Politik

Piratin Julia Reda: „Geheimdienste abschaffen!“

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2014

Julia Reda ist mit 27 Jah­ren Spit­zen­kan­di­da­tin der deut­schen Pi­ra­ten­par­tei für die Eu­ro­pa­wahl im Mai. Sie redet über ihren stei­len Auf­stieg, ihre junge Par­tei und den Frie­dens­no­bel­preis. Gerade ist die Drei-Pro­zent-Sperr­klau­sel für die Wahl des eu­ro­päi­schen Par­la­ments ge­kippt. Für klei­ne­re Par­tei­en in Deutschland ist damit der Weg ins EU-Parlament frei.

Café Babel: Warum wart ihr gegen die Drei-Pro­zent-Hür­de bei der Wahl zum Eu­ro­päi­schen Par­la­ment? Habt ihr Angst zu ver­lie­ren?

Julia Reda: Nee, es ist eine ziem­lich kras­se Ge­schich­te, wie die Drei-Pro­zent-Hür­de zu­stan­de ge­kom­men ist. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat 2011 die Fünf-Pro­zent-Hür­de für ver­fas­sungs­wid­rig er­klärt. In sei­ner Ur­teils­be­grün­dung hat es be­kannt ge­ge­ben, dass es keine Recht­fer­ti­gung für eine Hürde jeg­li­cher Art gibt, so­lan­ge die Ar­beits­wei­se des Par­la­ments sich nicht än­dert. 

CB: Du bist mit 16 in die Po­li­tik ein­ge­stie­gen. Was hat dich da er­war­tet?

JR: Ich bin mit 16 in die SPD ein­ge­tre­ten, aber da hatte ich das Ge­fühl, po­li­tisch nicht so viel aus­rich­ten zu kön­nen. Da wurde ich immer auf Po­di­en ge­stellt und es wurde ge­sagt: „Seht her, wir haben auch junge Mit­glie­der“. Ge­ra­de bei De­bat­ten über die In­ter­net­sper­ren, hatte ich den Ein­druck, dass man als jun­ges Mit­glied auch mit guten Ar­gu­men­ten nichts än­dern kann. Kurze Zeit nach­dem ich bei der SPD aus­ge­tre­ten bin, wurde ich dann Pi­ra­tin. 

CB: Das führt aber auch dazu, dass jeder macht, was er will. Oder wie fin­dest du das In­ter­view mit Chris­to­pher Lauer (Ab­ge­ord­ne­ter des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses in Ber­lin) mit der Taz, in dem er die Fra­gen ein­fach „blöd“ fin­det?

JR: Ich meine Chris­to­pher Lauer ist ein ge­wähl­ter Ab­ge­ord­ne­ter und er kann na­tür­lich ma­chen, was er will. Ich glau­be, dass hat nichts mit den Struk­tu­ren der Par­tei zu tun. Ich glau­be, dass ist Chris­to­pher Lau­ers Stil. Leute, die ge­gen­über der Pres­se eher ar­ro­gant auf­tre­ten, gibt es auch in an­de­ren Par­tei­en. 

CB: Warum en­ga­gierst du dich für eu­ro­päi­sche Po­li­tik? Das in­ter­es­siert ja nicht so viele Leute.

JR: Wir müs­sen klar­ma­chen, dass un­se­re The­men etwas mit dem All­tag der Bür­ger zu tun haben. In Deutsch­land ist die Hälf­te der YouTube-Vi­de­os ge­sperrt. Des­halb brau­chen wir einen di­gi­ta­len Bin­nen­markt. Wir brau­chen auch ein eu­ro­päi­sches Ur­he­ber­recht. Von den Erst­wäh­lern in Deutsch­land gehen 30 Pro­zent zur Eu­ro­pa­wahl, wir müs­sen denen er­zäh­len, was Po­li­tik mit ihrem Leben zu tun hat. 

CB: Was hat die Pi­ra­ten­par­tei gegen die Über­wa­chung der NSA vor­zu­schla­gen?

JR: Ich glau­be, dass das eu­ro­päi­sche In­ter­net, wie es Mer­kel und Hol­lan­de vor­schla­gen, der fal­sche Weg ist. Wir dür­fen nicht die in­ter­na­tio­na­le Struk­tur des In­ter­nets in Frage stel­len, so wie es Iran oder China ma­chen. Das wird auch nichts gegen die Über­wa­chung brin­gen, denn der Bun­des­nach­rich­ten­dienst und der GCHQ tau­schen Daten mit der NSA aus. Wir müs­sen fest­stel­len, dass Ge­heim­diens­te in der EU nicht mehr de­mo­kra­tisch kon­trol­liert wer­den und sie dem­entspre­chend ab­schaf­fen. 

CB: Mag die Pi­ra­ten­par­tei Ed­ward Snow­den auch so gerne wie Chris­ti­an Strö­be­le?

JR: Ja, die zwei schwe­di­schen Ab­ge­ord­ne­ten im Eu­ro­pa-Par­la­ment und die is­län­di­schen Ab­ge­ord­ne­ten der Pi­ra­ten­par­tei, haben mit an­de­ren Po­li­ti­kern, Ed­ward Snow­den und Chel­sea Man­ning für den Frie­dens­no­bel­preis no­mi­niert. Ich finde die No­mi­nie­rung rich­tig eine gute Sache, denn Snow­den und Man­ning haben den Leu­ten ein Stück de­mo­kra­ti­sche Kon­trol­le zu­rück­ge­ge­ben. In einer De­mo­kra­tie kann man sich nur selbst re­gie­ren, wenn man In­for­ma­tio­nen dar­über hat, was die Re­gie­rung und die Ge­heim­diens­te tun. 

CB: Was folgt dar­aus?

JR: Ohne Trans­pa­renz des Staa­tes, kann es keine De­mo­kra­tie geben. Des­halb ist Whist­leb­lo­wing in dem Mo­ment, wo Ge­heim­diens­te sich selbst­stän­dig ma­chen und Dinge tun, die nicht le­gi­ti­miert sind, not­wen­dig. Nur so kön­nen wir über­haupt von einer de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft spre­chen. In­so­fern kann man Ed­ward Snow­den nur dan­ken und hof­fen, dass er viele Nach­ah­mer fin­det. 

CB: Habt ihr ei­gent­lich auch an­de­re The­men außer In­ter­net­sper­ren und di­gi­ta­lem Bin­nen­markt?

JR: Wir haben ein ge­mein­sa­mes eu­ro­päi­sches Wahl­pro­gramm der Pi­ra­ten­par­tei. Un­se­re For­de­run­gen lau­fen unter dem Slo­gan „Eu­ro­pa gren­zen­los“. Wir wol­len auf allen Ebe­nen der Ge­sell­schaft Gren­zen ab­bau­en, nicht nur im In­ter­net, son­dern auch was die Frei­zü­gig­keit in der EU an­geht. Wir wol­len auch das Asyl­recht er­leich­tern und gegen jeg­li­che Ver­su­che, die Frei­zü­gig­keit der Ru­mä­nen und Bul­ga­ren ein­zu­schrän­ken, vor­ge­hen.

CB: Das wol­len ja die meis­ten Par­tei­en. Was macht die Pi­ra­ten also be­son­ders?

JR: Es geht im In­for­ma­ti­ons­frei­heit: Die Frei­heit, das In­for­ma­tio­nen des Staates frei zur Ver­fü­gung ste­hen. All­ge­mei­ner geht es uns um eine De­mo­kra­ti­sie­rung der EU. Wir wol­len mehr eu­ro­päi­sche Ent­schei­dungs­fin­dung, also das In­itia­tiv­recht für das eu­ro­päi­sche Par­la­ment. Wir wol­len aber auch die eu­ro­päi­sche Bür­ger­initia­ti­ve aus­bau­en, so­dass Bür­ger in Eu­ro­pa Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren in Gang brin­gen kön­nen.