Politik

Mohammed-Karikaturen: Humor oder Hass?

Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2006
Seit langem wurde in den europäischen Medien nicht mehr so heftig über das Recht auf freie Meinungsäußerung debattiert. Doch wo liegt die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und Beleidigung?

Im Laufe dieser Woche eskalierte der Aufruhr um die Mohammed-Karikaturen, die erstmals im September in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht wurden. Nachdem es gegenüber Dänemark zu Todesdrohungen, dem Abzug von Diplomaten, Boykotten und andern diplomatischen Sanktionen kam, wurde der Stein des Anstoßes auch in französischen, deutschen, spanischen, italienischen und niederländischen Zeitungen veröffentlicht. Daraufhin wurde am Mittwoch, dem 1. Februar, der Chefredakteur von France Soir durch Raymond Lakah, den französisch-ägyptischen Besitzer des Blattes, entlassen. Nicht zuletzt hieran entzündete sich eine europaweite Debatte, ob ein „Recht auf Blasphemie“ existiert.

Währenddessen kommt es im Rest der Welt zu weiteren bedenklichen Reaktionen. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta wurde die die Lobby des Gebäudes, in dem sich die dänische Botschaft befindet, gestürmt, in Gaza drangen bewaffnete Palästinenser in die Büros der Vertretung der EU-Kommission ein, im Westjordanland wurden Ausländer bedroht.

Die Palästinenser forderten innerhalb eines 48-stündigen Ultimatums Entschuldigungen der Regierungen Frankreichs, Dänemarks und Norwegens. Dabei übersahen sie jedoch, dass Eingriffe in die Pressefreiheit und die Entschuldigung für die Inhalte von Zeitungen nicht zum Zuständigkeitsbereich demokratischer Regierungen gehören.

Ein anderes Ereignis bildet einen interessanten Kontrast zu diesen Forderungen: Die britische Regierung war am Dienstag, den 31. Januar nicht in der Lage, den von ihr geplanten „Racial and Religious Hatred Act“ in erster Lesung zu verabschieden. Künstler, Schriftsteller und Comedians des Landes begrüßten die Niederlage, da sie dadurch ihr Recht auf Kritik an Glaubenssätzen und Religionen verteidigt sahen.

Hetze oder Satire?

Doch inwieweit richten sich die Karikaturen nun wirklich gegen den Islam? Das Hauptargument der Kritiker lautet, dass es dem Koran zufolge grundsätzlich falsch ist, ein Abbild des Propheten zu schaffen. Denn kein Mensch könne je in der Lage sein, dessen Anmut und Herrlichkeit angemessen darzustellen.

Aber handelt es sich bei den Karikaturen tatsächlich um einen Versuch der Darstellung oder vielmehr um bloße Satire? Gewiss können die Karikaturen gläubige Menschen verärgern. Aber läßt sich wirklich sagen, dass sie Rassenhass hervorrufen? Man kann davon ausgehen, dass rational denkende Menschen die Satire durchschauen und dass jene, die dies nicht tun, auch dann ihre radikalen Positionen vertreten würden, wenn sie die Bilder nicht gesehen hätten.

Das hohe Gut der freien Meinungsäußerung

Es liegt im Wesen der Religion, der Politik und natürlich des Humors, subjektiv zu sein. Wenn man etwas in den Medien beleidigend findet, wird man normalerweise, solange es die Grenze der Legalität nicht überschreitet, eine andere Zeitung lesen oder umschalten. In Großbritannien etwa wird von vielen die Fremdenfeindlichkeit der Daily Mail oder die beharrliche Schwulen-Phobie der Sun beanstandet. Diese Zeitungen werden deshalb von diesen Menschen nicht gelesen. Ironischerweise besteht die Möglichkeit, dass der öffentliche Aufschrei der islamischen Welt als Reaktion auf die Karikaturen selbst Vorurteile bestätigt und Hass schürt. Schließlich könnte er leicht von der politischen Rechten missbraucht werden, indem diese die Forderungen als Zensur darstellt und somit den neusten Auswuchs extremer politischer Korrektheit instrumentalisiert.

Während Rassendiskriminierung oder offene Hetze gegen eine andere gesellschaftliche Gruppe nie toleriert werden sollte, ist es unerlässlich, das Recht auf Kritik, Spott und Satire zu bewahren. Wie Voltaire es treffend formulierte: „Ich widerspreche dem was Sie sagen, aber ich würde Ihr Recht, es zu tun, bis zum Tode verteidigen“.

Diese Aussage sollte auch weiterhin das Mantra einer freien und fortschrittlichen Gesellschaft darstellen.