Politik

Najat Vallaud-Belkacem : Ich hätte auch gern Erasmus gemacht!

Artikel veröffentlicht am 17. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 17. Oktober 2014

Mit 37 Jahren ist Najat Vallaud-Belkacem die erste Frau in der Geschichte der französischen Republik auf dem Posten der Bildungsministerin. Ein großer Schritt für die französische Politik und für sie selbst. Hier spricht die Ministerin der Parti Socialiste mit uns über das Erasmus-Programm, über ihre Wurzeln, den französischen Staat und ihre Generation.

cafébabel: Hätten Sie auch gerne Erasmus gemacht?

Najat-Vallaud Belkacem: Ich hätte Erasmus geliebt. Wenn ich die vielen jungen Leute nach ihrem Erasmus-Aufenthalt treffe, denke ich mir, dass hätte ich auch gern gemacht. Man verändert sich dadurch, wird viel mehr zu einem europäischen Bürger. Nirgendwo sonst wird es so deutlich, dass das Gefühl Europäer zu sein, durch Projekte wie Erasmus entsteht.  

cafébabel: In wie weit ist dieses Programm eine Möglichkeit für junge Menschen? 

Najat-Vallaud Belkacem: Da gibt es einige. Erst einmal den Punkt, dass man versteht, dass Europa eine Einheit von verschiedenen Ländern ist, die aber alle das selbe Ziel haben und sich die jungen Leute von heute als Brüder und Schwestern verstehen. Letztendlich ist es aber auch ein Projekt, das einem viel für die berufliche Ausbildung bringt. Wenn man längere Zeit im Ausland war, dann macht sich das schon gut im Lebenslauf.  

cafébabel: Die europäische Kommission hat erst kürzlich ein sehr positives Dokument über das Programm veröffentlicht. Es wurden teilweise Beispiele benutzt, die nicht ganz der Realität zu entsprechen scheinen. Werden in Bezug auf Erasmus auch viele Märchen erzählt? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich glaube, es besteht gar kein Grund dazu, sich zu dem Programm irgendwelche Märchen auszudenken. Es ist einfach wirklich unglaublich. Wenn man sich das Europa von vor fünfzig Jahren anguckt, dann sieht man, welcher Weg schon hinter uns liegt. Heutzutage profitieren von dem Mobilitätsprogramm bereits 75000 junge Franzosen. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen, damit Erasmus noch attraktiver erscheint. Es ist bereits attraktiv genug. Außerdem muss man sagen, dass zu Zeiten der Krise, das Budget für Erasmus um 40 Prozent im Vergleich zu vorher (2007-2013, AdR.) gestiegen ist. Es ist der Etat, der am meisten in Europa steigt und das ist nicht einfach selbstverständlich. 

cafébabel: Nur wenige Personen haben verstanden, was die Vorteile von Erasmus + sein sollen. Was ist das Neue daran und was der Fortschritt in Hinblick auf den europäischen Austausch? 

Najat-Vallaud Belkacem: Das neue Programm deckt ein viel größeres Feld ab, als das vorherige. Ab jetzt richtet sich Erasmus+ nicht mehr nur an Studenten, sondern auch an Auszubildende und Lehrlinge oder auch an Erwachsene, die bereits einen Beruf ausüben und an die Ausbilder selbst. Alles in allem vereint Erasmus+ alle vorherigen europäischen Programme für den internationalen Austausch und ist gleichzeitig einfacher und offener. Dank der Anhebung des Budgets, werden wir auch die Förderung für die jungen Leute anheben können, um denjenigen mit geringerem Einkommen das zu geben, was sie brauchen. 

cafébabel: Erasmus schlägt immer wieder neue Rekorde, wenn es um die Beliebtheit geht. Dennoch gehen sowohl in Frankreich, aber auch insgesamt in Europa, nur etwa 2 Prozent der Studenten ins Ausland, um dort zu studieren. Wird dieser Gegensatz nicht etwas geheimgehalten? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich finde, bis vor kurzem hat man in dieser Hinsicht nicht genügend unternommen. Für den Programmstart von Erasmus+ waren wir vier Minister. Das bezeugt ganz klar unseren Willen, das Programm ins europäische Rampenlicht zu rücken. So muss es auch weiter gehen. Aber, so wie bei allen europäischen Projekten, ist das Problem, dass es medial unterrepräsentiert ist. Man sieht die positiven Aspekte einfach als gegeben an und schätzt die komplizierteren Vorgänge einfach als das ein, was zur Arbeit der Europäischen Kommission gehört. Wir müssen selbst dafür sorgen, dass man darüber spricht.   

cafébabel: Und wie?

Najat-Vallaud Belkacem: Da muss man sich keine neuen Methoden ausdenken. Man muss nur davon überzeugt sein. Und dann alle Informationskanäle benutzen, um über Europa zu sprechen. Das kann ein Interview sein oder selbst ein einfacher Tweet. Ehrlich gesagt, jedes Mal wenn ich über die Mobilität der jungen Leute spreche, erinnere ich damit an die Projekte in Europa. Und jetzt muss das eben einfach eine automatisierte Handlung werden.

cafébabel: Ein Programm wie Erasmus richtet sich oft an einen bestimmten Typ von Student, oftmals aus einer bestimmten Schicht und sowieso schon priviligiert. Haben die französischen Studenten alle die gleichen Möglichkeiten an dem Austauschprogramm teilzunehmen? 

Najat-Vallaud Belkacem: Wie immer ist es auch hier der Fall, dass die französischen Studenten nicht alle den gleichen Zugang zu Informationen haben. Bei der Wahl des Studiengangs oder allgemein bei Entscheidungen, die die Zukunft betreffen, gibt es immer noch Schüler der Lycée, die nichts von der Existenz der Eliteunis, den Grandes Écoles, wissen. Das ist eine große Herausforderung, die ich in Angriff nehmen will, weil ich weiß, dass dies über das spätere Schicksal des einen oder anderen entscheiden kann. 

cafébabel: Sie selbst haben von der französischen Eliteuniversität für Politikwissenschaften aus Zufall erfahren... 

Najat-Vallaud Belkacem: Ja, ich hatte Glück. Aber man kann nicht nur auf Glück und den richtigen Moment warten, es liegt auch an den öffentlichen Mächten, sich für die jungen Leute einzusetzen, damit alle, egal welcher Schicht sie angehören, den selben Zugang zu Informationen haben.  

cafébabel: Sie sind in Marokko geboren. War Ihre doppelte Staatsbürgerschaft ein Vorteil in Ihrer politischen Karriere?

Najat-Vallaud Belkacem: In persönlicher Hinsicht hat mir meine doppelte Staatsbürgerschaft geholfen, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen. Ich habe mehrere Zugänge zu den Dingen. In dieser Hinsicht, finde ich, sind mehrere kulturelle Einflüsse immer eine Chance. 

cafébabel: Umgehen Sie so die Kritiken, die sich auf ihre Herkunft beziehen? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich glaube, man sollte diesen Kritiken nicht zu viel Bedeutung beimessen. Natürlich sind sie sehr unangenehm, aber man darf auch nicht annehmen, dass sie sehr repräsentativ für irgendetwas der französischen Gesellschaft sind. Ehrlich gesagt, habe ich, seit ich den Posten der Bildungsministerin angetreten bin, habe ich unglaublich viele Nachrichten bekommen, die mich bestätigt haben. Und das ist doch viel berührender. 

cafébabel: Von außen betrachtet, überrascht Frankreich immer wieder mit seinen Hang, sich gegen reaktionäre Ideologien zu stellen. Wie würden Sie das soziale Klima im Land beschreiben? 

Najat-Vallaud Belkacem: Um es nochmal zu sagen, ich glaube, dass man solchen Bewegungen nicht zu viel Bedeutung beimessen darf. Ich glaube, dass spiegelt Frankreich nicht wieder. Meiner Meinung nach müssen die Umstände solche Kritiker zum Schweigen bringen, statt darauf mit niederen Instinken, wie Angst oder den Rückzug in sich selbst, zu reagieren. Man muss eher die nobleren Instinkte ansprechen: Solidarität und das Zusammenleben. 

cafébabel: So wie Sie Stellung beziehen zu den Dingen und durch Ihre Ideen allgemein, transportieren Sie ein neues Bild der sozialen Fragen Frankreichs. Auf wen beziehen Sie sich selbst in erster Linie? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich würde sagen, dass ich mich durch das Leben definiere, welches ich glücklicherweise führen konnte. Ich habe viel gelernt durch Ségolène Royal (während der Präsidentschaftswahlen 2007, AdR), als lokale Abgeordnete in Lyon und durch meine Prägung durch zwei Kulturen. Es ist wohl eher dieser Mix aus verschiedenen Laufbahnen und Erfahrungen, der bewirkt, dass ich mir heute meiner selbst und meiner Überzeugungen sicher sein kann. 

cafébabel: Haben Sie nicht den Eindruck, dass Sie ganz allein darstehen, wenn es innerhalb Ihrer Partei um die Verteidigung von den Rechten der LGBT-Community oder Feminismus geht? 

Najat-Vallaud Belkacem: Also immerhin sind wir eine Regierung, die der Ehe für alle zugestimmt hat! Alles in allem stimmt es aber schon, dass ich innerlich dafür lange Jahre mit mir kämpften musste und ich dies im Namen des Kampfes gegen die Diskriminierung getan habe. Unsere Verantwortlichen haben das Thema noch nicht genügend bearbeitet. Und für mich war das einfach eine Notwendigkeit.   

cafébabel: Glauben Sie, dass Frankreich anderen europäischen Ländern in der Frage um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern voraus ist?   

Najat-Vallaud Belkacem: Im Jahre 2012 war dies nicht immer der Fall. Seit zweieinhalb Jahren, so finde ich, haben wir Fortschritte gemacht. Ohne das geringste Lob dafür zu bekommen, haben wir wirklich viel getan seit wir das Ministerium für Frauenrechte gegründet haben. So dass Frankreich heute schon sehr viel besser dasteht. 

cafébabel: Orientieren Sie sich an einem anderen europäischen Modell?

Najat-Vallaud Belkacem: Die nordischen Länder sind schon eine gute Quelle der Inspiration für mich, weil die Politik uns dort Jahrzehnte in dieser Frage voraus hat. Es gibt dort eine wichtige Kultur der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. 

cafébabel: Sie repräsentieren auch eine Generation der Krise. Wie kriegt man die Jugend aus dem Loch der "verlorenen Generation" raus, in der sie heutzutage gefangen scheint? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich glaube, man muss den jungen Leuten einfach mal wirklich demütig zuhören. Es gibt Arbeitslosigkeit, die Arbeitsmarktkrise, die Zukunftsangst, den sozialen Abstieg... Ich glaube nicht ans Schicksal! Ich glaube sehr an unsere Jugend, an unsere Generation, daran, dass sie sich wirklich zusammenraufen können, wenn man ihnen die Mittel an die Hand nimmt. Und eines dieser Mittel ist Bildung. Die Schule muss in der Lage sein, Jugendliche auszubilden und sie zu verantwortungsbewussten Bürgern zu machen.   

cafébabel: Was wäre das erste, was Sie einem jungen Menschen sagen würden, der nicht mehr an die Politik glaubt? 

Najat-Vallaud Belkacem: Ich sage ihnen, dass sie sich engagieren sollen. Nicht unbedingt in der Politik, aber zum Beispiel in einem Ehrenamt. Wenn man sich engagiert, spürt man die Komplexität der politischen Verantwortung und bekommt einen anderen Blick auf die politischen Abgeordneten. Der heutige Blick der jungen Leute auf die Welt der Politik, ist voller Misstrauen, fatalistisch. Die Wahrheit ist, dass es viel komplizierter ist als das. Ja, Politik kann was verändern. Immer wenn ich an junge Menschen denke, da können Sie sich sicher sein, dann sage ich ihnen, dass sie sich engagieren sollen. Die beste Art zufrieden mit seinem Schicksal zu sein, ist es, wenn man es selbst in die Hand nimmt. Wenn man nur Zuschauer ist, ist man zwangsweise frustriert.