Politik

Luxemburg: drei Sprachen, eine Nation

Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2006
Das Beispiel Luxemburg zeigt: Bei 39% Ausländeranteil ist es nicht leicht, ein Nationalbewusstsein zu schaffen. Einzig durch die Sprache scheint dies möglich.

Das kleine Luxemburg ist zwischen Frankreich, Deutschland und Belgien eingekeilt und vor allem als Steuerparadies bekannt. Wer jedoch durch die Straßen der gleichnamigen Hauptstadt spaziert, merkt schnell: Hinter dem hohen Lebensstandard seiner Bürger versteckt sich eine dynamische, vielseitige Nation, die ständig auf der Suche nach der eigenen Identität ist.

39% Ausländeranteil

Man bedenke nur, dass 39% der etwa 455 000 Einwohner Luxemburgs Ausländer sind. Wie ist dieser EU-Rekord zu erklären? Ein Blick in die Geschichte hilft. 963 gegründet, wurde Luxemburg abwechselnd von Frankreich, Preußen, Belgien und Holland regiert, bis es sich 1839 die Unabhängigkeit erkämpfte. Aber nicht nur das. 1952 war Luxemburg einer der Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Diese hatte im Großherzogtum auch bis 2002 ihren Sitz, bevor ihre Tätigkeiten in den Kompetenzbereich der EU übergingen. Heute ist Luxemburg Sitz des Europäischen Gerichtshofes, des Europäischen Rechnungshofes und einiger Büros der Kommission sowie der Übersetzungsdienste des Parlaments. Ein europäisches Image, das immer mehr Ausländer anzieht.

Widerstand durch Lëtzebuergesch

Kann in einem Land, in dem Ausländer seit Jahrhunderten Bestandteil der Gesellschaft sind, überhaupt ein „Nationalbewusstsein“ entstehen? „Das Nationalbewusstsein der Luxemburger ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden“ glaubt Gerald, ein irischer Übersetzer, der seit 10 Jahren in Luxemburg lebt. „Es ist heute insbesondere unter älteren Menschen und auf dem Land stark ausgeprägt und äußert sich im Festhalten an der luxemburgischen Sprache“.

Die eigene Sprache, das „Lëtzebuergesch“, spielt in Bezug auf die nationale Identität der Luxemburger tatsächlich eine wichtige Rolle. 1941 organisierten die deutschen Besatzer eine Personenstandsaufnahme, in der die Luxemburger angeben sollten, ob ihre Staatsbürgerschaft, Muttersprache und Volkszugehörigkeit Deutsch oder Französisch seien. Der zu dieser Zeit amtierende Gauleiter Simon erhoffte sich, dass die Luxemburger mehrheitlich alle drei Fragen mit „Deutsch“ beantworteten. Doch jene gaben zu 90% „Lëtzebuergesch“ an brachten so ihren Widerstand gegen die Besatzung zum Ausdruck. Das war der Beginn eines nationalen Identifikationsprozesses durch die Sprache.

1984 wird „Lëtzebuergesch“ per Gesetz zur offiziellen Amtsprache erhoben und damit die Dreisprachigkeit des Großherzogtums geschaffen. Die Existenz dieser drei Sprachen zementierte die Unterscheidung zwischen „echten“ Luxemburgern mit ihrem Nationalbewusstsein auf der einen und den ausländischen Bürger, die auf luxemburgischen Territorium leben, auf der anderen Seite. Obwohl Französisch und Deutsch Verwaltungssprachen sind und die Einheimischen sich mit Fremden in diesen Sprachen unterhalten, ist gerade, vielleicht sogar nur das Lëtzebuergesche für die nationale Identität kennzeichnend. So muss jeder, der die Staatsbürgerschaft des Großherzogtums erlangen will, seine Kenntnisse dieser Sprache durch ein entsprechendes Zertifikat beweisen.

Integration an den Schulen

Nichtsdestotrotz kann die Sprache kein Grund für Diskriminierungen sein. Deshalb hat sich die luxemburgische Regierung eine beispielhafte Sozialpolitik zu eigen gemacht. Sie bietet für ausländische Bürger Sprachkurse und für deren Kinder besondere Fördergruppen in den Schulen an. Die Integrationsbemühungen richten sich jedoch nicht nur an Ausländer. An den Schulen wird auch in Französisch und Deutsch unterrichtet, andere Kulturen spielen dort eine große Rolle. Das ist besonders für zukünftige Generationen von Vorteil, das Land öffnet sich so gegenüber dem Ausland.

Durch eine solche Politik werden Einwanderer nicht abgeschreckt, da sichergestellt wird, dass jeder seine nationale Identität bewahren kann. „Die Portugiesen waren die ersten Einwanderer nach dem Krieg und sind nun integrativer Bestandteil unserer Gesellschaft“ betont Claudia, die ursprünglich aus Lissabon kommt und seit acht Jahren am Übersetzungszentrum für die Einrichtungen der EU in Luxemburg arbeitet. „Dennoch versuchen wir, unsere Traditionen und unsere Identität aufrecht zu erhalten. Integration ist nicht synonym mit der Verschmelzung von Kulturen“.

Die EU könnte von der Geschichte dieses kleinen Landes lernen. Von einem berühmten Luxemburger ist folgener Satz bekannt: „Wenn erst einmal der Nationalismus besiegt ist, wird es wichtig sein, neue Strategien zu entwickeln, um Europa zu vereinen.“ Er stammt von Robert Schumann, dem „Vater“ der EU.