Politik

Paula Scher: Wenn das Wort (wortwörtlich) zur Grenze wird

Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2010
Paula Scher ist die Frau, die die Geografie neu schreibt. Sie arbeitet an einem Ort, der auf keiner Karte zu finden ist: In einem Atelier in New York, das aussieht, wie der Tresorraum einer Bank. Ihr Beruf hat manchmal mit Kriegen zu tun, mit unwahrscheinlichen architektonischen Impulsen, mit der Lust, die Welt herauszufordern, oder (wie in diesem Fall) mit der Finanzkrise.
Lauter Ereignisse, die verlangen, die Weltlandkarte neu zu gestalten. Und diese Landkarten zeichnet Paula Scher selbst: Mit Worten.

Paula Scher wurde vor 62 Jahren in Washington geboren und ist eigentlich Designerin („Künstlerin nennen dich die anderen“, korrigiert sie mich) mit speziellen Genen: Ihr Vater zählte zu den Begründern der modernen Kartographie. Insbesondere während seiner Forschungstätigkeit für die US- Regierung leisteten seine Studien über die Korrektur von Verzerrungen auf Landkarten einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Systems, das einige Jahre später von Larry Page und Sergey Brin unter dem Namen „Google Maps“ das Licht der Welt erblickte und den Begriff der Kartographie für immer verändern sollte. Somit liegt es auf der Hand, dass Paula seit ihren ersten Lebensjahren ein besonderes Verhältnis zu Landkarten hatte. „Mein Vater sagte immer, es gäbe keine präzisen Karten: Sie zu verbessern, stellte für ihn eine wahre Berufung dar.“ Paula hingegen zeichnet Karten auf ihre eigene Art und Weise und benutzt dafür… Worte.

In Europa gibt es Länder, die so klein sind, dass nicht mal ihr Name rein passt.

Die forcierten Fehler der Ölkonzerne

„Mit dem Malen von Karten begann ich eigentlich durch Zufall: Ich arbeitete (auf dem Computer) an einem Projekt eines Kunden, als ein Bekannter meine Entwürfe dazu sah und eine dieser handgezeichneten Arbeiten kaufen wollte. War das aufregend! Zum ersten Mal interessierte sich jemand für etwas, das ich nicht am Computer gestaltet hatte! So fasste ich Mut und begann meine kreative Laufbahn.“ Und bis zu ihrem heutigen Status als Künstlerin, deren Werke mehrere tausend Dollar kosten, war es aber ein langer Weg.

Die Basis bildet eine sehr ermüdende Aufarbeitung der Paula Schers HandschriftKarteninhalte in großem Umfang (Paula studiert dafür zunächst dutzende Kartenwerke desselben Territoriums). Vor allem an den Stellen auf der Karte, wo das Landschaftsbild von den Namen der dort befindlichen Städte, Flüsse, Meere und Gebirgsketten verunstaltet ist, erweist sich die Aufarbeitung besonders schwer. Aber die Orte, an denen man sich verliert, werden auf Paulas Karten wie zu Verzauberungen, Fehler werden zu Eigenheiten, welche die Werke, für die es in der Kunstgeschichte noch keinen Präzedenzfall gibt, noch einzigartiger machen. „Mein Vater hat mich gelehrt, dass alle Karten Fehler enthalten. Und manche davon sind sogar absichtlich: So bestimmen Ölkonzerne zum Beispiel oft die „Wichtigkeit“ einer Straße auf der Karte, je nachdem, wie viele Bohrstellen sie in der Gegend betreiben. Denkt man darüber nach, gibt es auch keinen anderen plausiblen Grund, aus dem bestimmte Straßen wichtiger sein sollten als andere. Aus diesem Blickwinkel gesehen, ist meine Betrachtung sozusagen die Interpretation der jungfräulichen, naiven Realität. Aber deswegen hat meine Betrachtung keineswegs weniger ontologische Würde, als die offizielle Betrachtung der Regierung oder der New York Times.“  

„Ob verzerrte Maßstäbe oder Rechtschreibfehler; alles trägt zu meiner einzigartigen Perspektive der Welt bei.“ Paula zeichnet ihre Karten rigoros mit der Hand, mit Pinseln auf Leinwand und tritt damit in die fast physische Dimension ihrer Arbeit ein. Das Werk nimmt am Ende ein gigantisches Ausmaß an, dessen Anblick zugleich eine gewisse Scheu auslöst, wie auch dazu einlädt, sich dem Werk zu nähern und sich von der Welt, die einen umgibt, wortwörtlich erfassen zu lassen.

Europa, wo die Namen größer sind als die Staaten

„Inzwischen habe ich fast die ganze Welt gemalt, auch wenn mich natürlich einige Orte mehr faszinieren als andere“, erzählt Paula, während sie ihre Werke Revue passieren lässt: Manhattan bei Nacht, Manhattan am Tag, eine Darstellung des Tsunami, Europa. „Afrika ist vielleicht der Kontinent, der mich am meisten interessiert. Auch ist er der unglaublichste, was seine Darstellung betrifft. Es überrascht, wie tief die französische Sprache überall eingedrungen ist, selbst in die unbekanntesten Dörfer. Mit dieser Arbeit und dem Studium aller historischen Entwicklungen habe ich sehr viel über die Kolonialisierung gelernt.“ Auf Paulas Karten erscheint der Schriftzug China in Pinyin und nicht in Ideogrammen. „Auch die Seidenstraße ist faszinierend“, fährt die Künstlerin fort, „während euer Europa eine wahre Herausforderung ist. Wunderbar finde ich eure Staaten, die so klein sind, dass nicht einmal ihr Name hineinpasst.“

Natürlich hat Paula eine fast manische Leidenschaft für das „Lettering“ (das Studium der Schriften). Die Zeichensätze, von denen sie sich inspirieren lässt, entstammen der Familie der „Sans-Serif“, eine Schrift ohne Schnörkel, was ihre Lesbarkeit optimiert. Als Paula aus den Schubfächern ihres Tresorraums ihre Vorstellung von Europa herausholt, fällt mein Blick natürlich sofort auf den italienischen Stiefel. Ein Mosaik aus Genoaromemilanturinnaplespalermo, ein Strudel aus Namen, der sich in der Po-Ebene mit Leichtigkeit abwechselt. Das T von Trento, schützt wie die Alpen vor Zugluft oder die Vs von Verona und Venedig, die die nordischen Luftströme zu kanalisieren scheinen. Dann schweift mein Blick zu dem Ort, den ich „mein Zuhause“ nenne und ich bin fast gerührt, den Namen so groß und deutlich lesen zu können: LA SPEZIA.

Im Sans Serif DesignUnd hier nähert sich Paula meinem Ohr und flüstert mir zu: „Ich könnte dir noch weitere tausend Karten zeigen, aber jetzt hast du „deine“ gefunden und wirst dich davon nicht mehr trennen können.“

Fotos: ©Filippo Lubrano