Politik

Slowenien im Kampf gegen Lichtverschmutzung: Wenn Licht tötet!

Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2011
Auf Betreiben einer bunt zusammengewürfelten Bewegung, die Astrologen, Physiker, Biologen oder Vogelschützer vereint, wurde in Slowenien 2007 das weltweit schärfste Gesetz gegen Lichtverschmutzung erlassen. Wenn es auch nicht einstimmig durchgesetzt wurde, hat das Gesetz dennoch eine unmittelbare Wirkung auf die Umwelt erzielt.
Manche hoffen nunmehr sogar auf eine Verankerung im europäischen Recht.

„Haben Sie die Lampen gesehen, die sie verkaufen? Sie sind verboten! Und diese blauen LED-Lämpchen, Sie wissen schon, dass die gesundheitsschädlich sind?“ Wir befinden uns in einem Supermarkt in Ljubljana und Andrej Mohar ist gereizt.

Lest den Bericht von Andrej Mohar „Slovene Light Pollution Legislation – 3 Years of Positive Changes“ von 2010

Der 48-jährige Hobbyastronom ist innerhalb weniger Jahre der wichtigste Lobbyist einer Bewegung geworden, die es geschafft hat, ein weltweit einzigartiges Gesetz gegen Lichtverschmutzung durchzusetzen. Alles fing an, als die Stadt Ljubljana beschloss, eine neue Straßenlaterne vor seinem Haus aufzustellen. Weil er nicht mehr schlafen konnte, begann Andrej Mohar sich für Lichtverschmutzung zu interessieren. Er hatte sich schon vorher gefragt, wieso es immer schwieriger wurde, die Sterne von den Hügeln rund um die slowenische Hauptstadt aus zu beobachten.

Vögel verbrennen sich die Flügel am Licht

Die Astronomie ist ein sehr beliebtes Hobby in Slowenien. Aber es ist schwer geworden, sie um die Hauptstadt herum zu praktizieren. Das Land ist zudem eines der Hauptmigrationsrouten Europas. Der Großteil der Vogelarten bewegt sich nachts fort und kann sich an den Sternen orientieren. Die künstliche Beleuchtung kann sie in die Irre führen und vom Weg abbringen. Manche sind sogar derart von den Lichtstrahlen hypnotisiert, dass sie von ihnen gefangen werden und sterben.

In Slowenien hat dieses Problem besonderen Widerhall gefunden und dies durch... die Wiederkehr der religiösen Gnade bei Erlangen der Unabhängigkeit. „Als Jugoslawien kommunistisch war, hat man die religiösen Bauten mehr oder weniger verkommen lassen. Seither werden sie nachts angestrahlt, was im direkten Zusammenhang mit dem Verschwinden von Insekten steht. In Kranj hat man 460 Nachtfalterarten auf einem Hügel gefunden, auf dem eine Kirche prangte. „Von denen sind noch ungefähr zwanzig übrig“, erklärt Tomi Trilar, Leiter der Abteilung für wirbellose Tiere des Slowenischen Naturhistorischen Museums und von Anfang an in den Prozess des Gesetzes gegen Lichtverschmutzung miteinbezogen.

Die Fifa im Scheinwerferlicht

Dieses Gesetz, das 2007 verabschiedet wurde, ist einzigartig auf der Welt. Das Credo lautet „Keine Lichter in Himmelsrichtung“. Es wurde aber nicht ohne Zwischenfälle umgesetzt. Im Gegenteil: „Es hat uns zwölf Jahre Arbeit gekostet, um einen Kompromiss zu erlangen“, so Tomi Trilar weiter. „Wir haben gemeinsame Front gemacht und unsere Kompetenzen zusammengenommen. Wir haben auch eine gewaltige pädagogische Arbeit geleistet, um unseren Standpunkt durchzubringen“.

Ljubljana.Ist das slowenische Gesetz auch einzigartig auf der Welt, ist es nicht weniger angreifbar. Es wurde zwar von der Regierung verabschiedet, wurde aber nie vom Parlament gewählt. Daher kann es jederzeit verändert werden. Dies ist 2010 im Rahmen der Eröffnung des Fußballstadions in Stožice vorgekommen. Die Fifa hatte gedroht, das Stadion nicht zu genehmigen, wenn ihre Beleuchtungsstandards nicht eingehalten würden, welche das Gesetz niemals zugelassen hätte. So hat die Regierung notgedrungen das Gesetz geändert und den Gebrauch von Lampen mit einem ULOR-Wert von 0,5% zugelassen. Ein Wert, der weltweit immer noch am niedrigsten ist.

Vintage-VersionTrotz dieses Zugeständnisses, hat die Gesetzgebung zur Lichtverschmutzung enorme Resultate mit sich gebracht. In vier Jahren wurden in Ljubljana 50% der Straßenlaternen durch neue, schwächere Lampen ersetzt. Die Energieersparnisse werden auf 40% bis 60% geschätzt. Aus astronomischer Sicht konnte sich Andrej Mohar über die Auswirkungen des Gesetzes mit eigenen Augen überzeugen. „Es ist noch immer kompliziert, aber wir haben Glück, wieder Sterne in der Nähe von Ljubljana betrachten zu können“, erklärt er.

Aber auch wenn die Ergebnisse in Ljubljana enorm sind, hat der Rest von Slowenien mehr Probleme damit, die Gesetzesauflagen einzuhalten. „Den kleinen Gemeinden fehlen die Mittel für diese Veränderungen“, sagt Grega Bizjak, „der Staat hatte Geld versprochen, aber wir sehen nichts davon.“ Der Professor an der Elektrotechnikfakultät in Ljubljana ist außerdem Leiter des Labors für Beleuchtung und Fotometrie sowie Präsident des slowenischen Komitees der internationalen Beleuchtungskommission. Das Gesetz gegen die Lichtverschmutzung ist ihm im Hals stecken geblieben. Auch wenn er dessen Berechtigung nicht abstreitet, ist es seiner Ansicht nach zu schnell umgesetzt worden. „Ein solches Gesetz braucht eine Vorbereitung von zehn Jahren. In Celje hat man 2005 40% des Energieverbrauches durch Austauschen der öffentlichen Straßenlaternen einsparen können. Man wird sie allerdings noch einmal auswechseln müssen, um das Gesetz einzuhalten. Die Leuchtkraft der neuen Laternen läuft modernen Sicherheitsstandards zuwider. Sie sind nicht einmal ausreichend, um einen Parkplatz zu beleuchten. Dieses Gesetz ist für niemanden zufrieden stellend.“

„Wieso lässt man einen Parkplatz oder eine Straße die ganze Nacht erleuchtet, wenn dort niemand vorbeikommt? Das ist völlig unnütz!“

Diesem letzten Punkt würde niemand widersprechen. Tomi Trilar hätte „ein strengeres Gesetz vorgezogen, auch wenn es das beste in Europa bleibt. Wenn es Probleme gegeben hat, dann weil einige Anpassungen notwendig gewesen wären.“ Und Andrej Mohar wäre vor allem lieber noch weiter gegangen. Er hat bereits die Beseitigung von Leuchtreklamen am Straßenrand durchgesetzt, hält die Mehrzahl der nächtlichen Beleuchtungen für überflüssig und kämpft für deren Abschaffung: „Wieso lässt man einen Parkplatz oder eine Straße die ganze Nacht erleuchtet, wenn dort niemand vorbeikommt? Das ist völlig unnütz!“

Die Verfechter des Gesetzes hoffen in jedem Fall, dass das slowenische Beispiel dazu dienen wird, eine europäische Gesetzgebung zu schaffen. Das von der Europäischen Union finanzierte Projekt „Life at night“ zur Lichtverschmutzung wird ihnen wahrscheinlich dahingehend helfen.

Überall in Slowenien werden die Heiligen 'erleuchtet'

Einundzwanzig Kirchen wurden ausgewählt, um die neuen Nachtbeleuchtungen zu testen. Diese sind an die Form des Gebäudes, in ihrer Leuchtkraft und mit verschiedenen Farben angepasst. Andrej Mohar hofft, dass es dieses Projekt, das eng von der Unesco verfolgt wird, schaffen wird, einen ersten Schritt in Richtung einer internationalen Normalisierung der Beleuchtung von Kulturerben zu machen. Und darauf hinzuarbeiten, dass die beleuchteten Kirchen in Slowenien keine Nachtfalterfriedhöfe mehr sein werden.

Dieser Artikel ist Teil unseres Reportageprojekts 2010/ 2011 Green Europe on the ground.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Andrej Mohar