Politik

Ronald Plasterk, politischer Genforscher

Artikel veröffentlicht am 30. September 2006
Artikel veröffentlicht am 30. September 2006
“Das europäische System ist versteinert.” Der niederländische Wissenschaftler und Kolumnist Ronald Plasterk springt zwischen dem Labor und der Mattscheibe hin und her – und geißelt die Wissenschaftsausbildung in Europa.

Der Dampf chemischer Substanzen kitzelt uns in der Nase, als wir aus dem Aufzug treten. Wir sind im Genforschungs-Zentrum der Universität Utrecht. Ronald Plasterk, Professor für Entwicklungsbiologie, begrüßt uns in den Laboratorien. Auf den ersten Blick wirkt er bodenständig, aber sein knallbuntes Hemd und einige politische Karikaturen, die in seinem Büro hängen, deuten auf Sinn für Humor. Politischer Aktivist, Kolumnist, Wissenschaftler und Kritiker des Europäischen Modells – Ronald Plasterk überrascht mit Vielseitigkeit.

Professor und Medienprofi

Politik und Wissenschaft sind für Plasterk eng verbunden. Durch seine Beiträge zur akademischen Debatte um Gen- und Stammzellenforschung nimmt er an der öffentlichen Debatte in den Medien teil. Er schreibt eine Kolumne für die niederländische Zeitung De Volkskrant, alle paar Sonntage tritt er im Fernsehen auf. Doch dem Glamour der Fernsehwelt steht er skeptisch gegenüber: „Viele Leute denken, wenn sie einen zwei Minuten pro Woche im Fernsehen sehen, dass man in dem Studio wohnt“ sagt er scherzhaft.

Plasterk sammelte als Student an der Universität Leiden erste journalistische Erfahrungen. Er studierte dort Biologie und schrieb nebenbei für die Uni-Zeitung. „Ich fing an, mich für Politik zu interessieren, als die öffentlichen Debatten um Gen- und Stammzellenforschung und das Klonschaf Dolly aufkamen. Anfangs schrieb ich Kolumnen zu diesen Themen. Aber man kann ja schließlich nicht jeden Monat über dasselbe Schaf schreiben. Daher begann ich, mich zu anderen Themen zu äußern. Letztlich weil Fragen der Wissenschaftsethik mit anderen politischen Entscheidungen in Verbindunge stehen“ erinnert er sich. „Ich habe das nie direkt angestrebt, aber die ganze Sache hat sich verselbstständigt. Und so kommt es, dass ich nun anlässlich der anstehenden Parlamentswahlen ein Manifest für die niederländischen Sozialdemokraten schreibe“, erklärt er.

Kritiker des europäischen Modells

Schon als Student hat er gerne debattiert. Aber erst durch einen Forschungsaufenthalt in den USA wurde er zu einem rastlosen Kritiker des europäischen Forschungsmodells. Die Effizienz und die fortschrittliche Herangehensweise an die biologische Forschung am California Institute of Technology in Pasadena beeindruckten ihn. „Es gibt eine Menge Dinge, die im Forschungssystem der Europäischen Union schief laufen. Die Finanzierung ist nicht transparent, sie basiert nicht auf dem Leistungsprinzip oder Qualitätsmessungen. Es gibt immer Sekundärziele, es geht nicht nur um Wissenschaft. Uns wird gesagt, dass Förderprogramme die Wirtschaft unterstützen oder unterentwickelten Regionen helfen sollen und dergleichen mehr. Sie sollten aber nur ein Ziel haben: Die besten Forscher in Europa zu fördern!“ beschwert er sich.

„Das europäische System ist versteinert. Es gibt eine starke Bürokratie: Ein Professor hat einen Unter-Professor, der hat Doktoranden, die Lehrveranstaltungen für Studierende geben und sagen, wie die Experiment zu verlaufen haben. In der angelsächsischen Wissenschaft gibt es so was nicht. Da arbeiten alle zusammen.“ Und es funktioniert.

Europa läuft den Vereinigten Staaten hinterher

“Das europäische Wissenschaftssystem bietet darüber hinaus auch keine Perspektive”, betont Plasterk. Um 1900 waren die meisten Nobelpreisträger Europäer. Heute sind die meisten Amerikaner. Für ihn sind die Gründe klar: Europäer denken zu provinziell. „Wenn du in Montana aufwächst und clever bist, wirst du sicher nicht dort bleiben. Du gehst an die Westküste und machst deinen Doktor. In Europa dagegen bleiben die Leute da, wo sie herkommen. Es mag sein, dass sie mal für ein Jahr weggehen, aber dann kehren sie doch zurück.“

Das europäische System leidet zudem unter der Dezentralisierung: Echte Exzellenzzentren gibt es kaum. „Jeder möchte das Oxford seiner Region sein“, sagt Plasterk. Wissenschaft entwickelt sich seiner Ansicht jedoch nach der Chaostheorie: durch spontane Aggregation und sich selbst verstärkende Prozesse. „Wenn drei wirklich gute Wissenschaftler zusammengefunden haben, dann wird es auch einen vierten geben, der dort hingeht. Und plötzlich kann es passieren, dass sich, aus Gründen die man nicht genau planen oder kontrollieren kann, ein Cluster von Wissenschaftlern bildet. Warum ist Cambridge so ein außergewöhnlicher Ort für die Wissenschaft? In der Zeit, als ich dort war, hatten wir fünf Nobelpreisträger, die in demselben Gebäude arbeiteten.“ erinnert er sich.

Plasterk gesteht ein, dass auch die Sprachbarriere für das schlechte Abschneiden europäischer Wissenschaft verantwortlich ist. „Ich kenne eine Menge französischer Professoren, die ihre Arbeit nicht auf Englisch erklären könnten – obwohl das die zentrale Wissenschaftssprache ist.“ Auch eine Übersetzung der Millionen Seiten wissenschaftlicher Ergebnisse in zwanzig europäische Sprachen würde nicht helfen. Der Kern des Problems ist kulturell. Die Sprachbarriere stellt nicht nur ein Problem für den wissenschaftlichen Fortschritt dar, sie verhindert auch ein Voranschreiten der europäischen Integration im Allgemeinen. „Das Problem ist, das es keinen Demos gibt, kein europäisches Volk. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache. Es gibt keine öffentliche Debatte.“