Politik

Spanien: Vom Traum, der wie eine Immobilienblase platzte

Artikel veröffentlicht am 17. November 2011
Artikel veröffentlicht am 17. November 2011
Liebe europäische Nachbarn: Ich muss euch leider mitteilen, dass die spanische Krise „nichts“ mit derjenigen in eurem Land zu tun hat. Unsere Krise wurzelt nicht in strukturellen Problemen (ok, vielleicht zum Teil), sondern im wahrsten Sinne des Wortes im Zement. Wir sind ein Sonderfall. Bühne frei für den Grund unserer Probleme: die „Immobilienblase“.

Ein genauer Zeitpunkt lässt sich schwer festlegen. Die Blase kann man bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen, als das von Franco beherrschte Spanien begann an seinen Küsten Apartmenthäuser zu bauen, um so schwedische Touristen anzulocken. Der größte Bauboom kam jedoch in den Neunzigern. Jedenfalls stand Spanien 2008 von dem Ziegelstein, auf dem es saß, auf und begann die Folgen der so genannten „Immobilienblase“ zu sehen (die sich unter den Regierungen verschiedener politischer Richtungen gebildet hatte). Oder anders ausgedrückt: Es lief alles ziemlich gut, bis es anfing sehr schlecht zu laufen. Aber wie sind wir in diese Situation geraten?

1. Wir haben uns Geld geliehen und (schlecht) investiert

Jeden Tag mehr...Daten und Zahlen haben sich auf unserem Sparbuch angehäuft, ohne dass wir sie verstanden hätten. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, fragen wir bei Ricardo Vergés nach, Professor für Immobilienwirtschaft und Berater für Statistik und Wirtschaft. Er ruft uns die Zeit vor der Euroeinführung und des einheitlichen Leitzinses mit dem Vertrag von Maastricht (1992) in Erinnerung: „Einige Länder wie Deutschland, Frankreich und Österreich sahen den Euro als Chance, um Geschäfte zu machen.“ Wenn man die Geschichte sehr vereinfacht betrachtet, dann konnte Deutschland seit 1992 viel Geld ansammeln, Spanien dagegen war eines der Länder, die eine „kleine Leihgabe“ annahmen. Laut Vergés „konnte Spanien 800.000 Millionen Euro ins Land holen.“ Keine Frage, wir haben sie nicht in die Produktion investiert (Irland beispielsweise baute währen dieser Jahre seine Technologieindustrie auf), sondern „wir investierten sie in Wohnungen, die wir nicht brauchten.“ Warum? „Rodrigo Rato, Wirtschaftsvizepräsident der konservativen Regierung der Partido Popular (PP), hätte damals das Geld in die Industrie stecken müssen, aber stattdessen förderte er den Wohnungsbau.“

2. Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein

So entstand die erste Immobilienblase. Wir bauten wie die Verrückten: Apartments, Reihenhäuser, öffentliche Gebäude, Privathäuser. Es wurde mit Baugenehmigungen nur so um sich geworfen und wir ließen das Baugesetzbuch einfach links liegen. Damals wollten wir Spanier nicht aufs Eigenheim verzichten und noch weniger auf einen Zweitwohnsitz (als Feriendomizil), weil wir es gewohnt waren über unserer Verhältnisse zu leben, schließlich „bezahlte man ja mit Karte“. Je mehr die Nachfrage stieg desto größer wurde der Preisboom. Wieso hat die Regierung das zugelassen? „Weil sie so Umsatz- und Körperschaftsteuern einnehmen konnte“, erklärt Vergés, „und damit öffentliche Einrichtungen bauen konnte, ohne die Staatsschulden zu erhöhen.“

Apartmentblock in Seseña, Toledo

3. Wenn ich groß bin, will ich mal was im Bau machen

Dem spanischen Immobilienmarkt geht die Puste aus

Alles schien wunderbar zu laufen. Es musste gebaut werden und es musste schnell gehen. Und dazu wurden viele Bauarbeiter gebraucht. Nach Angaben des Arbeitsministeriums waren im Jahr 2005 insgesamt 2.649.615 Personen im Bausektor beschäftigt. 2008 dagegen waren es bereits 600.000 weniger, bei einer Gesamtzahl von drei Millionen Arbeitslosen im Dezember 2008. Was bedeutet, dass die Mehrzahl der Arbeitsplätze in diesem Sektor wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war. Allein zwischen 2005 und 2008 sank die Zahl der Baufirmen um 22 Prozent. Hinzu kommt, dass viele ihre Gewinne aus Spanien wegschafften (mit anderen Worten: dumm, wer seine Scheinchen nicht ins Trockene brachte) und einige sehr zweifelhafte Vereinbarungen zwischen Baufirmen und zahlreichen Politikern getroffen wurden, um Baugenehmigungen zu erhalten. Und das in einem Land, in dem nicht einmal das Königshaus vor dem langen Schatten der Korruption gefeit ist.

4. Als i-Tüpfelchen: Die Krise 2008

Jetzt kommt die Weltwirtschaftskrise ins Spiel. Die faulen Hypotheken der USA steckten die Wirtschaft Europas und Spaniens an, woran das staatliche Bankensystem, repräsentiert durch die Sparkassen, erstickte. Viele können nicht bestehen und sehen sich gezwungen mit anderen Banken zu fusionieren, die ebenfalls im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Das Ergebnis: „Heute willst Du Geld leihen und als Erstes bekommst Du eine Absage.“ Die Banken haben nicht nur kein Geld, sondern brauchen sogar welches. Heute sind es die Banken, die Geld von uns wollen, sagt Vergés. „Wir können Ihnen Kochgeschirr verkaufen, egal was, Hauptsache Sie kaufen uns etwas ab.“ Auch die Banken haben woanders Geld geliehen und „jetzt zahlen sie Zinsen in Höhe von 60-80 Euro pro Tag an Gläubigerbanken“.

5. Und was nun?

Seit Monaten erlegt uns Europa Pflichten auf, die wir versuchen so gut wie möglich zu erfüllen. Vergangene Woche schrieb die französische Tageszeitung Libération, Spanien müsse sich um seine enormen Privatschulden sorgen. Will heißen, wir kommen wieder zur Immobilienblase zurück. Die Bevölkerung hat sich viel Geld geliehen, um Häuser kaufen und bauen zu können und dabei einen Schuldenberg angehäuft, den nun niemand abbezahlen kann.

Hinzu kommt die öffentliche Schuldenlast Spaniens von mehr als 700.000 Millionen Euro, was 65,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht. Nach Vergés Einschätzung „können wir dieses Geld nicht zurückzahlen. Das ist unmöglich. Aber Merkozy will, dass wir es ihnen zurückzahlen.“ Vielleicht sollte man anfangen zu versuchen die 2009 fertiggestellten 687.523 Wohnungen zu verkaufen, die bisher noch keinen Interessenten gefunden haben und sich mit diesem Geld einen bequemen Sessel zulegen, in dem Merkozy während der langen Wartezeit Platz nehmen können.

Illustrationen: Homepage (cc)Edu Barbero (poemas visuales); (cc)Grupo Francisco Hernando; (cc)Antonio Marín Segovia/ alle flickr