Politik

So ähnlich, so verschieden: Eine Minute Balkan und Türkei im EU-Vergleich

Artikel veröffentlicht am 14. März 2012
Artikel veröffentlicht am 14. März 2012
‘So ähnlich, so verschieden, so europäisch.’ Ein ziemlich verträumtes Promotion-Video der EU-Kommission, das im Februar 2012 lanciert wurde, zeigt die Erweiterungskandidaten Kroatien und Serbien sowie weitere Balkan-Länder und die Türkei in einer touristisch-utopisch anmutenden Seifenblasenoptik. Ist Belgrad wirklich wie Paris? Istanbul wie Berlin?
Sechs junge Stimmen aus den Balkan-Regionen analysieren den Clip.

13 Jahre nachdem amerikanische Bomben auf Belgrad fielen, um den ethnischen Säuberungsaktionen im Kosovo ein Ende zu setzen, ist letzteres ein unabhängiges Land geworden [88 von 193 UNO-Mitgliedern und 22 von 27 EU-Mitgliedern erkennen den Kosovo als unabhängigen Staat an; A.d.R.] und Serbien offizieller EU-Beitrittskandidat. Für Kroatien steht schon ein Termin: Das Land wird am 1. Juli 2013 offiziell der 28. Mitgliedsstaat der EU sein. Alles scheint rosig in Europas Erweiterungsbestrebungen, zumindest in diesem Video der Generaldirektion Erweiterung der Kommission: Aber wie sieht’s in Wirklichkeit aus?

Aca, Serbien

“Es ist schön für uns mit Paris verglichen zu werden, darauf waren wir schon immer aus. Das ist ein bisschen wie im Märchen - ganz im Gegensatz zu den Kommentaren unter dem Video [auf dem Youtube-Kanal]: Wir werden niemals einen Kompromiss zum Was-ist-Was und Wer-ist-Wer auf dem Balkan finden, aber in diesen wenigen Sekunden habe ich einen Hauch Europa gespürt.“

Sladjana, Bosnien & Herzegowina

“Das sieht aus wie ein Werbefilm für den Eurovision Song Contest – kitschig und altmodisch!“

Milena, Serbien

“Ich mag das Video. Inszenierung und Musik gehen gut zusammen -  ein durchaus kreativer Ansatz. Es ist nicht okay, den Kosovo separat zu betrachten [das Land wird im Video mit Spanien verglichen], da diese Frage noch nicht geklärt ist. Es wäre vielleicht besser gewesen Städtenamen zu verwenden und nicht Länder. Die Hauptstadt repräsentiert natürlich nicht immer das komplette Bild eines ganzen Landes, besonders in dieser Region, wo die Städte viel fortschrittlicher sind als ländliche Gebiete. Dezentralisierung ist hier immer noch ein unbekanntes Wort.“

Boris, Mazedonien/ FYROM*

“Alles wurde in diesem Video ziemlich adrett verpackt. Die EU – das ist diese Geschichte von Einheit in Vielfalt. Aber die Bürger sollten eine echte Chance bekommen zu sehen, warum wir alle einzigartig sind. Sie müssen ermutigt werden auf Entdeckungstour zu gehen und keine Angst vor unbekannten Kulturen zu haben. Anders sein ist nicht beängstigend, sondern etwas, das die EU bereichern wird. Trotzdem habe ich mich gewundert, warum im Video nicht Mazedonien/ FYROM und Griechenland verglichen werden; wir beide sind grottenschlecht, wenn es um Wirtschaft geht, haben Probleme mit Korruption; Politiker sind unsere stärksten Feinde und wir haben ziemlich alte Architektur hier rumstehen. Ok, unsere ist aus Gipskarton…“

Marin, London

“’Hidden treasures of Europe' [Versteckte Schätze Europas] - auf jeden! Nachdem ich den Clip dreimal gesehen habe, kann ich sagen, dass sie tatsächlich sehr versteckt sind. Denn das Einzige, was ich zu sehen bekam, waren einige bekannte Touristenmagneten, Gebäude und ein Plasma-Bildschirm. Der Balkan ist eine vibrierendes, farbenfrohes Feuerwerk kultureller Vielfalt. Der Clip aber ist eine unkreative Slideshow aus stumpfen Parallelen zu etwas, das auf den ersten Blick wie generische Ausflugsziele im Westen wirkt. Das Ziel des Videos ist es einem EU-Publikum zu zeigen, dass es heute sogar schon Hochschulen in Mazedonien/ FYROM, Fernsehanstalten im Kosovo, Hochhäuser in der Türkei oder Theater in Kroatien gibt. Wow! Es führt den Zuschauer zu stereotypen Ideen wie ‚was für eine Leistung für diese Leute da, die bis gestern noch auf Eseln durch die Walachei ritten.“ Daumen auf jeden Fall runter!“

Vasilka, Mazedonien/ FYROM

“Ich mag den kreativen Ansatz. Das Video hat aufgrund seiner Originalität auf jeden Fall Eindruck gemacht. Der Vergleich der Länder dieser Region mit einigen EU-Mitgliedern baut auf jeden Fall Vorurteile zum Entwicklungsstand und der Kultur in diesem Teil Europas ab. Zudem wird aus dem Clip deutlich, dass die EU für etwas ‚Ähnlich-Verschiedenes‘ erst jetzt wirklich offen ist.

Und was haltet ihr vom Clip? Postet Eure Kommentare unter dem Artikel!

*FYROM (Former Yugoslav Republic Of Macedonia); offizielle Bezeichnung für Mazedonien wegen des Namensstreits mit Griechenland; anerkannt von der UNO

Illustrationen: (cc)bobomeal/YouTube