Politik

Rauchfreie Politik: Zigaretten sind bei Volksvertretern tabu

Artikel veröffentlicht am 23. April 2012
Artikel veröffentlicht am 23. April 2012
Auf dem Bahnhof, bei der Arbeit, im Club und manchmal auch zu Hause: „Rauchen darf man nur noch auf dem Atlantik“, empörte sich vor kurzem der spanische Premierminister Mariano Rajoy. So ist es. Rauchen schadet der Gesundheit und auch der politischen Karriere.
Die Volksvertreter können es sich heutzutage nicht mehr erlauben, in dieser Beziehung nachlässig zu sein – selbst außerhalb des Wahlkampfes. Ein kurzer Überblick über die Raucher und Nichtraucher in Europas Politik.

Statt Rauchschwaden hüllt eine bleierne Wolke des Schweigens die Raucher ein. Der Glimmstengel ist für Politiker ein absolutes No-go. Nicolas Sarkozy hat zusammen mit Wladimir Putin auf dem G8-Gipfel zu tief ins Glas geschaut? Warum nicht, man amüsiert sich köstlich über das Video von seiner anschließenden Pressekonferenz. François Hollande, der sich in Frankreich gerade als großer Herausforderer Sarkozys durchgesetzt hat, gönnt sich vor laufenden Kameras ein „kleines“ Frühstück mit Schlachtplatte und Käse. Dabei werden die Verbraucher seit Jahren ermahnt: „Achten Sie auf Ihre Gesundheit: essen sie nicht zu fettig, zu süß, zu salzig“! Trotzdem lässt es sich Hollande schmecken. Man wird über ihn sagen, dass er ein Gourmet und gleichzeitig auch noch volksnah sei.

Marine Le Pen: eine einsame Raucherin?

Politiker haben es nicht leicht. Neben allerlei Schelte, die sie wegen ihrer Politik oder persönlicher Techtelmechtel einstecken müssen, bleibt ihnen nicht viel, wo sie mit gutem Beispiel vorangehen können. Die Zigarette allerdings ist keine gute Möglichkeit, beim Wähler zu punkten. Und die Journalisten sind dabei ihre Komplizen. Während des Wahlkampfes ist es besonders schlimm. Es ist hinreichend bekannt, dass einige Kandidaten der französischen Präsidentschaftswahl geradezu Kettenraucher sind, beispielsweise Jean-Luc Mélenchon, der auf seiner Wahlkampfseite zugibt „ein kleines Laster“ zu haben. Es ist ein jämmerlicher Versuch, sich wählernah zu geben. Bilder gibt es davon aber keine.

Einzig Marine Le Pen, Kandidatin der rechtspopulistischen Front National, darf anscheinend fotografiert werden, wenn sie sich mal wieder eine anzündet. Allerdings: In den „offiziellen“ Medien findet sich keine Spur des Fotos. Einzig die Tageszeitung Libération traut sich in einer Reportage über das Wahlkampfquartier der Front National zu schreiben, dass die „Chefin raucht“. Das tut die linksgerichtete Tageszeitung allerdings nur, um die Rechtspopulisten zu dämonisieren. In der übrigen Berichterstattung ist die Zigarette tabu.

Die letzte Kippe von Chirac

Tatsache ist: Politiker sind wie andere Promis. Sie versuchen ihr öffentliches Image zu kontrollieren und nur solche Details ihres Privatlebens preiszugeben, die sie nicht in Verruf bringen. Und die Paparazzi spielen mit. Wenn trotz allem ein Foto an die Öffentlichkeit gerät, ist die Empörung groß, wie sich in der Vergangenheit zeigte.

Jacques Chirac mit Zigarette in der HandPräsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy beim Rauchen „erwischt“? Das Bild schockiert, so sehr herrscht Einigkeit über die sogenannte „Nichtraucherrücksicht“. Zum Glück wurde die Zigarette für unsere Augen, die diesen Anblick nicht mehr gewohnt sind, verpixelt. Gerade noch gerettet! Weniger Glück hatte Bertrand Delanoë, Bürgermeister von Paris: Seine Zigarette ist deutlich sichtbar, stolz, provozierend, unerträglich. Die zweideutige Bildunterschrift: "Bertrand Delanoë raucht (bis) zur Beerdigung." So ein Ferkel!

Der europäische (Nicht)Raucher-Reiseführer

Und auch der ehemalige französische Präsident Jaques Chirac darf sich zu den gemiedenen Rauchern zählen. Ein Foto von ihm mit einer Zigarette lässig zwischen den Fingern durfte 2009 nicht den Titel seiner Memoiren zieren. Der Visionär Chirac hatte bereits 1988 mit dem Rauchen aufgehört, nachdem er im Präsidentschaftswahlkampf zum zweiten mal gescheitert war. Seine Imagekampagne „Ich bin ein Franzose wie ihr“ war ein Flop.

Chirac ist sicher kein Vorbild für den Teenager, der darüber nachdenkt seine erste Kippe zu rauchen – er ist es aber für die politische Klasse Frankreichs. Welcher Premierminister würde während eines Interviews seine Zigarettenschachtel hervorziehen und sich eine anzuzünden wie noch 1962 der gute alte Georges Pompidou? Auch die Tatsache, dass der spanische Ministerpräsident Jose Luis Zapatero bekannter Gelegenheitsraucher ist, hat im Januar 2011 nicht gerade zum Erfolg seines Anti-Tabak-Gesetzes beigetragen. Unterm Strich zeigt sich: Es ist besser nicht zu rauchen. Aber diese Erkenntnis lässt andere kalt.

Churchill und die anderen Aufsässigen

Rauchen gehörte auch dazu.

Winston Churchill hat nie aufgehört Zigarre zu rauchen: Selbst der Widerstand der Raucher ist gegenüber dieser historischen Persönlichkeit und politischen Ikone machtlos. Auch andere Politiker haben nie mit dem Rauchen aufgehört, sondern es vielmehr zu ihrem Markenzeichen gemacht. Santiago Carillo, Anführer der spanischen Kommunisten von 1960 bis 1982, ist niemals ohne Zigarette gesehen worden. Sogar im Fernsehen formte er Rauchringe – der Ausdruck seines Freigeistes. Diese Art von Luxus kann sich auch der ehemalige deutsche BundeskanzlerHelmut Schmidt (SPD) leisten. Selbst mit 93 Jahren raucht er noch – sogar im Krankenhaus.

In Italien wissen alle, dass Pier Luigi Bersani, Generalsekretär der Partito Democratico (mitte-links), Zigarre raucht: Er ist ein Mann des Volkes; die Zigarre hilft ihn daran zu erinnern. Für Gerhard Schröder, den ehemaligen deutschen Kanzler, war es das genaue Gegenteil: Seine Vorliebe für die Luxuszigarre Cohiba machte ihn zur Leitfigur einer über Finanzfragen zerstrittenen sozialdemokratischen Partei und entfachte einen Sturm der Kritik. Der aktuelle französische Präsident Nicolas Sarkozy hingegen vermeidet es, sich mit Zigarre zu zeigen. Er hat das auch gar nicht nötig. Immerhin gilt er bereits als „Präsident der Reichen“  – und das nicht erst, seit ein Regierungsmitglied sich Zigarren im Wert von 12.000 Euro vom Staat bezahlen lassen hat und damit 2010 einen Skandal verursachte.

Andere Zeiten, andere Sitten

Eine Zigarre an den Lippen - so war es bei ihm Brauch.Lech Walesa, ehemaliger polnischer Staatspräsident,  rauchte während seiner Meetings stets Mentholzigaretten. Der „Runde Tisch“ von 1989, der freie demokratische Wahlen für Polen verkündete und dem Walesa angehörte, ist bekannt für die dicken Rauchschwaden, die durch den Verhandlungssaal waberten. 20 Jahre später wurden die Aschenbecher des Parlaments versteigert, zumal Walesa seit langer Zeit nicht mehr raucht.

Mit der gewonnenen politischen Freiheit ging aber irgendwann auch das Rauchverbot für den homo politicus einher. Nichts für ungut, Anhänger des „Rauchens wo man geht und steht“. Aber vorher war nicht unbedingt alles besser. Das Thema Rauchverbot nervt zwar. Aber es ist nicht verboten, sich darüber zu freuen, dass immer weniger Politiker in der Öffentlichkeit rauchen – auch wenn sie es aus den falschen Beweggründen tun. Bald können wir uns trauen und sie fragen, ob sie nicht auch die Sexorgien einstellen könnten.

Fotos (in der Reihenfolge des Textes) (cc) Falk Steinborn, (cc) quicheisinsane/flickr, (cc)scorcidemocratici-torino2010/flickr,  (cc) johnmcnab/flickr, (cc) Leo Reynolds/flickr; Video: (cc)Buttpt02/YouTube