Politik

Repressionen in Syrien: Waltz with Baschar

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2011
In Syrien eskalieren Proteste und Repressionen. Das erste Mal seit dem islamischen Aufstand in Hama von 1982 ist das Baath-Regime wieder in Gefahr. Die Demonstrationen erreichen die kritische Masse, die von keinem Zugeständnis davon abgehalten werden kann das Ende von Präsident Baschar al-Assads Regierung zu fordern.

Seit ich in Syrien lebe, verstehe ich die Schraubzwingen aus Angst, die die Autokraten nutzen, um ihre Untergebenen ruhig zu stellen. Wer im Westen lebt versteht nichts von der allgegenwärtigen Mauer der Angst, die hier seit Jahrzehnten für Stille sorgt. Ich war gerade ein Jahr alt, als die Berliner Mauer fiel und eine Welle von Demokratisierungen im östlichen Europa auslöste.

In Syrien wird man ununterbrochen an das Regime erinnert. Bilder des Präsidenten Baschar al-Assad hängen überall, auf Autos, an Wänden, Fenstern, Schaufenstern, Laternen; auf Sonnenbrillen, Militäruniformen, Geschäftsanzügen, Freizeithosen, Krawatten, Hemden; in Posen, Lächeln, ernsten Mienen, Gesprächen; seine schüchternen blauen Augen, seine schlacksige Figur und der dünne Schnurrbart schauen auf dich und erinnern an die Macht seines Staates.

Der unheilvolle Herr Baschar

Baschar al-Assad hat einen wesentlich besseren Ruf als die Gaddafis oder Mubaraks. Er pflegt einen unheilvollen Lebensstil und wird dafür gemocht fortschrittlicher als seine Vorgänger zu sein. Aber die Leute verachten die allgegenwärtigen mukhabarat (Geheimdienste) und ihre Informanten. Nirgends ist man vor ihnen sicher, weder auf der Arbeit, noch an der Straßenecke oder der Behörde. Seit längerem machen Gerüchte die Runde, dass Baschar nur in seinem Palast sitzt, Videospiele spielt und versucht den Reformer zu geben, während die eigentlichen Entscheidungen von den nusairischen Militär-Baronen getroffen werden.

Arbeit unter Aufsicht von Hafez, Basil und Baschar al-Assad

Mittlerweile versucht die Regierung die Gerüchte zu relativieren, um Baschars Ruf zu schützen. Das Regime ist eines der statischsten und vorsichtigsten in der Welt. Das politische System unterscheidet sich kaum von dem Staat, der rücksichtslos von Baschars Vater Hafez errichtet wurde. Ein Klüngel von Clan-Mitgliedern kontrolliert die Geheimdienste, beispielsweise Assef Schawkat, Baschars Schwager, der Chef des Militärnachrichtendienstes. Mit ihren Gefängnissen, Waffen und dem Staatshaushalt bilden die schiitischen Nusairier den eigentlichen Kern der Elite des Landes. Die sunnitische Wirtschaftselite aus den beiden wichtigsten Städten Aleppo und Damaskus wird durch staatliche Verträge und Profite bei Laune gehalten oder bei Bedarf durch Erpressung, willkürliche Festnahmen und Entführungen daran gehindert die Regeln des Regierungsclans zu brechen.

Syrische Städte und die Stille

Obwohl sie immer noch Angst haben, finden die Syrer wieder Genugtuung darin politische Wut zu äußern.

Wie auch immer, der Selbsterhaltungstrieb der Regierung konzentriert sich hauptsächlich auf Aleppo und Damaskus. Dort sind Soldaten, Polizei und Staatsmacht überall sichtbar, während mit ökonomischer Liberalisierung und Tourismus Kasse gemacht wird. Die anderen Städte, inklusive Homs und Deraa, genießen weniger Aufmerksamkeit. Obwohl sie immer noch Angst haben, finden die Syrer wieder Genugtuung darin, politische Wut zu äußern und die alten Geschichten von sektiererischen Einheiten und ausländischen Intrigen abzulehnen. Stattdessen halten sie zusammen. Jemand stimmt den Wahlspruch an „Wahid, Wahid, Sha'ab Sury Wahid“ (Eins, eins, das syrische Volk ist eins) und das Regime antwortet mit Kugeln.

Der Unterschied zu dem gesättigten Diskurs westlicher Politik ist riesig. In Syrien zwang die Geselligkeit dazu, leise zu sein, denn die Angst überhört zu werden, führte zum plötzlichen Verschwinden. Vorher haben Nationalismus und Angst die Menschen davon abgehalten, ihre wahren Gefühle gegenüber dem politischen System zu äußern. Rebellische Gedanken wurden von der Regierung akzeptiert, solange sie Teil der Privatsphäre blieben, ansonsten wurden persönliche Äußerungen hart und willkürlich bestraft. Tausende Syrer wurden weggebracht und stumm gemacht. Gefangene wurden Geiseln, um die freien Familienmitglieder zur Anpassung zu nötigen. Die Stille, die damals existierte, hatte etwas von pubertärer Unsicherheit. In Momenten der Verletzung konnte man über seine Gefühle nur mit der Familie und engen Freunden reden. Aber jeder wusste von der Verletzung, die hinter den durchsichtigen Mauern der Angst hindurch schien, und Syrien und die arabische Welt untergrub. Diese Barriere der Angst wird in Syrien jetzt endgültig durchbrochen.

Autor: Charles Gronning (Name aus Sicherheitsgründen geändert)

Fotos: Homepage (cc)PanARMENIAN_Photo on flickr/ panarmenian.net/photo; Syrischer Arbeiter unter einem Baschar-Porträt (cc)CharlesFredCharles Roffey/flickr