Politik

Nach Merkel: Cameron giftet gegen Multikulti

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2011
Der britische Premier David Cameron sieht im Multikulturalismus eine der Ursachen für das Problem seines Landes mit radikalen Islamisten und forderte auf der Münchner Sicherheitskonferenz einen "muskulöseren Liberalismus". Die Presse lobt vorsichtig seine Ziele, kritisiert aber massiv seinen Weg, der rechtsradikale Ansichten aufwerte.

Financial Times: Camerons Rede ist ein Aufruf zur Reflexion - und zur Handlung; Großbritannien

Der britische Premier David Cameron hat die Politik des Multikulturalismus angegriffen, weil sie zu Extremismus führen kann. Die liberalkonservative Tageszeitung Financial Times spendet vorsichtig Beifall: "Das Problem zu identifizieren ist leichter, als eine Lösung zu finden. [...] Großbritannien hat mit seiner Haltung des Laisser-faire bei der Einwanderung versucht, fremde Identitäten als Teil eines Mosaiks der Gemeinschaften zu erhalten. Das republikanische Modell Frankreichs hingegen schickt Einwanderer durch die Mühle der Erziehung in der Hoffnung, damit französische Modellbürger zu schaffen. Kein Ansatz funktioniert vollständig; sowohl Großbritannien wie Frankreich haben gewalttätige Explosionen des Hasses erlebt. [...] Der Premier will es 'unmöglich' machen, dass Extremisten erfolgreich sind. Das Ziel selbst ist unmöglich, aber lobenswert. Wir sollten nicht nur gegenüber dem Extremismus intolerant sein, sondern auch gegenüber der Apathie gegenüber Extremismus. Camerons Rede ist ein Aufruf zur Reflexion - und zur Handlung." (Artikel vom 08.02.2011)

El País: Cameron - ähnlich wie Merkel – konkurriert auf einem terrain, auf dem es kaum etwas zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt; Spanien

Das Konzept des Multikulturalismus mit der Terrorbekämpfung zu verquicken wie der britische Premier David Cameron es getan hat, ist für die linksliberale Tageszeitung El País gefährlicher Unsinn: "Die Notwendigkeit, die Kontrolle in Stadtvierteln wie Luton zu verstärken, hat nichts mit der Akzeptanz oder der Ablehnung des Multikulturalismus zu tun. Hierbei handelt es sich um einen akademischen Begriff, der in der politischen Debatte nichts zu suchen hat. In der geht es nur um die Effizienz im Aufspüren und Zerschlagen terroristischer Netzwerke. Für diese Aufgabe im Bereich der Sicherheit muss sich jede Regierung verantworten, auch die von Cameron. Wer die Rechenschaft über die Ausübung dieser Aufgabe in den Bereich der Konzepte verschiebt, kann vielleicht eine konkrete politische Verantwortung verbergen, zahlt aber dafür den Preis, den Diskurs der Rechtsradikalen zu legitimieren. Durch diese Taktik zwingt sich Cameron selbst - so wie vor einiger Zeit Merkel und auch andere europäische Politiker - auf einem Terrain zu konkurrieren, auf dem es kaum etwas zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt."

(Artikel vom 08.02.2011)

De Standaard: Mehrheit der Migranten wird sich durch die Bemerkungen von Merkel und Cameron beleidigt fühlen; Belgien

Mit seiner Rede über das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft folgt der britische Premier David Cameron Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Kulturwissenschaftler Rik Pinxten kritisiert ihre Haltung in der Tageszeitung De Standaard als nicht staatsmännisch: "Die Mehrheit der Migranten wird sich durch die Bemerkungen von Merkel und Cameron beleidigt fühlen. Zu Recht. Denn sie suchen ein anderes Gleichgewicht zwischen ihrer religiösen und kulturellen Eigenart und dem westlichen Kontext, in dem sie leben und in dem sie ihren Kindern eine Zukunft geben wollen. Es wäre doch ein Mindestmaß an Anstand, wenn die Spitzen so ethnisch vielfältiger Länder wie das Vereinigte Königreich oder Deutschland lernen würden, im Namen der gesamten Bevölkerung zu sprechen, die sie vertreten. [...] Aber ihre Reden sind der Beweis für eine enge 'kulturalistische' Mentalität ('meine Kultur' gegen die 'Multikultur'), wenn sie alle Menschen anderer Herkunft in eine Ecke drängen, zu der Minderheit frustrierter und auf ihre ewig feste und traditionelle Identität schwörender Kernmuslime."

(Artikel vom 08.02.2011)

Contributors.ro: Politiker des westlichen Europas beginnen, auf Signale von Wählern zu reagieren; Rumänien

Die Kritik des britischen Premiers David Cameron am Multikulturalismus ist eine Reaktion auf die Ängste mancher Wähler, meint Petru Clej in seinem Blog auf dem Portal Contributors.ro: "Großbritannien verfolgt [...] eine extrem liberale Politik gegenüber den ethno-religiösen Minderheiten. Es gibt Schulen für Muslime, die mit Staatsgeldern finanziert werden, und islamische Kopftücher sind in öffentlichen Institutionen ganz normal. Drei Monate, nachdem die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, eine ähnliche Position eingenommen hat, indem sie sagte, dass Immigranten die deutsche Sprache lernen müssten und den Multikulti-Ansatz für gescheitert erklärte, folgt nun Cameron. Das zeigt, dass die Politiker des westlichen Europas beginnen, auf Signale von Wählern zu reagieren, die in vielen Ländern von der extremen Rechten angezogen werden. Cameron und Merkel, zwei Politiker des Mitte-Rechts-Spektrums, geben den Sorgen eine Stimme, die immer mehr europäische Bürger miteinander teilen."

(Artikel vom 08.02.2011)

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