Politik

Marokkanische Studenten in Frankreich: bitte keine Politik!

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014

Oumaïma Rach­di stu­diert Pu­bli­zis­tik in Ca­sa­blan­ca. Als Eu­ro­med Re­por­terin in­ter­es­sier­te sie sich für das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment jun­ger Ma­rok­ka­ner in Paris. Sie stieß dabei auf Rat­lo­sig­keit, Un­wohl­sein und Gleich­gül­tig­keit. Nun er­klärt sie uns, warum sie keine Ant­wor­ten auf die Fra­gen ihrer Re­por­ta­ge fand.

ca­fé­ba­bel : Warum hast du das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment der jun­gen Ma­rok­ka­ner in Frank­reich als Thema ge­wählt?

Ou­maïma Ra­chdi : Ich woll­te her­aus­fin­den, ob Po­li­tik für die Ma­rok­ka­ner all­ge­mein ein Ta­bu­the­ma ist. Ob die Stu­den­ten in Paris ge­nau­so wie ihre Kol­le­gen in Ma­rok­ko davon über­zeugt sind, dass po­li­ti­sche Krei­se nur einer Min­der­heit von Ein­ge­weih­ten zu­gäng­lich sind. In mei­nem Land ist Po­li­tik für Nor­mal­sterb­li­che ein ver­bo­te­nes Thema. Sie ist zu eng mit dem Kö­nigs­fa­mi­lie ver­knüpft, die wie­der­um ih­rer­seits das ei­gent­li­che Ta­bu­the­ma ist. Es ist eine wahre Aus­nah­me, wenn man junge Men­schen in Ma­rok­ko über Po­litk dis­ku­tie­ren hört. In den letz­ten Jah­ren waren wir Zeu­gen ver­ein­zel­ter Ver­su­che jun­ger Men­schen mei­ner Ge­ne­ra­ti­on, al­ter­na­ti­ve po­li­ti­sche Be­we­gun­gen ins Leben zu rufen. Es war die Be­we­gung des 20. Fe­bru­ars (2011, Anm. der Re­dak­ti­on), die von den Ord­nung­hü­tern und den tra­di­tio­nel­len po­li­ti­schen Par­tei­en sehr schnell mund­tot ge­macht wurde. Am 6. April die­ses Jah­res wur­den in Ca­sa­blan­ca junge Men­schen ins Ge­fäng­nis ge­schickt, weil sie eine fried­li­che, ge­neh­mig­te Kund­ge­bung or­ga­ni­sisert hat­ten.

ca­fé­ba­bel : Hast du bei den Ma­rok­ka­nern in Frank­reich ähn­li­che po­li­ti­sche Zu­rück­hal­tung be­ob­ach­tet?

Ou­maïma Ra­chdi: Der ma­rok­ka­ni­sche oder ara­bi­sche Dis­kurs ist genau der­sel­be. Po­li­tik ist ein Ta­bu­the­ma. Die Men­schen, die ich in Frank­reich ge­trof­fen habe, wol­len mit Po­li­tik nichts am Hut haben. Ich war sehr er­staunt dar­über in Frank­reich genau dies­sel­ben Flos­keln vor­ge­setzt zu be­kom­men - mit ab­schließen­dem Hoch­lob „Vive le Roi" (Hoch lebe der König! Anm. der Re­dak­ti­on). Und das ob­wohl ich haupt­säch­lich mit jun­gen Men­schen ge­spro­chen habe, die seit Lan­gem in Frank­reich ar­bei­ten und stu­die­ren. Ich dach­te sie hät­ten zu­min­dest In­ter­es­se an der Po­li­tik in ihrer Wahl­hei­mat. Wir reden hier von In­ge­nieu­ren, Fir­men­chefs, Wirt­schafts­stu­den­ten, Me­di­zi­nern... Die meis­ten mei­ner In­ter­view­part­ner sind längst auch fran­zö­si­sche Staats­bür­ger und mach­en von ihrem Wahl­recht durch­aus Ge­brauch. Aber sie wol­len sich nicht po­li­tisch en­ga­gie­ren. 

ca­fé­ba­bel: Weißt du warum?

Ou­maïma Ra­chdi: Ich denke, dass der Grund in der Er­zie­hung liegt. In Ma­rok­ko haben Ge­ne­ra­tio­nen um Ge­ne­ra­tio­nen ein­ge­trich­tert be­kom­men, dass Po­li­tik ge­fähr­lich ist. Wer sich dafür in­ter­es­sier­te, spielt mit dem Feuer. Und doch ist in Ma­rok­ko eine fran­zö­si­sche Mi­nis­te­rin ge­bo­ren. Und eine Ex-Mi­nis­te­rin, deren El­tern von Ma­rok­ko nach Frank­reich aus­ge­wan­dert sind, soll­te die erste Ma­rok­ka­ne­rin in einer fran­zö­si­schen Re­gie­rung wer­den. (Es han­delt sich um Najat Vallaut-Bel­ka­cem und Ra­chi­da Dati, Anm. der Re­dak­ti­on).

ca­fé­ba­bel: Wes­halb kom­men ma­rok­ka­ni­sche Stu­den­ten nach Frank­reich?

Ou­maïma Ra­chdi: In Ma­rok­ko ge­nießen die Ab­schlüs­se an fran­zö­si­schen Hoch­schu­len hohes An­se­hen. Französische Diploma machen es ein­fa­cher, einen guten Job zu fin­den. Die jun­gen ma­rok­ka­ni­schen Stu­den­ten sind vor allem auf der Suche nach Er­fah­run­gen, die es ihnen in ihrem spä­te­ren Be­rufs­le­ben er­mög­li­chen schnel­ler vor­an­zu­kom­men. Die be­lieb­tes­ten Stu­di­en­be­rei­che sind tech­ni­sche Stu­di­en, Wirt­schaft und Me­di­zin. Alle jene, mit denen ich mich un­ter­hal­ten habe, wol­len auf jeden Fall wie­der in ihr Hei­mat­land zu­rück­keh­ren. Das Ge­fühl des „le­bens­lan­gen Ein­wan­de­rers" kam immer wie­der zur Spra­che. Und der Wille, etwas in Be­we­gung brin­gen zu wol­len. Die­ser Wille be­zieht sich aber nie auf po­li­ti­sches En­ga­ge­ment, immer nur auf Be­rufs­fel­der und per­sön­li­che Am­bi­tio­nen. Die Spra­che ist wohl ein wei­te­rer Grund für die Wahl eines Stu­di­ums in Frank­reich. Und die guten di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen! (La­chen).

Die­ser ar­ti­kel ist teil der SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE « EU­RO­MED RE­POR­TER » IN Paris. cafébabel Ar­bei­tet hier in ko­ope­ra­ti­on mit iwatch , Search for common ground und der stif­tung anna Lindh. bald fin­det ihr alle ar­ti­kel der «EU­RO­MED RE­POR­TER » auf seite eins des ma­ga­zins.