Politik

Schuldenschnitt für Athen: Soll ich Griechenland über 400 Euro schenken?

Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Griechenland ist pleite und bittet bei Gläubigern um Schuldennachlass. Bis zum Donnerstag müssen private Gläubiger nun entscheiden, ob sie am geplanten Schuldenschnitt teilnehmen. Es bedarf 75% der Gläubiger, die mit besagtem Haircut auf über die Hälfte ihrer Investition verzichten müssten. Ansonsten kann man das zweite EU-Rettungspaket als gescheitert betrachten.
Wer glaubt, dass nur große Banken betroffen sind, liegt falsch. Auch unser Autor hat Griechenland Geld geliehen – und bekommt jetzt Post von seiner Bank.

Der Brief meiner Bank kam alles andere als überraschend. Schon seit Monaten wird auf EU-Gipfeln und in der Presse über einen Schuldenschnitt Griechenlands gestritten. Vor- und Nachteile werden gegeneinander abgewogen. Der griechische Staat und der Weltbankenverband haben wochenlang verhandelt. Und sich am Ende auf einen „freiwilligen Schuldenschnitt“ geeinigt. Auch ich habe Griechenland Geld geliehen. Und deshalb lag jetzt Post von meiner Bank im Briefkasten.

„Sehr geehrter Herr Sauer“, schreibt die Bank, „die Republik Griechenland bietet ihren Anleiheinhabern an, an der geplanten Umschuldung mitzuwirken.“ Griechenland Geld zu leihen und so „Anleiheinhaber“ zu werden ging ganz einfach, mit ein paar Mausklicks im Online-Wertpapierhandel. PIN und TAN reichten aus. Anfang 2010, am 29.01. um genau zu sein, habe ich eine griechische Staatsanleihe gekauft. 1023,34 Euro wurden von meinem Konto abgebucht. Was hat mich damals geritten, mehr als 1000 Euro in Griechenland zu investieren? Drei Gründe waren ausschlaggebend: Persönliche Gewinne, Hilfe für die Griechen und ein vielleicht etwas naives Vertrauen in die Politik.

Was hat mich geritten, Griechenland Geld zu leihen?

Erstens standen für meine Verhältnisse ziemlich ordentliche Gewinne im Raum. Denn versprochen wurden: Im Mai 2010, 2011 und 2012 jeweils 52,50 Euro Zinsen und im Mai 2012 die Rückzahlung der Schuldsumme von 1000 Euro. Das macht zusammen 1157,50 Euro. Zieht man meine investierten 1023,54 Euro davon ab, bleibt ein Gewinn von 134,16 Euro in etwas mehr als zwei Jahren. Auf dem Sparbuch hätte es nur rund 1,5 Prozent Zinsen gegeben, in den zwei Jahren also insgesamt nur rund 35 Euro.

Zweitens wollte ich als guter Europäer dazu beitragen, die Zinsen, die Griechenland auf Staatsanleihen zahlen muss, zu drücken. Denn je größer die Nachfrage nach Staatsanleihen, desto billiger kommen Schuldner an Geld. Stark steigende Zinsen waren auch damals schon ein Problem für die Regierung in Athen.

Drittens hatten eigentlich alle europäischen Politiker – wenn auch wenig glaubwürdig – den Eindruck vermittelt, dass Griechenland nicht pleite sei. Merkel sagte, man „werde Griechenland nicht alleine lassen“. Klar, eine eindeutige Aussage war das nicht – und generell ist Politikeraussagen in solchen Situationen vielleicht auch nicht allzu viel Glauben zu schenken. Dennoch haben mich Aussagen wie diese ermutigt, den Handel einzugehen.

Heute ist klar: Meine Rechnung geht wahrscheinlich nicht auf

Statt der eigentlich versprochenen 1000 Euro bietet mir der griechische Staat mit dem Umtausch nun nur noch 315 Euro an. Und die bekomme ich auch nicht sofort, oder im Mai, wenn die Anleihe ja eigentlich fällig würde, sondern erst in 30 Jahren, im Jahr 2042. Dann bin ich 58 Jahre alt und kann die Anleihe also als ersten Beitrag zu meiner Altersvorsorge zählen. Darüber hinaus gibt’s noch eine Anleihe des Europäischen Rettungsschirms EFSF. Der Wert: 150 Euro. Im Endeffekt bedeutet das: 465 Euro statt 1000 Euro.

Immerhin: Im Mai 2010 und 2011 habe ich jeweils die Zinsen über 52,50 Euro erhalten. Von meinen investierten 1023,34 Euro würde ich deshalb insgesamt 570 Euro zurückbekommen. Ein Verlust von 453,34 Euro in zwei Jahren. Als Fondsmanager sollte ich mich besser nicht bewerben.

Noch gibt es Hoffnung

Da der Schuldenschnitt bisher nur „freiwillig“ ist, bietet mir die Bank Wahlmöglichkeiten an. Doch damit beginnt auch das Dilemma.

Option 1: Zustimmung. Eigentlich halte ich es ja für sinnvoll, dass sich Privatanleger an einem Schuldenschnitt beteiligen und nicht nur die Steuerzahler und Bürger innerhalb und außerhalb Griechenlands die ganze Last der Wirtschaftsmisere tragen. Schließlich habe ich freiwillig die Anleihe gekauft und hätte die Gewinne ja auch gerne mitgenommen. Wer profitieren will muss auch das Risiko tragen. Das gilt leider auch für mich. Andererseits aber: Werde ich nach diesem ganz persönlichen Finanzdebakel jemals wieder Staatsanleihen kaufen? Griechische wohl nicht mehr. Und portugiesische, spanische oder italienische? Wohl auch nicht. Ich habe gelernt, dass das Risiko zu groß ist. Wenn viele Anleger aus der Griechenland-Pleite diese Lehre ziehen, sinkt die Nachfrage nach Anleihen und die Zinsen steigen. Die Staaten müssen dann noch stärker sparen, als jetzt ohnehin schon geplant ist. Das will ich eigentlich auch nicht.

Option 2: Ablehnung. Ich könnte hoffen, dass ich als Kleinanleger, der nur die Mindestsumme investiert hat (unter 1000 Euro läuft nichts) bei den Gesamtschulden Griechenlands von über 300 Milliarden Euro (also dem 300-Millionen-fachen meines Kredits) doch ungeschoren davon komme, weil ich einfach zu unwichtig bin. Wenn aber viele Anleger so handeln, wird der ganze Umtausch ad absurdum geführt. Für den griechischen Haushalt wäre das schlecht. Zur Not könnte Griechenland auch einfach erklären, dass die Schuldscheine gar nicht mehr bedient werden. Dann wäre es vielleicht besser gewesen, das Angebot anzunehmen. Ich kann also auch nicht sicher gehen, mich persönlich mit einer Ablehnung besser zu stellen.

Was meint ihr: Wie sollte ich mich verhalten? Die Bank bittet, mit freundlichen Grüßen, um Antwort bis Mittwoch, 07.03., 14 Uhr.

Illustrationen: (cc)anieto2K/flickr; Im Text (cc)Josh Pesavento (broma)/flickr