Politik

Referendum hin oder her: Wohin steuert Griechenland?

Artikel veröffentlicht am 3. November 2011
Artikel veröffentlicht am 3. November 2011
So schnell wie die Ankündigung des Referendums in Griechenland über die Mitgliedschaft des Landes in der Eurozone die Runde machte, wurde es von Griechenlands Premier am heutigen Donnerstag auch schon wieder abgesagt. Georgios Papandreou hatte nicht nur heftige Kritiken aus Europa, sondern auch in der eigenen Opposition geerntet. 6 junge Wirtschaftsgeister aus Europa liefern ihre Analyse.

Deutschland: „Massive Kollateraleffekte für andere Krisenländer“

"Als Bürger unterstütze ich Papandreous politischen Mut, die Griechen jetzt selbst über ihre Zukunft abstimmen zu lassen, zumal ohne ein derartiges Votum der Oppositionsführer Samaras und andere interessierte Lobbys populistisch immer noch suggerieren können, der Sparkurs wäre in der Härte eigentlich nicht notwendig. Ökonomisch kommt der Referendumsplan allerdings zur Unzeit, da eine derartig überraschende und in Europa nicht abgestimmte Ankündigung von den Marktteilnehmern besonders sensibel aufgenommen wird und vor allem auch für andere Krisenländer wie Portugal und Italien massive Kollateraleffekte haben kann. Die neue Unsicherheit ist in jedem Fall immens, vor allem weil vor dem Referendum ja durch die Vertrauensfrage es in Griechenland noch vollkommen offen ist, wie der politische Prozess sich weiterentwickelt.“

Jan Peter aus dem Moore, Wirtschaftswissenschaftler, Berlin

Polen: „Über Jahrzehnte hinweg haben sich Europa und die USA daran gewöhnt, auf Pump zu leben“

"Ich denke, die Reaktion der Griechen war vorauszusehen. Jeder hat erwartet, dass die Griechen den Rettungsschirm abnicken und dass die Regierung von Papandreou anfängt zu sparen. Aber man hat vergessen, dass die Menschen in Griechenland nicht sparen wollen. Man sollte auch beachten, dass in der heutigen politischen Realität ein souveräner Staat nicht wirklich pleite gehen kann (ein Staat kann es ablehnen seine Schulden zu bezahlen, aber niemand kann eine Regierung dazu zwingen ihre Schuldenberge abzubezahlen). Deshalb hat Griechenland keinerlei Motivation, um den noch härteren Rettungsschirm durchzuwinken. Das Problem liegt auch nicht nur bei den Griechen. Über Jahrzehnte hinweg haben sich Europa und die Vereinigten Staaten daran gewöhnt, auf Pump zu leben und sich kontinuierlich zu verschulden."

Michal Szymanski, polnischer Student der Wirtschaftswissenschaften in Rom

Italien: „Der Wechsel der militärischen Führungskräfte des Landes ist verwunderlich“

„Papandreous Entscheidung lässt die Eurozone zittern: Es handelt sich dabei nicht nur um eine finanzielle Frage, sondern um ein politisches Problem. Indem man dem souveränen Volk die Möglichkeit gibt, sich zur Validität des Rettungsplans auszusprechen, hat der griechische Regierungschef zum x-ten Mal zur Balkanisierung der griechischen Politik beigetragen. Und diese äußert sich alsbald negativ in Populismus, da er seine Wählerschaft aufruft über eine heikle Frage abzustimmen, die nicht Objekt eines Volksentscheids sein sollte. In diesem Kontext ist außerdem der Wechsel der militärischen Schlüsselpositionen des Landes verwunderlich. Dass nun zum Teil die Rede von 'Offizieren' ist, macht ein wenig Angst, hoffen wir, dass es sich nur um einen politischen Farbtupfer handelt.“

Alessandro Megaro, 26 Jahre, Politikstudent Rom

"Du meinst die Wasserbomben oder?"

Spanien: "Die griechische Bevölkerung ist angesichts der unnötigen Opfer sehr skeptisch "

"Das Referendum ist ein sehr riskanter Vorschlag. Wenn es gut geht und die Griechen dem Rettungsplan zustimmen, wird Papandreou seine Innenpolitik legitimieren können. Wenn sie aber dem europäischen Plan nicht zustimmen, verschwenden sie ihre Energie. Sollten sie aus der Eurozone austreten und eventuell Spanien und Italien anstecken, gefährden sie die gemeinsame europäische Währung. Dieser Mechanismusa darf aber nicht nur auf einen Fehler Papandreous reduziert werden, da er innenpolitisch kaum Spielraum hat. Einem Mangel an Entschlossenheit der europäischen Politiker folgen Unsicherheiten auf dem Markt und eine Anspannung der griechischen Bevölkerung. Und diese ist angesichts unnötiger Opfer sehr skeptisch. Ich hoffe, dass die Vernunft den Populismus besiegt."

Enrique Ruiz de Villa, Student an der London School of Economics, London

Frankreich: "Die Griechen sind keine Masochisten"

"Neben einer zwielichtigen Steuerpolitik und dem Risiko, dass der Sparplan die Rezession noch verschlimmert, scheint Georgios Papandreou außerdem keine ausreichende Mehrheit mehr zur Führung seines Landes zu haben. Meiner Meinung nach erklärt das die Entscheidung für ein Referendum. Ein "Ja" zum Sparpaket hieße für die Griechen: Einfrieren der Gehälter, Anstieg der Mehrwertsteuer etc. Doch die Griechen sind keine Masochisten: Sie werden so einem Plan nie zustimmen. Die Abfolge der Ereignisse wird zwangsläufig einen Bankrott nach sich ziehen. Aber was soll man mit den Griechen machen? Ihnen eine Reform, die 90% der Bürger ablehnen, auferlegen und sie unter Vormundschaft stellen oder soll Griechenland dem Euro den Rücken kehren, um seine « eigene » Währung abwerten zu können? Oder warum sollte man nicht gleich die Bedingungen des 'vielleicht zu strengen' Sparplans neu verhandeln? »

Jérôme Etchepare, 23 Jahre, Student der Wirtschaftswissenschaften, Bordeaux

Großbritannien: "Das Aufschieben einer Lösung für die griechische Krise schadet der gesamten EU"

"Das Referendum ist verständlich, wurde aber ungeschickt auf den Plan gebracht. Die Griechen erwarten keine großen Alternativen: Entweder sie akzeptieren den Plan (welcher durch Frankreich und Deutschland bereits enorme Zustimmung erhielt) oder sie treten aus der Eurozone aus. Aus dieser Perspektive ist der Volksentscheid - d.h. die Frage nach der Festigkeit des Euro – ein rüder aber unausweichlicher. Auβerdem hat die Ankündigung über das Referendum bereits die europäischen Märkte ins Wanken gebracht, obwohl sie nach dem EU-Gipfel relativ stabil waren. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor und das Hinauszögern einer eventuellen Lösung der griechischen Krise würde so oder so der gesamten Europäischen Union schaden."

Dasha Dubitkovskaya, London

Illustrationen: Homepage ©Kristof; Cartoon (cc)igraph/flickr; Videos (cc)venyous/YouTube