Politik

Linksjugend: If nothing goes right, go left

Artikel veröffentlicht am 13. September 2013
Artikel veröffentlicht am 13. September 2013

linksjugend['solid] nennt sich die Jugendorganisation von DIE LINKE, die mit markanten Sprüchen zu zivilem Ungehorsam und öffentlichem Protest aufruft. Hannes Retzlaff (26), Bundesschatzmeister von linksjugend['solid], im Interview und 3. Teil unserer Serie "Jung & politisch" zu den Bundestagswahlen 2013. 

"If nothing goes right, go left!", "Kämpf mit uns!", "Nicht ganz so scheiße wie die Anderen!" - Das Ausrufezeichen hinter den Protestaufforderungen darf auf den Plakaten der Jugendorganisation linksjugend['solid] nicht fehlen. Denn die Position in der politischen Arbeit lautet: Immer schön in Opposition zu den anderen Parteien bleiben. Finanziert von der Partei DIE LINKE und mit viel ehrenamtlichem Engagement kämpfen etwa 5000 aktive und noch einmal so viele passive Mitglieder in 16 Landesverbänden für eine gerechte(re) Gesellschaft. Wir treffen Hannes im traditionsreichen Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz.

Cafébabel Berlin: Hannes, du bist bereits Bundesschatzmeister der Organisation. Wie ist dein politischer Weg bisher verlaufen?

Hannes Retzlaff: Als Jugendlicher habe ich mich in der Antifa für ein "Dresden ohne Nazis" engagiert. Der G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 war die Initialzündung für mein Engagement in der Linksjugend. Erst war ich in der Gruppe in Friedrichshain, dann in verschiedenen Bündnissen aktiv, zum Beispiel im Bildungsstreik 2009. Mir gefällt, dass sich linksjugend['solid] auch mit anderen außerparlamentarischen Gruppen organisiert. Wir sind pluralistischer geworden. Es gibt Leute, die zum anarchistischen Spektrum, zum Kommunismus, zum Parlamentarismus zählen. Als ich zum Landesschatzmeister von Berlin gewählt wurde, war es zum Bundesschatzmeister kein weiter Weg mehr. 

CB: Was erwarten junge Menschen in Deutschland von der Politik? 

HR: Die Interessen der Jugend sind meistens nicht wichtig, sie haben keine Stimme und ihre Proteste werden teilweise kriminalisiert. Junge Menschen werden politisch immer mehr entmündigt; durch inakzeptable Arbeitsbedingungen sind ihre Lebensbedingungen prekär. Deswegen haben wir für den Wahlkampf die Themen „Wohnraum – Prekarisierung der Jugend – Feminismus“ gesetzt. Es sind Themen, die für junge Menschen besonders relevant sind. 

CB: Welche Aufgaben und Ziele verfolgt ihr, auch auf europäischer Ebene?

HR: Wir sehen uns als Scharnier zwischen der Partei DIE LINKE und sozialen Bewegungen in Deutschland und Europa, um linke Politik zu machen. So erreichen wir auch außerparlamentarische Bewegungen und Organisationen, die nicht unbedingt mit Parteien zusammen arbeiten möchten. In unserem Arbeitskreis Internationales findet viel Austausch zwischen europäischen Bewegungen statt, außerhalb davon treffen wir uns in Camps oder laden Aktivist*innen zu großen Protestaktionen ein.

CB: Was können die Jugendorganisation in der aktuellen Krise in Europa tun?

HR: Die Agenda 2010 war einer der größten neo-liberalen Vorstöße der letzten Jahrzehnte. CDU und FDP sagen nun „ist doch alles schick, Deutschland ist über die Krise gekommen“ und jetzt versuchen sie, diese Politik in ganz Europa durchzusetzen, z.B. mit der Abschaffung der Mindestlöhne in Griechenland und Portugal. Von 40 Millionen Arbeitnehmern arbeiten 10 Millionen im Niedriglohnsektor. Damit ist Deutschland im Vergleich DAS Niedriglohnland der Europäischen Union und zerstört die Märkte der Nachbarn, da Unternehmer in Deutschland billiger produzieren können. Während die Unternehmensgewinne steigen, stagnieren die Löhne seit zwanzig Jahren - Jugendarmut und Jugendarbeitslosigkeit sind die Folge. Der wirtschaftliche Erfolg in Deutschland wird von den Arbeiter*innen bezahlt. Dass sowas als Erfolg verkauft wird... wenn die Parteien soziale Marktwirtschaft sagen, dann weiß ich nicht, was ihr Begriff von sozial ist.

CB: Wie wollt ihr gegen diese Missstände angehen? 

HR: Wir setzen eher auf politische Bildung und möchten mit Demonstrationen und Protestaktionen Bewusstsein schaffen. Die politische Strategiearbeit liegt eher bei der Partei. Allgemein streben wir an, dass sich Arbeitnehmer*innen selbst organisieren oder Konsumenten Genossenschaften bilden. Es gibt jedoch kein explizites Wirtschaftsmodell, das wir vertreten. Menschen sollten im Vordergrund stehen, nicht Märkte.

CB: Welche Ideen der jungen Linken können dazu beitragen, die liberale Hegemonie in Europa zu brechen?

HR: Schwierig. Es muss mehr Vernetzungsarbeit unter den linken Organisationen stattfinden. Auch die Streitigkeiten innerhalb der verschiedenen linken Gruppierungen sollten beendet werden, so dass wir gemeinsam kämpfen können. Die Leute glauben nicht mehr an die Politik, gerade unter jungen Menschen ist dieses Vorurteil sehr beliebt. Deutschland wird überall gefeiert, aber kein Mensch glaubt an die Politik. 

CB: Wie stellt ihr euch das perfekte Europa vor?

HR: In der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass die aktuelle Regierung die Bedürfnisse der Märkte vor die Bedürfnisse der Menschen stellt. Europa sollte menschlicher und solidarischer werden. Mehr Verständnis, Toleranz und weniger Nationalbewusstsein und Rassismus wären gut, wie z.B. "die faulen Griechen, die nur unser Geld wollen". Dazu gehört auch, dass die EU ihre Grenzen öffnen und Frontex abschafft. 16.000 Menschen sind an den Außengrenzen Europas bisher gestorben. Und wenn keine Rettungsschirme mehr gespannt, sondern ein Umverteilungsprozess zwischen den europäischen Ländern in Gang gesetzt werden könnte, würden sich die Länder mehr solidarisieren. Das Wort Solidarität sollte ernst genommen werden.

CB: Deine Prognose für die Bundestagswahl 2013?

HR: DIE LINKE bekommt 8% und wir werden eine große Koalition bekommen.