf Kosten der AVE-Bauarbeiten in Sevilla finanziert zu haben. Die 12 Angeklagten wurden aber frei gesprochen. Der Zug nach Zaragoza verursachte nach nur 600 Kilometern 15 Meter tiefe Schlaglöcher, die durch schlechte Kalkulation des Entwicklungs-Ministeriums während der Regierungszeit der konservativen PP (Partido Popular) verursacht wurden. Weiterhin hat der Zug nach Tarragona bei starkem Unwetter oft Verspätung. Der Grund: Die vorzeitige Einweihung, ohne dass die Infrastruktur fertig gestellt war.

Mit Ausnahme der zuletzt genannten Strecke erreicht keiner der Züge mehr als 300 km/h, so dass auch in dieser Hinsicht die Franzosen mit ihrem TGV vorn liegen, der mit 553 km/h nur so dahinfliegt. Frankreich kann zusätzlich auf ein konventionelles Schienennetz mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 200 km/h bauen - das entspricht fast der Durchschnittsgeschwindigkeit der spanischen AVEs (210 km/h).

Chancen und viele Verbindungen

Trotzdem möchte Salgueiro weder einen Blick zurück werfen noch Fehler überbewerten. "Man muss in die Zukunft schauen, mit dem Vertrauen, dass wir auf einem bisher ungekannten, exzellenten Niveau arbeiten werden", verspricht er. Ein Projekt liegt ihm besonders am Herzen: ein schnelles, großes Schienennetz als Alternative für Kurzstreckenflüge über ganz Europa zu spinnen.

Für den Anfang haben sich Spanien und Portugal auf den Bau von 4 Hochgeschwindigkeitsstrecken geeinigt (Vigo-Oporto, Salamanca-Aveiro, Lissabon-Badajoz und Faro-Huelva). Diese sollen in 3 Jahren in Betrieb genommen werden, hinken dem Zeitplan jedoch schon jetzt hinterher. Der Finanzierungs-Rhythmus beträgt 650 Millionen Euro pro Jahr.

Das Projekt mit Frankreich, die Verbindung Figueras-Perpignan, ist hingegen schon weiter vorangeschritten. Sie wird im Jahr 2009 abgeschlossen werden, doch damit auch 4 Jahre nach dem vorgesehenen Zeitplan. Dank dieser Hochgeschwindigkeitslinie brauchen Güterzüge in Port Bou nicht mehr die Schienenbreite zu wechseln und das spart Zeit (spanische Schienen haben eine andere Breite; in der Vergangenheit sollten so militärische Übergriffe in Zügen verhindert werden). Diese Neuerung erhöht die Frequenz von Gütertransporten zwischen Frankreich und Spanien von 4,8 auf 30 Prozent.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass weder die Politik noch etwas Unvorhergesehenes made in Spain die Schienen versperrt.