Politik

Schlag ins Gesicht Italiens: Facebook feiert Berlusconi-Faust

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2009
Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi liegt mit Gesichtsverletzungen im Krankenhaus, nachdem ein psychisch kranker Mann ihn in Mailand angegriffen hat. Die Tat hat eine breite Debatte über das vergiftete politische Klima in Italien ausgelöst.

Frankfurter Rundschau: „Unüberwindbare Gräben“; Deutschland

Den Angriff eines geistig verwirrten Manns auf den Regierungschef kann man in den meisten EU-Ländern schnell ad acta legen, meint die linksliberale Frankfurter Rundschau, aber nicht in Italien: "Das blutverschmierte Gesicht Silvio Berlusconis ist das Symbol eines Landes, in dem die politische Auseinandersetzung seit langem in Feindschaft und Hass umgeschlagen ist. [...] Berlusconi ist nun Opfer dieser bedrohlichen Stimmung geworden. Seit seinem Eintritt in die italienische Politik vor 15 Jahren hat er selber maßgeblich das Klima im Land vergiftet. Er beschimpft seine politischen Gegner als 'Arschlöcher' und 'Schurken', kritische Medien als 'Schlammfabriken', Richter und Staatsanwälte als 'Krebsgeschwüre der Demokratie'. Berlusconi akzeptiert keine Grenzen, keine Gewaltenteilung, keinen Staatspräsidenten. [...] Berlusconi, aber auch politische Scharfmacher im gegnerischen Lager wie der frühere Anti-Korruptionsstaatsanwalt Antonio Di Pietro, haben Italien in ein Land verwandelt, in dem die Gräben unüberwindbar scheinen und die Lager nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu reden."(Artikel vom 15.12.2009)

ABC: „Politik nicht in der Lage, eine der modernen Demokratie angemessene Debatte zu führen“; Spanien

Bereits vor dem Angriff auf den italiensichen Premier stand es schlecht um die öffentliche politische Debatte in Italien: ©redbanshee/flickrDie Attacke auf Premier Silvio Berlusconi zeigt, wie schlecht es um die politische Debatte in Italien steht, schreibt die Tageszeitung ABC: "Die brutale Attacke auf den italienischen Premierminister Silvio Berlusconi [...] ist ein unmissverständliches Anzeichen für den Verfall der Gesellschaft und der Politik, der durch die Verdrängung des politischen Disputs und durch die einfache Vernichtung des Gegners entsteht. [...] Als unerwünschte Folge von Berlusconis Geltungssucht konzentrierte sich Italiens politische Berichterstattung in den vergangenen Monaten auf das Privatleben des Premiers, so weit, dass es die Debatte zwischen Regierung und Opposition besetzte. Und daran ist nicht nur Berlusconi Schuld, sondern die gesamte politische Klasse, die nicht in der Lage war eine Debatte zu führen, die einer modernen Demokratie angemessen ist."

(Artikel vom 15.12.2009)

Gazeta Wyborcza: „Angriff als Alarmzeichen“; Polen

Die politische Atmosphäre in Italien ist vergiftet, meint die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza angesichts des Angriffs auf Ministerpräsident Silvio Berlusconi: "Die italienische Linke, die dem Milliardär- und Populisten-Phänomen Berlusconi machtlos gegenübersteht, schlägt Töne an, die immer gefährlicher werden. So ist schon der Film Ich habe Berlusconi getötet entstanden, und es gibt die Gruppe Tötet Berlusconi auf Facebook. Wenn man sich daran gewöhnt, dass die rhetorische Gewalt wächst, dann ist die tatsächliche Gewalt auch nicht mehr weit. In Italien, das seine blutigen Erfahrungen mit dem Terrorismus hat, klingt der Angriff auf den Premier wie ein Alarmzeichen."

(Artikel vom 15.12.2009)

Corriere della Sera: „Banale Gewalt, die uns alle betrifft“; Italien

Umberto Ambrosoli, Sohn des 1979 von der Mafia erschossenen Anwalts Giorgio Ambrosoli, widerspricht in der liberal-konservativen Tageszeitung Corriere della Sera der These, dass die Attacke auf Premier Silvio Berlusconi in einem Klima der Gewalt gewachsen sei, das dem der 1970er Jahre gleicht: "Italien (und nicht nur Italien) war damals von einem starken Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit durchdrungen, das seit jeher der Auslöser für Gewalttaten ist. [...] Heute gibt es diese Grundlage des politischen und sozialen Ungleichgewichts nicht, das die Gewalt der 1970er Jahre hervorgerufen hat - trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation, die viele Rechte bedroht. [...] Und dennoch sprießt der Keim der Gewalt [...] wieder: Aber es ist klar, dass sie andere und weitaus weniger tief gehende Gründe als die Gewalt der 1970er Jahre hat. [...] Die heutige Gewalt ist eine schwere, gleichwohl in ihrer Entstehung banale Gewalt, deren Lösung uns alle direkt betrifft, indem wir dafür die Verantwortung übernehmen."

(Artikel vom 15.12.2009)

Fotos: ©999"/flickr & redbanshee/flickr